Der selige Rudolf Sherwin, Priester und Martyrer in England, + 1.12.1581 – Gedenktag: 1. Dezember

 

Zu der apostolischen Schar, die am 18. April 1580 mit dem Segen des Papstes Gregor XIII. die gefahrvolle Reise von Rom nach England antrat und die als Führer die beiden großen Jesuitenmissionare Pater Persons und Campion hatte, gehörte auch der selige Rudolf Sherwin, der erste Martyrer des englischen Kollegs zu Rom, der auch Campions treuer Gefährte vor Gericht und unter dem Galgen auf Tyburn bei London war. Sherwin hatte seine Studien in Oxford gemacht und sich den Ruf eines ausgezeichneten Griechen und Lateiners erworben. Gleich vielen anderen verließ er sein Vaterland und kam 1575 nach Douay und dann in das neu gegründete englische Kolleg nach Rom. Bevor nun diese glaubensbegeisterten Engländer die ewige Stadt verließen, gingen sie auch zum Abschied zu dem greisen heiligen Philipp Neri, um seinen Segen für ihr gefahrvolles Unternehmen zu erbitten. Wie wirksam erwies sich gerade dieser Segen des großen Volksheiligen! All die jugendlichen Soldaten Christi, wie sie hintraten zu dem merkwürdigen Greis, harrten Mann für Mann aus im Kampf und errangen Krone und Palme, nur einer ausgenommen, der es versäumt hatte, diesen gnadenreichen Segen zu empfangen. Es zählten nämlich zu dieser Schar noch zwei Priester, der selige Lukas Kirby, der am 30. Mai 1582 als Martyrer starb, und Eduard Rishton, der ebenfalls zum Tode verurteilt, danach aber verbannt wurde. Von den übrigen zwei Gefährten, die bei der Abreise noch nicht Priester waren, wurde der eine, Briscoe, ebenfalls gefangen und wahrscheinlich verbannt, der andere aber, Pascal, war der einzige, der das Unglück hatte, dem Glauben aus Furcht vor der Folter untreu zu werden, zum großen Schmerz seines Lehrers Sherwin, und das war gerade der, der sich den Segen des heiligen Philipp Neri nicht geholt hatte.

 

Wie damals Englands Boden einem katholischen Priester schier todsicher zum Verderben wurde, erhellt aus einer kleinen Tatsache, die ein Licht auf die weit verzweigte, rührige Tätigkeit der katholikenfeindlichen englischen Polizei wirft. Am selben Tag noch, da die opferbereite Missionsgesellschaft von Rom abfuhr, teilte ein Spion, der sich als Student in das englische Kolleg eingeschlichen hatte, dem Staatssekretär Walsingham die Namen und die Personenbeschreibung der Abgereisten mit. Da ist es nicht zu verwundern, dass der selige Campion mit aller Sicherheit antwortete, als man ihm statt seines alten, abgetragenen Bedientengewandes ein neues anbot: „Für mich, der ich nach England gehe, um gehängt zu werden, ist jeder Anzug gut genug.“

 

In Mailand genossen die Missionare die Gastfreundschaft des heiligen Karl Borromäus, der ein besonderer Beschützer der englischen Verbannten war. Die seligen Sherwin und Campion mussten vor dem heiligen Erzbischof predigen, welcher Aufgabe sie sich hier, wie auch sonst öfters ganz vortrefflich entledigten, auch wenn sie ohne Vorbereitung sprechen mussten. Der Heilige hinwiederum predigte ihnen, ohne Worte, durch sein strenges, arbeitsames Leben eindringlich genug, so dass sie, nach einem Bericht Pater Persons, hocherbaut und außerordentlich begeistert von ihm schieden. Auf der Weiterreise hatten sie den Mut die Wiege des Kalvinismus, Genf, zu besuchen, das mit den Neuerern in England eng verbunden war. Da an den Toren scharfe Wache gehalten wurde, führte man die unbekannten Ankömmlinge vor den Rat. Über ihre Religion befragt, gestanden sie, dass sie katholisch seien. „Das sind wir auch,“ entgegnete der Rat. „Ja,“ erwiderte darauf Sherwin offen: „Aber wir sind römisch-katholisch.“ Unumwunden gaben sie als Ziel ihrer Reise das englische Kolleg in Reims an. Dieses offene Bekenntnis ihres Glaubens achtete der Rat von Genf so hoch, dass er die Jesuiten und katholischen Priester in der städtischen Herberge verpflegen und dann frei ziehen ließ, obwohl er doch die günstige Gelegenheit hätte ergreifen können, die gefährlichen Gegner gefangen zu nehmen und der englischen Regierung zu überliefern. Sogar dem kalvinistischen Reformator Theodor Beza machten sie einen Besuch, doch wich dieser einem Religionsgespräch aus.

 

In Reims mit Jubel empfangen, sprach Campion von „dem Feuer, das Jesus auf die Erde zu senden gekommen war“. Das Feuer, das die Irrlehrer angefacht haben, hätte furchtbare Verwüstungen angerichtet und die Herzen der Menschen mit der Glut des Hasses erfüllt. Dieses Feuer mit vereinter Kraft zu löschen, sei ihre Aufgabe, zu löschen durch das Wasser der reinen katholischen Lehre, durch die Milch liebevollen Umgangs und heiligen Beispiels, endlich auch, wenn es sein müsste, durch das Blut des Martyriums, das wohl die Kraft habe, dieses Feuer zu ersticken. Der Eindruck der Worte Campions war ein unvergesslicher. Hier in Reims schlossen sich der Schar aus Rom zu dem neuen apostolischen Feldzug nach England noch mehrere opfermutige Männer an, unter ihnen auch der selige Thomas Cottam.

 

Die Überfahrt nach England sollte aus Vorsicht nicht auf ein und demselben Schiffe und dem gleichen Weg, sondern getrennt auf vier verschiedenen Wegen unternommen werden, um so mehr, als von drüben die Warnung gekommen war, die Regierung sei von dem Plan der Missionare unterrichtet. Die Jesuiten in St. Omer trugen schwere Bedenken, ihre Mitbrüder ziehen zu lassen, da auch von Irland ein Kriegsunternehmen gemeldet wurde, das man ihnen sicher zur Last legen würde. Pater Persons, obwohl selbst sehr über diese Nachrichten betroffen, entschied sich doch ruhigen Gewissens die rein geistliche Sendung auszuführen. Würden sie den Tod erleiden, so wäre das nach Gottes Willen und würde ihnen selbst zum größten Gewinn gereichen. Männer von solchem Opfermut bedurfte die bedrängte Kirche in England.

 

Am 11. Juni 1580 versuchte Robert Persons als ein aus den Niederlanden heimkehrender Hauptmann mit Goldtressen und Federhut und mit seinem Diener Georg, wahrscheinlich einem Laienbruder der Gesellschaft Jesu, die Überfahrt von Calais nach Dover. Hier konnte er durch sein sicheres Auftreten die Wächter so vollkommen täuschen, dass sie ihm zur Weiterreise sogar ein Pferd besorgten. Das ermutigte ihn, dem Wächter seinen nachkommenden Freund, den Juwelenhändler Edmunds, nämlich Edmund Campion zu empfehlen. Persons sagt, er habe sich mit gutem Grund für einen Krieger und seinen Freund für einen Juwelenhändler ausgegeben, denn ihr Unternehmen sei der christliche Kriegsdienst und das Suchen und Erwerben der kostbaren Perle, die das Evangelium empfiehlt. Am 24. Juni folgte Campion mit Bruder Emerson. Die Wache in Dover hatte aber bereits einen Verweis erhalten, weil ihnen Persons durchgeschlüpft sein müsse. Da die Hafenwächter auch die Personenbeschreibung von Gabriel Allen, dem Bruder des verdienstvollen Gründers des Seminars von Douay hatten und diese auf Campion zu passen schien, wurde er mit Emerson festgenommen und vor den Bürgermeister von Dover geführt. Die vielen Beschuldigungen, die er ihnen vorwarf, dass sie unter falschen Namen kämen, um „Popery“ (das Papsttum) auszubreiten, hätten sie mit gutem Gewissen nicht verneinen können. Glücklicherweise aber sagte der Bürgermeister dem Seligen ins Gesicht: „Du bist Allen!“ Das konnte Campion kräftig in Abrede stellen und sich erbieten, einen Eid zu leisten, dass er der gesuchte Allen nicht sei. Gleichwohl gedachte der Bürgermeister die beiden an den Geheimen Rat in London zu übersenden. Schon meinte der Selige, sein Los sei entschieden, betete aber beständig um Hilfe zum Heiligen des Tages, dem heiligen Johannes dem Täufer. Da wurde ihnen unerwartet die Meldung: „Ihr seid entlassen! Glückliche Reise!“

 

Der selige Sherwin und Pascal kamen ohne Zwischenfall an. Dagegen wurde bei einer anderen Gruppe der Priester Johann Hart und dann auch Cottam festgenommen und in London ins Gefängnis geworfen. „Solcherlei Mühsal war es,“ die englische Kirche wieder „zu begründen“, könnte man mit dem römischen Dichter sagen. Und dabei schien all diese Mühsal umsonst getragen. Zu Anfang des Winters 1580 lagen bereits sämtliche Zöglinge des englischen Kollegs, die im Frühjahr miteinander die ewige Stadt verlassen hatten, in Ketten. Der genannte Johann Hart der fünf Jahre im Tower gefangen lag, schrieb ein eigenes „Tagebuch des Tower“, in dem unter dem 6. Dezember auch schon Rudolf Sherwin verzeichnet ist. Obwohl nicht Jesuit achtete der Selige doch Pater Persons wie seinen Oberen und wollte nichts ohne seinen Rat unternehmen. So kam er wieder einmal zu ihm und brachte mit ihm die Nacht in geistlichem Gespräch zu, wobei er seine große Sehnsucht nach dem Tod zum Ausdruck brachte. Am Tag darauf predigte er in dem Haus seines Gastwirtes. Dabei wurden sie überrascht und beide gefangen genommen am 9. November 1580. Wiederholt musste Sherwin die schreckliche Folter erdulden und beinahe ein Jahr lang die Schrecken des Tower kosten, bis er endlich am 20. November 1581 mit der ruhmwürdigen Blutzeugenschar, deren An- und Wortführer Campion war, unter der Anklage des Hochverrates vor die Gerichtsschranken gestellt wurde. Freimütig bekannte der Martyrer: „Der eigentliche Grund, um dessentwillen wir hier stehen, ist unsere Religion und kein Hochverrat.“ „Wir lesen von den Aposteln und Vätern der ersten Kirche, dass sie ihre Lehre auch in heidnischen Ländern und unter heidnischen Fürsten predigten und deshalb doch noch keines todeswürdigen Verbrechens schuldig erachtet wurden. Ich darf daher wohl dieselbe Billigkeit und Duldung in einem Staat hoffen, der soviel auf seine Christlichkeit und Gottseligkeit pocht. Freilich war es inmitten einer solchen Verschiedenheit der Religionsmeinungen zu fürchten, dass ich meiner Gewissenspflicht nicht ohne Gefahr nachkommen könnte. Doch war das kein Grund, mich meiner Pflicht zu entziehen. Ist doch ein Gewissen, das sich durch Furcht von seiner Pflicht abziehen lässt, sehr wankelmütig und unbeständig.“

 

Die Gesinnungen, von denen das Herz des seligen Sherwin nach seiner Verurteilung erfüllt war, spiegelt sich in Briefen an Freunde wider: „Ich vertraue, dass mir die Sehnsucht, die glorreichen Wundmale meines teuren Jesus küssen zu können, von oben ins Herz gesenkt wurde, denn sie hat meine Seele so ruhig gemacht und mit solchem Frieden erfüllt, dass mich weder das Todesurteil erschütterte, noch die Todesbitterkeit erschreckt, noch endlich die Kürze der Zeit meinen Geist verwirrt. Meine Sünden sind schwer, ich gestehe es, aber ich nehme meine Zuflucht zur Barmherzigkeit Gottes. Meine Nachlässigkeiten sind ohne Zahl, ich bekenne es, aber zur Güte meines Erlösers rufe ich. Mein ganzes Vertrauen setze ich auf sein Blut; sein bitteres Leiden ist mein einziger Trost in diesem Leben . . . Gebe uns Gott Demut, damit wir seinen Fußstapfen mit Starkmut folgen und über den Feind den Sieg erringen.“

 

Der Henker, der eben an Campions Leichnam sein grauses Werk vollendet hatte, trat nun an die Schleife, auf der Sherwin mit Briant noch gebunden war, fasste ihn mit der blutigen Hand und sprach: „Komm, Sherwin, nimm auch du deinen Lohn!“ Der Martyrer umarmte unerschrocken den Henker und küsste voll Ehrfurcht das Blut, das an dessen Händen klebte. Dieser Auftritt bewegte das Volk. Dem Verlangen nach einer Rede nachgebend, begann Sherwin der heiligsten Dreifaltigkeit für die Wohltaten seines Lebens zu danken und seinen Glauben zu begründen. Man unterbrach ihn, er möge seine Schuld gestehen. Er aber beteuerte, dass er kein Hochverräter sei. Jetzt, in einer Lage, wo seine Seele auf dem Spiel stehe, wolle er keine Lüge aussprechen. Er bekenne wohl die Unvollkommenheit und das sündige Elend seiner Natur und erleide jetzt auch Schmach und Strafe, aber er vertraue zuversichtlich auf seine künftige Glückseligkeit durch Jesus Christus, in dessen Tod, Leiden und Blut er einzig sein Vertrauen setze. Da riefen ihm die anwesenden anglikanischen Prediger zu, er sei Protestant. Als er beten wollte, forderten sie ihn auf, er solle für die Königin beten. Da entgegnete Sherwin lächelnd: „Das habe ich getan und tue es. Ja, für die Königin Elisabeth bete ich, dass Gott sie in diesem Leben zu seiner Dienerin und im künftigen zur Miterbin Jesu Christi mache.“ Da riefen einige: „Er möchte sie zu einer Papistin machen.“ „Gott gebe,“ war sein inniger Wunsch, „dass es geschehe!“ Die Schlinge um den Hals legend, wiederholte er das Stoßgebet: „“Jesus, Jesus, Jesus, sei mir ein Jesus (Seligmacher)!“ Aus der Menge aber riefen ihm Stimmen zu: „Guter Meister Sherwin, Gott der Herr nehme eure Seele auf!“ Und so riefen sie noch, als der Martyrer bereits seinen Geist aufgegeben hatte.

 

Es ist eine unter den Protestanten noch heute verbreitete Meinung, die katholische Lehre schreibe nicht jede Gnade ganz den Verdiensten Christi zu. Wie demütig, ohne Selbstüberhebung, erwarteten aber gerade die katholischen Blutzeugen, die ihrerseits peinlich ihre Pflicht erfüllten, alle Gnade und Hilfe von Christi Verdiensten. Das ist katholische Lehre und katholisch praktisches Leben.