Der gottseliger Tassilo III., Bayernherzog und Mönch zu Lorch, OSB, + 11.12. um 800 – Gedenktag: 11. Dezember

 

Was ist flüchtiger als ein Wort? Tausende sprechen wir den Tag über und kaum ist es eins, das aus des Herzens tiefem Grund emporsteigt und sich so Beachtung erzwingt. Aber ein kurzes knappes Wort greift allen, auch den stärksten Geistern, in die Seele und zersticht sie ihnen wie mit tausend Dolchen: Misserfolg! Es verkrampft einem schon die Seele, wenn man von anderen Leuten, bekannten wie nicht weniger unbekannten, sagen hört: „Nach Jahren mühsamen Ringens ist nun sein Teil der Misserfolg!“ Und doch gibt es auch einen Erfolg des Misserfolges! Denn mit seiner Weisheit und der Menschen Armseligkeit regiert Gott die Welt und schafft Wunder der Gnade! Manch einem musste nach glänzender Lebenslaufbahn der Misserfolg in reichem Maße beschieden sein, damit er sich ganz zu Gott wandte und ein Heiliger wurde. Das darf auch vom Bayernherzog Tassilo III. gesagt werden, der an manchen Orten des Bayerischen und österreichischen Donaulandes als Seliger gilt und besonders in Benediktinerklöstern verehrt wird.

 

Dem hochgemuten Tassilo, der aus dem edlen und sicher auch frommen Haus der Agilolfinger stammte und von 748 bis 788 in Bayern als Herzog waltete, wurde seine reiche Begabung zum Segen und zum Fluch zugleich. Zum Segen, weil er sein Land zum Blühen und Gedeihen brachte und ihm die Wohltaten des Christentums auf geistlichem und weltlichem Gebiet zuwandte, zum Fluch, weil er nicht ausschließlich Gott suchte, sondern anfänglich sich selbst. Freilich, manches, was ihm so schwer zur Last gelegt wurde, ist nicht halb so schlimm, als es seinerzeit und auch später noch ihm ausgedeutet wurde. Im jugendlichen Alter von fünfzehn Jahren war er im Jahr 757 vom Frankenkönig Pippin dem Jüngeren nach Compiègne in Frankreich gelockt und dann gezwungen worden, diesem ländergierigen Herrscher den Treueid zu schwören. Es kann nicht verwunderlich erscheinen, dass es mit der Erfüllung der durch Drohungen erpressten Zusagen nicht genau nahm und in seinem angestammten Herzogtum als eigener Herr auftrat. Übrigens zwangen ihn die Umstände dazu, denn Bayerns Ostgrenzen waren damals ständig und sehr schlimm bedroht von den Avaren, die im Ungarnland hausten. Tassilo musste auf den Schutz seines Landes mehr bedacht sein als auf die Förderung des Frankenreiches. Wollte er nicht Hunderttausende seines Volkes dem sicheren Verderben preisgeben, dann musste er im eigenen Land freie Hand haben.

 

Über dem Waffenhandwerk aber vergaß er seine Seele nicht. Bischöfe und Äbte gaben ihm auf einer Versammlung zu Aschheim das ehrende Zeugnis: „Wir danken Gott ohne Unterlass, dass er dich in unseren Zeiten zum Fürsten bestellt hat, denn obwohl du noch sehr jung an Jahren bist – er zählte damals zwanzig Jahre – so scheint doch dein Verständnis in den heiligen Schriften reifer als das deiner Vorfahren zu sein.“ Betrachtet man die Zeit, in der solche Worte gesprochen wurden, eine Zeit wüsten Waffenlärms, die die altererbte heidnische Wildheit nur mit Mühe zu meistern wusste, dann wird einem sofort der Sinn des Lobspruches klar: Herzog Tassilo zeichnete sich durch ein ernstes religiöses Streben aus, das in ihm einen künftigen Heiligen früh schon erkennen ließ. Ihm, dem christlichen Herrscher, war es aber nicht nur um die Rettung der eigenen Seele zu tun. Er fühlte sich, und das kann nicht allzu häufig von Fürsten rühmend erwähnt werden, auch für das ewige Heil seiner Untertanen verantwortlich. So versäumte er nichts, was die Ausbreitung des wahren Glaubens und geregelten kirchlichen Lebens betraf. Außer der Aschheimer Synode ließ Tassilo noch zwei bedeutende Versammlungen der katholischen Kirche in Bayern abhalten, die eine 769 zu Dingolfing an der Isar in Niederbayern, die andere 771 zu Neuching bei Erding unweit München. Er lieh der Kirche seinen Arm zur Durchführung alles dessen, was Gottes Gebot und das Heil der Seelen forderte und setzte strenge Strafen für Vergehen fest. So z.B. wies er auch die weltliche Obrigkeit an, die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst zu überwachen und den Verächtern dieses Gebotes eine entsprechende, nicht zu karg bemessene Buße an Besitz aufzuerlegen. Unsere heutige Welt versteht einen solchen Eifer für Gottes Reich nicht mehr, Gott sei`s geklagt! Wie gut aber möchte es um das katholische Bayernland stehen, wenn wieder ein Herzog Tassilo aufstünde und mit starker Hand und unbeugsamem Willen der christlichen Weltanschauung zum Sieg und den Geboten Gottes und der heiligen Kirche zur dauernden Durchführung verhelfen wollte! Dann gäbe es nicht so viel Not und Streit unter uns. Denn nur die Sünde – das bewusste Abgehen von Gottes Gebot – macht die Völker elend und es ist ein Beweis für Tassilos echte Religiosität, dass er die Förderung von Gottes Reich sich so angelegen sein ließ.

 

Doch sind Gottes Augen heller und wohl auch strenger als die der Menschen, und wo wir nur Tugend sehen, entdecken sie doch gar manche Unvollkommenheit und selbst Sündhaftigkeit. So konnte auch Tassilo sich lange nicht eines Fehlers erwehren, bis Gottes Gnadenhand wohlmeinend, aber auch wehtuend eingriff, ihn befreite und ihn, wenn auch gewaltsam, doch mit Sicherheit und am Ende nicht ohne Seligkeit zum innigen Anschluss an seinen höchsten Herrn und Schöpfer brachte. Tassilo hatte ein gutes Stück Stolz in sich und das raubte ihm manch ein Verdienst vor Gott. Dass er der Herrscher im Lande sei, betonte er gerne, ja recht auffällig. So befahl er allen Priestern und Mönchen, täglich für „Seine Hoheit“ zu beten, und wenn einer darin nicht eifrig war, zeigte er sich nicht eben gnädig und ließ ihn absetzen. Derartig hochfahrendes Wesen mag etwa der Grund gewesen sein – Gott verzeihe uns, so wir damit vermessen urteilen -, dass Gott ihn schließlich in die Hände seiner erbitterten Feinde, der Franken, fallen ließ. Karl der Große, Pippins Nachfolger seit 768, brachte es fertig, dass Tassilo auf einem Reichstag (788) wegen angeblicher Verletzung des geschworenen Treueides abgesetzt und für den Rest seines Lebens in ein Kloster verbannt wurde. Seine Familie traf ein gleiches Los. Besonders kränkend war dabei, dass ich Karl wie einen feigen Krieger, der die Schlachtreihe verlassen hat, zum Tod verurteilen ließ, um ihn danach „mit wohlgespielter Großmut“ zu begnadigen. Nicht weniger muss es dem Herzog an die Seele gegriffen haben, dass auch die Diener jener Kirche, der er so treu und fromm gedient hatte, in der Ölbergstunde ihn verließen, als hätten sie ihn nie gekannt.

 

Die Stunde der Trübsal war aber für ihn die große Stunde seines Lebens, in der sich zeigte, dass sein Eifer für die heilige Religion ein echter war und in der er nicht nur der unabweisbaren Not gehorchend, sondern auch in Großmut des Herzens sich ganz dem Herrn opferte. Tassilo wurde ein eifriger Mönch zu St. Goar am Rhein. Die Demütigungen, die das Klosterleben für jeden Menschen mit sich bringt und die für einen Fürsten von der hohen Art eines Tassilo doppelt bitter sind, nahm er starken, ja frohen Mutes auf sich. Als ihm Karl der Große im Jahr 794 noch die ärgste Schmach antat und ihn aus der liebgewordenen Zelle herausriss und vor den Reichstag zu Frankfurt schleppte, damit er dort seinen Verzicht auf das Herzogtum Bayern noch einmal bestätigte, hat er nicht mit einer Wimper gezuckt und ist willig auch zu dieser letzten Station seines Kreuzweges gegangen. Die Legende, die begreiflicher Weise für den Unglücklichen Partei nimmt, weiß zu berichten, dass Karl der Große ihn des Augenlichtes berauben ließ. Das ist zwar nicht glaubhaft, aber ein anderes ist sicher: in der armen Mönchszelle hat er mit Wissen und Willen seine einst nach Erdenglanz begierigen Augen geschlossen gegen die Herrlichkeiten dieser Welt und sieghaft ist ihm aufgegangen das Auge der Seele, mit dem man das Heil Gottes schaut. Die Blätter der Geschichte wissen von Tassilo nicht mehr viel zu berichten, nicht einmal sein Sterbejahr haben sie uns aufgezeichnet, sondern nur den Todestag (11. Dezember). Eins aber bestätigen sie mit seltener Einmütigkeit, dass er im Kloster zu Lorsch an der Bergstraße seinen Mitbrüdern durch ein heiligmäßiges Leben voranleuchtete. Und wieder weiß die fromme Legende zu berichten, dass ihn, den Geblendeten, des Nachts die Engel an der Hand in den Klosterchor führten, wenn ihn sein Herz antrieb dort zu beten. Ist es auch nur eine Sage: sie hat tiefen geistlichen Sinn. Die Engel haben seinen Lebensweg behütet, damit er nicht mehr an einem Stein der Lebenshoffart anstoßen konnte.

 

Tassilos Andenken lebt noch an den Orten, wo er Klöster gestiftet oder schon vorhandene erweitert hat: zu Kremsmünster, wo auch ein von ihm geschenkter Kelch aufbewahrt wird, Innichen, Scharnitz, Weltenburg, Schäftlarn, Chiemsee, Schliersee, Gars am Inn, Niederalteich.

 

Wollen auch wir dann und wann ein wenig zum seligen Bayernherzog Tassilo beten, damit er zeigen kann, dass er Gewalt hat über Gottes gütiges Vaterherz. Vielleicht kommt für die Bayern einmal die frohe Stunde, wo ihr großer Fürst auf den Altar erhoben wird. Dazu ist not, dass sie ihn mehr verehren als bis zur Stunde. Nehmen wir es uns als Angedenken aus der Legende Tassilos mit für alle Zeit: Wenn einer – wir selbst sind damit auch gemeint – demütig die Ungerechtigkeiten, die man ihm zufügt, zu tragen versucht, wird ihm offenbar, was ihm zum Heil ist, und er bekommt auch die Kraft, es im Werk zu vollbringen.