Gottseliger Pater Viktrizius Weiß, Provinzial des Kapuzinerordens, + 8.10.1924 – Gedenktag: 8. Oktober

 

Im Leben des heiligen Johannes Vianney von Ars wird berichtet: Ein französischer General wollte den Gottesmann gerne einmal sehen und suchte ihn auf. Mit leisem Spott fragten die Offiziere: „Na, sieht der anders aus als gewöhnliche Sterbliche?“ Ganz ernst entgegnete der General: „Ja, ich habe Gott in einem Menschen gesehen.“ Also ein Christusbild in menschlicher Verkleinerung! Wir sollen ja alle Gottes Nachbilder werden. Pater Viktrizius, der demütige greise Exprovinzial der bayerischen Kapuzinerprovinz, wandelte als lebendiges Christusbild mitten unter uns, seinen Zeitgenossen. Ein verstorbener Ordensgeneral der Barmherzigen Brüder äußerte sich mehrmals über ihn:  Ich glaube nicht gerne an lebende Heilige, aber Pater Viktrizius ist gewiss einer. Das rechtmäßige Urteil hierüber steht der Kirche zu. Des „Volkes Stimme“ aber, die „Gottes Stimme“ künden soll, spricht nur mit Verehrung von dem sieghaften Gottesstreiter, der mit aller Kraft nach Heiligkeit gerungen hat. Seine Mitbrüder, die im täglichen Verkehr seinen frommen Wandel zu beobachten Gelegenheit hatten, müssen bezeugen, dass Pater Viktrizius die christlichen Tugenden in einem heroischen Grad, in einem über das Gewöhnliche hinausgehenden Maß geübt und besessen hat. Damit ist die Voraussetzung gegeben, auf Grund der einmal das Urteil der Kirche wird angerufen werden können.

 

Gleich dem gottseligen Bruder Konrad hat auch Pater Viktrizius das reichgesegnete Niederbayern zur irdischen Heimat. Ein lieblicher Fleck Erde, das von der Rott durchflossene Eggenfelden in der Diözese Regensburg, trug seine Wiege. Der 18. Dezember 1842 ist sein Geburtstag. Wenn „gute Eltern dreiviertel des Kindes sind“, dann hatte Anton Weiß schon ein vorzügliches irdisches Erbteil mit auf den Weg bekommen. Sein Vater Johann Anton, aus einer glaubensstarken Goldschmiedsfamilie von Nabburg in der Oberpfalz stammend, war ein vielgesuchter Wundarzt. Energie, Strebsamkeit, hilfreiche Liebe zu den Mitmenschen und vorbildliche Religiosität zeichneten ihn aus. Die Mutter, Anna, geborene Zaunegger, aus begüterter Bürgermeisterfamilie in Eggenfelden, hatte durch die treffliche Schule der Ursulinen in Straubing sowohl gediegene Bildung wie eine tiefe Frömmigkeit sich erworben. Von Natur sanft und ruhig, war sie doch eine rührige Hausfrau. Die trefflichen Eltern hatten überdies ihren glücklichen Kindern noch eine treue, fromme Hüterin ihrer ersten Jugendjahre gegeben, eine echte Franziskusjüngerin, die mit ihren liebebeseelten Erzählungen, zu denen auch die Heiligengeschichte anregenden Stoff bot, Herz und Phantasie der Kleinen aufs günstigste beeinflusste. Es muss ein Stückchen Paradies gewesen sein, in das der Herr seinen Liebling während der Kindheit versetzt hatte. Aber war auch dem Bösen der Zutritt verwehrt, so begannen doch schon bald die Dornen, die eines jeden Erdenkindes Weg umsäumen und es stählen für den Kampf und die Entsagung des Lebens, auch des kleinen Anton Füße zu verwunden. Der zarte, schmächtige Knabe wurde krank und schon schien es, als ob die Engel die Unschuld des Kindes in Gottes Heimat sicherer als auf Erden bergen wollten. Der himmlische Vater aber hatte beschlossen, dem Himmel die größere Freude zu schaffen über eine in mühevollem, langem Streit behütete Mannesunschuld und die kindlich reine Seele eines leiderprobten Greises. Der Gott alles Trostes, der über alles Maß gut ist mit den Seinen in Erweisen seiner Huld, wollte auch der heiligen Kirche und dem Orden des heiligen Franziskus die geistige Kraft, das erhebende Tugendbeispiel und die Segensfülle des Gebetes seines treuen Dieners schenken. Der kleine Anton genas wieder. Weil aber das Leben ein Kapital ist, das ausgenützt werden will, so war er bemüht sein Leben zinsreich zu gestalten. Das kann nicht früh genug geschehen. So wurde der Knabe schon, den Anregungen seiner Eltern folgend, der frohwillige Bote ihrer Nächstenliebe. Wiederholt in der Woche überbrachte er einer bedürftigen Witwe die Überbleibsel des Mittagstisches, und wenn er dabei dem Söhnchen der Bedachten noch eigens ein Stückchen Brot reicht, so ist das seine eigene Gabe, wohl sein Erspartes.

 

Im Jahr 1854 siedelte die Familie Weiß von Eggenfelden nach Landshut über. Am dortigen Gymnasium begann und vollendete Anton seine Studienlaufbahn, in allen Klassen als der erste. Dabei zeigte er aber solche Bescheidenheit, Friedfertigkeit, Dienstgefälligkeit und mustergültige Frömmigkeit, dass schon seine Kameraden seine künftige Heiligkeit ahnten. Erklärlich, dass ihn bei der Berufswahl das Priestertum anzog. Nach einem Jahr Philosophiestudium in München trat Anton Weiß 1862 in das Klerikalseminar Freising ein. Seine theologischen Studien schloss er 1866 mit dem ersten Preis in der Predigtwissenschaft ab. Die niederen und höheren Weihen, die den Priesteramtskandidaten stufenweise ins Heiligtum einführen, waren für den Alumnus Weiß immer Tage hohen Glückes. Sie brachten ihn ja auch in immer engere Verbindung mit dem göttlichen Heiland, dem ewigen Hohenpriester, dessen Liebe schon in jener Vorbereitungszeit sein ganzes Herz ergriffen hatte, bis ihn schließlich die Priesterweihe ganz in Gottes Hand gab. Am Fest der Apostelfürsten 1866 wurde ihm die Weihe durch den Erzbischof Gregor von München erteilt.

 

Die erste seelsorgliche Verwendung des jungen Priesters auf schwerem Arbeitsfeld, in St. Silvester zu Schwabing-München, erwies bereits seinen unstillbaren Seeleneifer, der die vielen Hemmnisse und Unzukömmlichkeiten in Liebe überwand, wie auch das Gleichmaß, die Ruhe und Abgeschiedenheit seines Wesens. Nach drei Jahren wurde er ins Klerikalseminar nach Freising als Präfekt und Repetitor berufen, um hier an der Heranbildung des künftigen Klerus mitzuwirken und zugleich sich selbst in der heiligen Wissenschaft noch weiterzubilden. Hernach, 1871, hat sich denn auch der strebsame Gelehrte an der Universität München mit Auszeichnung den Doktortitel geholt auf Grund einer wissenschaftlichen Abhandlung über die Liturgie der afrikanischen Kirche zur Zeit des heiligen Cyprian und Tertullians. Neben den gelehrten Studien zog es den nach innen gerichteten Mann immer wieder zum Studium des christlichen Lebens, zur Erlernung der Wissenschaft der Heiligen. Er machte sich mit den heiligen Vätern, besonders mit dem fromminnigen Bernhard vertraut. Seine ernsten, tiefgründigen Betrachtungen gingen aufs Praktische. Wie spürte er den feinsten Fäden der Eigenliebe nach! Wie war er betrübt, wo er sich von dem verworrenen Gespinst des Menschensinnens umflattert sah, so dass ihm selbst ein Bangen ob des Priesterberufes ankam, den er doch so sehr liebte und dem er so gewissenhaft lebte. Bezeichnend ist ein Wort, dass ein anderer Weiß, der damals in Freising lehrte, Dr. Adalbert Weiß, unserem gottgesammelten Anton Weiß zurief: „Ja, Anton, du bist ja immer in Beschauung!“ Nach dem Tod des Paters Viktrizius gab ihm der berühmte Dominikaner das Zeugnis einer außerordentlichen Sammlung und innerer Konzentration und nannte seinen „Kollegen und Freund“: einen „wahren Mann Gottes“.

 

Bei solch ernstem Ringen nach einem vollkommenen christlichen Leben, bei so ausnehmender Frömmigkeit war es ganz erklärlich, dass der allverehrte Priester und Lehrer auf eine glänzende Laufbahn und auf Ehren in der Welt verzichtete und seine Schritte ins Kloster richtete. Nur dass er den strengen Kapuzinerorden wählte, fand man unbegreiflich. Der zart gebaute, immer kränkliche Mann, der schon wiederholt Blutbrechen hatte, würde unmöglich das strenge Leben eines Kapuziners mit seinem mitternächtlichen Chorgebet in kaltem Winter und seinen sonstigen schweren Anforderungen an die Gesundheit aushalten können. Doch der Beruf war von Gott und Gott gibt die Kraft. In Christi Kraft hat der gottselige Ordensmann, freilich unter heroischen Mühen, die leiblich und seelisch entgegenstehenden Hindernisse überwunden, hat all die Opfer des Ordenslebens, die Pflicht, Gewissen und der Antrieb des Heiligen Geistes ihm nahe legten, durch lange Jahre in Treue gebracht. Er hat bis ins hohe Alter von zweiundachtzig Jahren seinem Namen Viktrizius, der Siegreiche, der Überwinder, volle Ehre gemacht.

 

Am 20. August 1875 hat der Gottselige im damaligen Noviziatskloster Burghausen das Kleid des heiligen Franziskus genommen. Unter dem Novizenmeister Pater Paulus Geiger und seinem Koadjutor (Amtsgehilfen) Pater Augustin M. Ilg, dem bekannten Ordensschriftsteller, machte er das von heiligsten Gesinnungen und Entschlüssen getragene Probejahr. Den neuen, überall brauchbaren Professen konnten seine Oberen zu den wichtigsten Stellen heranziehen. Nur deswegen wollen wir diese Verwendungen kurz anführen, weil viele unserer Zeitgenossen, die den Gottseligen an den verschiedenen Orten noch kannten, dafür dankbare Beachtung haben werden. Zuerst wurde ihm der Unterricht der Laienbrüder in Eichstätt übertragen. Zwei Jahre darauf, 1878, kam er als Koadjutor des Novizenmeisters an die Stelle des erkrankten Pater Ilg nach Laufen, 1882 als Vikar, Brüder-Instruktor und Bibliothekar wiederum nach Eichstätt, kehrte aber schon im folgenden Jahr als Quardian und Koadjutor des neuen Novizenmeisters Pater Engelbert Walter, mit dem er als Alumnus in Freising um den Predigerpreis gerungen, nach Laufen zurück. Beim Kapitel der bayerischen Kapuzinerprovinz, 1884, wurde Pater Viktrizius zum Provinzial erwählt und bei der nächsten Wahl 1887 abermals. Nach Ablauf seiner sechsjährigen Amtszeit blieb er ein Jahr in Altötting und wurde dann als Quardian und Klerikermagister nach Eichstätt versetzt. Im Jahr 1893 wurde Viktrizius durch das Vertrauen seiner Mitbrüder wieder zum Provinzial erwählt und trug neuerdings sechs Jahre lang die Last dieses verantwortungsvollen Amtes, nach dessen Beendigung er sich als einfacher Pater nach Neuötting zurückzog. Von 1900 an abermals Quardian und Führer der Kleriker in Eichstätt, dann zum Definitor der Provinz erwählt, zwei Jahre Vikar in Karlstadt am Main, wurde der überall Erprobte vom Provinzkapitel 1905 zum fünften Mal als Provinzial berufen. Nach dreijähriger gesegneter Amtstätigkeit zog er sich 1908 in das Kloster auf dem Maria-Hilf-Berg zu Vilsbiburg zurück, um sich an der Gnadenstätte der lieben Mutter Gottes auf eine gute Sterbestunde vorzubereiten. Noch sechzehn Jahre schenkte ihm der Herr, Jahre des Gebetes und der Sammlung, Jahre schweren Leidens, aber auch noch eifriger Tätigkeit im Beichtstuhl und privater Beratung.

 

So konnte der gottselige Ordensmann ein halbes Jahrhundert lang sein heiligmäßiges, arbeits- und opfervolles, tugend- und segensreiches Leben einer ganzen Ordensprovinz schenken, die er zudem fünfzehn Jahre als Provinzial, als erster, verantwortungsvollster Oberer leitete. Als gewissenhaft besorgter, mit allen Gaben des Heiligen Geistes ausgerüsteter, gütiger Provinzoberer lebt Pater Viktrizius im Gedächtnis seiner ihn hoch verehrender Mitbrüder fort. Seinem eigenen stillen Wesen entsprechend, vollzog sich seine Haupttätigkeit in der Abgeschiedenheit des Klosters für das Kloster und für den ganzen Orden. Er wirkte durch die Heranbildung der Novizen, durch geistliche Vorträge für die Priesteramtskandidaten des Ordens, durch eindrucksvolle Exerzitienvorträge in den Klöstern seines und anderer Orden. Eine kanonische Visitation des Pater Viktrizius als Provinzial wirkte so tief und fruchtreich gleich Exerzitien, wie ein hervorragendes Mitglied des Ordens und römischer Konsultor bezeugt. Weil alles, was er dabei sprach und tat, von wahrhaft väterlicher Liebe, von kluger Milde und Güte getragen war, erfrischte es die Seelen und feuerte sie zu kräftigem Tugendstreben an. Milde war der Grundzug seines Wesens. Schon seine äußere Erscheinung hatte etwas Anziehendes, Gewinnendes an sich. Obzwar groß an Gestalt, konnte der schwache, hagere Mann doch über keine starke Stimme verfügen. Wenn er aber sprach, auf der Kanzel oder in Privatunterredung, so nahm er sofort jeden für sich ein. Sein außerordentliches Tugendbeispiel riss zur Gefolgschaft hin: „Werdet meine Nachahmer, wie ich Christi Nachahmer bin (1. Korinther 11,1)!“

 

Das Tugendbeispiel des gottseligen Paters Viktrizius! Als am 8. Oktober 1924, da eben die Sonne unterging, sein irdisches Leben sich zum Untergang neigte, da erlosch nicht die Leuchte seines erhabenen Tugendbeispiels, das solange wegführend den Seinen voranschimmerte, vielmehr scheint es eben jetzt noch weitere Kreise ziehen zu wollen. Allgemein wird bezeugt, dass sein Tugendleben weit über das gewöhnliche Maß eines guten Christen hinausragte, dass es ein heroisches Tugendleben war, dass sein beharrliches Streben nach der Vollkommenheit jenes innige Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit war, das der Herr mit seinen Seligpreisungen bedacht hat. Glaube, Hoffnung und Liebe, Gottes- und Nächstenliebe waren das Element, das Mark und die Kraft seines Lebens. Nicht nur dass er diese göttlichen Tugenden unzählige Male in herzlichster Art erweckte, dass er in Wort und Schrift („Ewige Anbetung“) für ihre Notwendigkeit kräftigst eintrat: der Gottselige hat sie mit außerordentlicher Lebensinnigkeit und Treue geübt. Was Thomas von Celano vom heiligen Franziskus, in dessen Fußstapfen Viktrizius wandelte, sagt: „Er war ganz Gebet geworden“, das galt auch von ihm: Der gottinnige Ordensmann, der sich seinem Herrn und Gott bei der Profess als eine lebendige Opfergabe übergeben hatte, ist ganz Glaube, ganz Vertrauen, ganz Liebe, er ist ganz Gebet, eine seelische Einheit mit Gott geworden.

 

Wie lebendig war sein Glaube! Wie groß seine Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Gott! Die üblichen Ordensgebräuche, die Zeremonien am Altar, die er mit der denkbar größten Genauigkeit hielt, auch noch als gebrechlicher Greis, ohne sich durch irgendwelche äußere Vorgänge stören zu lassen, waren nur der tiefste Ausdruck seiner gläubigen gotthingegebenen Seele. Die Feier der heiligen Messe wirkte ergreifend. Mit vollstem Durchdrungensein von der erhabenen Handlung, mit innigster Selbstergriffenheit sprach er die Gebete, besonders die drei vor der heiligen Kommunion. Ging er vom Altar weg, so konnte man wohl sein Angesicht ganz gerötet sehen von der inneren Andachtsglut. Wie von jugendlicher Kraft gehoben, schritt er dahin, während er sonst so gebrechlich einherging. Bei Ablegung der Gewänder redete er mit niemanden. Dann kniete er lange, lange an seinem Platz im Chor, die Augen mit dem blauen Kapuzinertaschentuch bedeckend, um die Tränen aufzuhalten, die ihnen unaufhaltsam entquollen. Man konnte danach, wenn er den Platz verlassen hatte, die Bank nass finden von den sichtbaren Spuren seiner Dankesergriffenheit. Diese gab sich überdies unwillkürlich auch in lauten Anmutungen des Glaubens, der Hoffnung und Liebe kund und fand in den tiefsinnigen Anrufungen des Gebetes: „Seele Christi“ unter kräftigen Seufzern ihren lebendigsten Ausdruck. Immer wieder zog der liebe Heiland im Sakrament wie mit magnetischer Gewalt den glaubensinnigen, in Gott gefestigten Mann in seine Nähe. Und mochte dem schon gebrechlichen Greis die Winterkälte arg zusetzen, er wich nicht vom Tabernakel. Schließlich konnte man ihn, wenn man ihn sprechen wollte, immer im oberen, etwas geheizten Chor finden, obwohl ihm das Hinaufsteigen über die lange Treppe sehr beschwerlich wurde.

 

Die große Heilandsliebe, die ihren Abglanz auch auf das Äußere des Gottseligen warf, war sicherlich eine Gnadenfrucht seines betrachtenden Gebetes. In früherer Zeit zeichnete er schier täglich, später seltener, in ganz kleiner Schrift und mit eigenen Kürzungen den Hauptinhalt und die Lichtpunkte seiner Betrachtung auf. In seiner letzten Krankheit hatte er den Pflegebruder flehentlich gebeten diesen Pack Schriften zu verbrennen. Durch Anordnung des Hausoberen aber wurden sie gerettet und geben jetzt nach mühevoller Entzifferung beredtes Zeugnis von der ausdauernden, ernstesten Arbeit des Nachfolgers Christi an sich selbst, um Zug für Zug des Heilandes zu kopieren, das Gottesbild im Menschen getreuestens nachzubilden. Täglich hat er den Kreuzweg gebetet. Ergriffenen Blickes stand er vor den Stationen, ohne Buch, die Leiden des Erlösers betrachtend. Wenn er sich allein glaubte, dann konnte der sonst so stille Mann überlaut werden. Mit Lebhaftigkeit und einem ganz dramatischen Eifer bekundete er manchmal sein Mitleid mit Jesus und seiner schmerzhaften Mutter, wobei sein gerechter Unwille über die Widersacher des Herrn sich auch gelegentlich stürmisch Luft machte.

 

Alle Wünsche und Handlungen des  gottseligen Pater Viktrizius waren einzig auf Gott bezogen, ohne jede irdische Absicht. Darum ertrug er auch die Widerwärtigkeiten des Lebens mit staunenswerter Geduld. Sein Vertrauen war unerschütterlich fest auf die Vorsehung gerichtet. Als die schon der Verwirklichung näher gerückte Vereinigung der griechischen Kirche in Bulgarien mit der katholischen durch die Niederwerfung dieses Landes im großen Krieg vereitelt wurde, äußerte sich ein Pater, er verstehe nicht mehr, wie die Vorsehung diese Wendung zulassen konnte. Gleich suchte Pater Viktrizius diesen Pater auf und machte ihm ernste Vorstellungen, dass er nicht auch hier Gottes Fügung oder Zulassung ehre; der Herr habe schon seine Gründe und seine Zeit. Wie lag ihm das Wohl der Kirche, die Ausbreitung des Reiches Christi am Herzen! Wurde über die Belange, die Anliegen und Sorgen der Kirche gesprochen oder vorgelesen, dann hörte er mit der größten  Aufmerksamkeit zu und konnte sich nicht genug hören, selbst wenn es ihm wegen seiner Kränklichkeit schwer fiel. Kam die Rede auf segensvolle Taten oder wirksame Worte des Heiligen Vaters, der Bischöfe oder einflussreicher  Menschen, dann leuchtete sein ganzes Wesen in dankbarem Mitgefühl auf. Über Leiden und Kämpfe der Kirche, besonders über Ärgernisse war der kindlich Ergebene zutiefst betrübt. Eigenartiger, bitterster Schmerz lag dann über seinem Antlitz. Hörte er von Fehlern anderer – er selbst sprach nie davon – so war seine erste Mahnung: Doppelt eifrig beten, sühnen, Gott durch Opfer bestürmen, dass der Fehlende wieder zur Einsicht käme, das Ärgernis wieder gut gemacht würde! Wieviel er selbst, zumal in seinen langen Leidensjahren, gebüßt und geopfert hat, entzieht sich der Beurteilung. Klagen hörte man ihn nie, aber beten konnte man ihn Tag und Nacht hören.

 

Pater Viktrizius war eine Opferseele  im ausgeprägtesten Sinn des Wortes. Zu allen Leiden, nach innen und außen, zu jedem Opfer und Verzicht schon durch die Profess bereit, hat er durch die Tat sein langes Ordensleben zu einem ununterbrochenen Opferleben gemacht. Ehre, Liebe und Sühne dem heiligsten Herzen, das er so innig liebte, dem er mit der letzten Faser seines Herzens anzugehören wünschte: dienende Hingabe, Liebe und Aufopferung für den Nächsten, um ihn glücklich und heilig zu machen: das war der Inhalt seines Gebetes, seiner Arbeit, seiner Leiden. Er hat sich den Ausspruch des heiligen Paschalis: „Gegen Gott ein Kind, gegen sich ein strenger Richter, gegen den Nächsten eine Mutter“ mit zur Grundlage seiner Gewissenserforschung gewählt. Oft und oft kommt er in seinen Aufzeichnungen darauf zurück. Sollte er es dann nicht auch hierin zur Meisterschaft gebracht haben?

 

Der allzeit gütige Provinzial konnte niemand bedrückt sehen. Jeden suchte er aufzurichten in und außerhalb des Beichtstuhls. Er besaß die Gabe des Rates in besonderem Maß. Kam man mit einer Bitte zu ihm, durfte man versichert sein, dass er die Angelegenheit des Hilfesuchenden zu seiner eigenen machte. Wenige Worte von ihm genügten, um einen Mutlosen oder Ängstlichen wieder aufzurichten, einen Zweifel oder schwierigen Gewissensfall zu lösen; ein einziger Blick seines milden Auges vermochte trübe Stimmungen zu verscheuchen. Ein jüngerer leidender Pater plagte den Diener Gottes schier jeden Tag, bisweilen über eine Stunde mit seinen Skrupeln. In aller Geduld, wahrhaft mit der Liebe einer Mutter nahm er sich des Armen an. Mochte das Ehrfurchtgebietende seines Wesens im Besucher eine gewisse heilige Scheu erwecken, so gewann doch zugleich noch bezwingender die vertrauenerweckende, freudebringende Art seines Umgangs das Herz zu offener Aussprache. Pater Viktrizius war auch hierin ein Nachbild des lieben Heilands, von dem Kraft und Vertrauen auf alle Bedrängten überging.

 

Im Leben des nach Verähnlichung mit Christus strebenden Kapuzinerprovinzials treten auch die sittlichen Tugenden ganz auffallend in die Erscheinung. Gerechtigkeitsliebe, Pflichttreue, Klugheit, Mäßigkeit, Geduld, Starkmut, Sanftmut zierten ihn. Eine wunderbare Beherrschung der Zunge war ihm eigen, was ja nach Jakobus (3,2) Zeichen „eines vollkommenen Menschen“ ist. Ein ganz ausnehmendes Merkmal des Paters war aber seine allseitige Demut, eine äußere und innere Demut. Sein ganzes Benehmen und Auftreten war bescheiden und demütig. Von sich wollte er nie ein Aufheben gemacht wissen, wo er nur konnte, trat er zurück gemäß seinem Lebensgrundsatz: Cupio nesciri; ich wünsche unbekannt zu bleiben. Als ihm bei der Einkleidung der Name Viktrizius gegeben wurde, rief er aus: „Gott sei Dank! Das ist ein Name, den sich die Leute nicht merken können.“ Mit ängstlicher Sorgfalt vermied er alles, was ihn in den Augen anderer, auch seiner Mitbrüder als irgendwie hervorragend, als tugendhafter oder gelehrter hätte erscheinen lassen. Seine Predigten waren trotz innerer Glut schlicht und einfach, ohne alles Wortgepränge. Dagegen hörte er selber überaus gerne, so lange er nur konnte, die Predigten anderer und war dabei so demütig aufmerksam wie ein unwissendes, heilsbegieriges Mütterlein. Ist das nicht wieder ein Zeichen der Auserwählung? Denn „wer aus Gott ist, der hört Gottes Wort“ (Joh 8,47).

 

Der Mann, der ständig, wie man glaubt, im Zustand der Beschauung lebte, redete nie so, dass man daraus auf seine Seelengröße hätte schließen können. Als einmal in der harten Kriegszeit ein hoher kirchlicher Würdenträger in Gegenwart der Konventpatres dem hochverehrten Pater Exprovinzial bedeutete, er halte viel auf sein Gebet hinsichtlich Beendigung des Krieges, da wurde der bescheidene und sanfte Franziskussohn ganz erregt und lehnte die ausgesprochene Wertschätzung aufs entschiedenste ab. Es war sehr schwer, etwas über seine eigene Person, seine wissenschaftlichen Arbeiten, seine reiche Erfahrung von ihm herauszubekommen. Ergingen Fragen an ihn, so gab er bescheidene Antwort, bestand aber nie auf seiner Meinung.

 

Wundern wir uns nicht, wenn wir auch an dem Diener Gottes jene uns so schwer verständliche Wahrnehmung machen, die uns oft bei Heiligen begegnet, dass er sich aufrichtig als großer Sünder, als den letzten von allen betrachtete. Tiefgehende, oft und oft wiederholte Betrachtungen über das geschöpfliche Nichts vor Gottes Größe, über seine gänzliche Abhängigkeit von dem Allmächtigen, über seine Mängel und Fehler, die in seinen vom Licht des Glaubens erleuchteten Augen zu großen Vergehen anwuchsen, hatten ihm dieses andauernde lebhafte Bewusstsein seiner Sündhaftigkeit und Bußverpflichtung von Gott gebracht. Doch machte ihn diese Erkenntnis nicht verwirrt oder mutlos. So konnte man ihn, als er nicht mehr gut hörte, oft ganz laut aufseufzen hören: „Mein Jesus, Barmherzigkeit!“ Dem folgte aber auch ebenso oft der laute Hoffnungsruf: „Heiligstes Herz Jesu, ich vertraue auf dich! Von meiner Schwachheit fürchte ich alles, von deiner Güte hoffe ich aber auch alles!“ Hieraus wie aus seinen glücklich geretteten Aufzeichnungen geht übrigens hervor, dass auch unserem guten Pater Viktrizius Tugend und Heiligkeit nicht so ohne weiteres in den Schoß gefallen sind, dass er heiß darum ringen, Schwierigkeiten und Hindernisse überwinden musste und dass er eben auch seine Unvollkommenheiten und Fehler hatte, mochten diese auch von anderen als ihm kaum bemerkt worden sein, aus denen er sich aber durch stete Wachsamkeit und Energie, dank auch des ständigen Gebrauchs der Gnadenmittel, zur Höhe emporriss. Wie zu vermuten erlaubt ist, hat der Gottesstreiter gerade die zarte Lilie unbefleckter Reinheit mit heißen Kämpfen gegen den bösen Feind, der sie ihm selbst in den späteren Jahren noch hart anstritt, „siegreich“ durchgetragen bis zum Ende.

 

Dem demutsvollen Buß- und Sühnegeist des Gottseligen kam der liebe Gott vielfach mit Heimsuchungen und Leiden entgegen. Müssen diese doch auch über den Gerechten kommen (Psalm 34,20). Pater Viktrizius hatte ein schweres Blasenleiden, Hämorrhoiden, ein Herzleiden, das ihm öfter das Blut gegen den Kopf trieb, mehrere Lungenentzündungen. Ein durch Reizung der Bronchien bewirkter Husten war so stark, dass Erstickungsanfälle eintraten. Wegen peinlicher Störung der Mitbrüder musste er schließlich die Kommunität meiden. Außerdem war er in den letzten acht bis zehn Jahren fast erblindet und recht schwerhörig. Ohne Klage, ja freudig ertrug er auch diese harten Prüfungen. „Du musst dich bereit erklären zum Leiden“, ermunterte sich selbst der Leidensjünger in seinen Aufzeichnungen. „Jesus will in dir leiden!“ „. . . Ich will von der Welt nichts mehr haben als das Leiden, um, Jesus, dir darin ähnlich zu werden. O könnte ich dir in allem ähnlich werden!“ „Der Weg zum Vater ist ein Kreuzweg.“

 

Doch nicht genug der körperlichen Leiden! Der frohgemute Franziskussohn, der so sehr die geistliche Freude liebte und zu beleben suchte, sollte noch im letzten Jahr seines Lebens von andauernder und immer wiederkehrender Trostlosigkeit und Verlassenheit gepeinigt werden. Wie bitter schwer drückte der Gedanke auf seine Seele, zuletzt nach all den Mühen, Opfern und Martyrien noch verloren zu gehen! So viele Trostbedürftige hatte er gestärkt und Christi Blut für sie geopfert, nun schien ihm selbst dieser Trost wie abgeschnitten. Aber der erfahrene Ringkämpfer im geistlichen Leben ließ nicht nach im Gebet, nicht ab vom kindlichen Vertrauen. „Ich kann doch nicht verzweifeln,“ hat er einmal geschrieben, „weil deine (Gottes) Liebe zu mir so überaus groß ist von Jugend auf!“ Aber durfte denn im treuen Christusbild des Dieners Gottes der letzte, der herbste Zug im Antlitz des sterbenden Erlösers, die zermalmende Verlassenheit vom Vater, fehlen?

 

Nun schien es vollbracht! Das Christusbild vollendet! Ein Mitbruder malte einen Kreuzweg. Öfters im Tag besuchte Pater Viktrizius die fertigen Bilder, Station um Station betrachtend, ohne den Maler zu bemerken, der in eine Ecke schlich. Es war tief ergreifend, wie der fromme Greis mit erlöschendem Auge das Antlitz des Heilandes auf dem Bild suchte, sich ganz darin versenkte, um gleichsam Zug für Zug des göttlichen Kreuzträgers aufzufangen. Ja, mit Gottes Gnade ist es dem nimmermüden „Weggefährten des Kreuzes“ gelungen, das von ihm tausendmal gestammelte Gebetchen wahr zu machen: „Jesus, sanft und demütig von Herzen, mache mein Herz gleich deinem Herzen!“

 

Der Diener Gottes wurde auf dem Ordensfriedhof im Kloster Vilsbiburg in einem ausgemauerten Grab und in einem Doppelsarg beigesetzt. Zu dieser Abweichung vom gewöhnlichen Herkommen war die allgemeine Meinung bestimmend, dass man einen außergewöhnlichen, einen heiligen Ordensmann der Erde übergeben habe. Rasch mehrte sich dieser Ruf der Heiligkeit. Ungewöhnliche Gnadenerweise und Gebetserhörungen auf die Anrufung des Gottseligen hin werden gemeldet. Der Wunsch des Volkes, zu seinem Grab innerhalb der Klosterklausur Zutritt zu haben, wurde immer lauter und allgemeiner. Deswegen wurden schon am 19. Oktober 1927 die ehrwürdigen Überreste des verehrten Toten in die Wallfahrtskirche übertragen, wo sie nun im rechten Seitenschiff vor dem St.-Anna-Altar eine neue Ruhestätte gefunden haben. Von dieser Stelle aus war ja der gottselige Pater Viktrizius sechszehn Jahre hindurch als Beichtvater ein gesuchter Berater und Helfer. Möge er von da aus noch vielen ein wirksamer Fürbitter bei Gott werden!

 

„O Herr, schicke mir Verdemütigungen! Sie gehören mir. Ich will verachtet werden; denn das ist meine Sache, mein Anteil!“ – „O Herr, gib mir doch die Liebe, diese wunderbare Macht! Gib mir einen Funken aus deinem Herzen!“ (Worte des Gottseligen)