Von jeher wurden in der katholischen Kirche die heiligen Schriften hoch in Ehren gehalten und den ersten Christen waren sie sogar so lieb und wert, dass sie sie um keinen Preis an die Heiden ausliefern wollten, damit sie von ihnen nicht entweiht würden. Dies wussten auch die Heiden, die deshalb auch alle Mühe anwandten, um die heiligen Schriften in ihre Gewalt zu bekommen, und sie zu vernichten, tatsächlich in der Meinung, dass dann das Christentum ein Ende nehmen wird. Dieser irrigen Meinung sind auch heutzutage viele Heiden, die in ihren Ländern den Christen den Besitz der Heiligen Schrift verbieten und den Verstoß gegen das Verbot mit hohen Strafen belegen. Dies ist z.B. bekannt aus muslimisch regierten Ländern, die befürchten, dass durch die christliche Verkündigung, durch christliche Gottesdienste und durch die Heilige Schrift der Christen, viele Menschen vom muslimischen Irrglauben abfallen könnten und dann als Konsequenz zum Christentum konvertieren. Ganz zu schweigen von Diktaturen wie Nordkorea, wie andere kommunistische Länder, und in der Vergangenheit natürlich nicht zu vergessen die Länder im sowjetischen Einflussbereich nach der gottlosen Oktoberrevolution von 1917.
In den ersten Zeiten der Christenheit wurden die Christen, die zu Verrätern wurden und die heiligen Schriften auslieferten, meistens von den Strafen durch die Obrigkeiten befreit. Allerdings wurden sie daraufhin auch von der Kirche ausgeschlossen und konnten nur nach strengster Buße wieder Aufnahme in sie finden. Man nannte solche abtrünnige Christen „Traditores“, also „Verräter“ oder „Auslieferer“. Aber nur wenige Christen machten sich aus Feigheit eines solchen Verrats schuldig, die meisten blieben standhaft und ließen sich lieber martern und töten, als dass sie die heiligen Bücher ausgeliefert hätten. Und unter diesen tapferen Christen befand sich nun auch der heilige Felix, der Bischof von Thibiuca.
Unter Kaiser Diokletian, der von 284 bis 305 römischer Kaiser war, der Vorgänger Kaiser Konstantins, unter ihm ging der Befehl aus, dass die Christen aufgefordert werden sollten, alle ihre heiligen Bücher auszuliefern. Und sogleich, dienstbeflissen und gehorsam, ließ der Stadtrichter von Thibiuca die katholischen Priester vor sein Tribunal führen, um von ihnen zu erfahren, wo denn ihre heiligen Bücher versteckt wären. Sie antworteten ihm daraufhin, dass ihr Bischof, der nach Karthago gereist war, sie bei sich habe. Auf die Frage, wo denn genau der Bischof sei, gaben sie die Antwort: „Wir wissen es nicht!“ Daraufhin ließ der Stadtrichter die Priester allesamt ins Gefängnis werfen. Tags darauf kam der Bischof wieder zurück in seine Stadt und wurde sogleich vor den Richter gerufen. Der rief ihm voller Spannung und Ungeduld entgegen: „Bischof, liefere uns alle deine Bücher und Urkunden aus, die sich in deinem Besitz befinden!“
„Ja, selbstverständlich,“ antwortete der Bischof, „ich besitze sie, aber ich werde sie nicht ausliefern!“
„Ich glaube,“ entgegnete ihm der Richter, „dass des Kaisers Worte mehr gelten als die deinen. Du musst die Bücher zum Verbrennen hergeben!“
„Eher soll man mich“, antwortete der Bischof, „als die Bücher verbrennen. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
Der Stadtrichter gab dem Bischof nun drei Tage Bedenkzeit. Und nach diesen drei Tagen ließ er ihn wieder vorführen und sprach zu ihm: „Nun, was hast du dir überlegt, zu was hast du dich entschlossen?“
„Ich bleibe bei meinen Worten,“ antwortete der Bischof, „und werde auch vor dem Stadthalter dasselbe sprechen.“
„Nun gut,“ sprach daraufhin der Richter, „man wird dich also vor den Stadthalter führen.“
Felix wurde daraufhin nach Karthago geführt und dort verhört. Da er sich auch da mutig weigerte, die Bücher und alle anderen Schriften auszuliefern, wurde er, mit schweren Ketten beladen, auf einem Schiff nach Rom zum Kaiser abgeführt.
Im Schiff wurde der heilige Felix im untersten Raum zusammen mit mehreren Pferden eingesperrt. Vier Tage lang ließ man ihn ohne Nahrung und Wasser schmachten; und die Pferde traten ihn dabei mit ihren Hufen, so dass er dadurch zusätzlich einige Verletzungen davontrug. Ganz entkräftet kam Felix daraufhin in der Stadt Venusium an, das war eine antike Siedlung in der bergigen Landschaft am Rand eines erloschenen Vulkans in der süditalienischen Region Basilikata an der antiken Militär- und Handelsstraße Via Appia Antica. Dort wartete auf den heiligen Felix ein kaiserlicher Botschafter, auf dessen Befehl hin ihm die Ketten abgenommen wurden.
„Warum lieferst du denn die heiligen Schriften nicht aus?“ wurde er auch hier wieder gefragt. „Sind sie vielleicht gar nicht in deinem Besitz?“
„Ich habe sie,“ entgegnete der Bischof, „doch händige ich sie nicht aus!“
Daraufhin sprach der Richter das Urteil und gab den Befehl: „Man töte den Bischof mit dem Schwert!“
Mit lauter Stimme rief jetzt der Bischof aus: „Ich danke dir, Herr Jesus Christus, dass du mich in deiner Gnade befreien willst!“
Auf dem Richtplatz angekommen, betete Felix: „Ich danke Dir, Herr Jesus Christus, 56 Jahre habe ich auf dieser Erde gelebt und meine Keuschheit bewahrt, ich habe das Evangelium beschützt und den Glauben gepredigt. Herr Jesus Christus, Gott des Himmels und der Erde! Ich neige mein Haupt, um geopfert zu werden Dir, der Du ewig lebst und dem aller Ruhm von Ewigkeit zu Ewigkeit gebührt.“
Nach diesen Worten traf ihn das Beil des Henkers und seine Seele eilte dem Himmel zu am 15. Juli im Jahr 303 nach Christi Geburt.
Der heilige Felix von Thibiuca wird abgebildet in bischöflicher Kleidung, ein Buch auf der Brust haltend, so wie wir es auf dem Bild neben dem hl. Nabor stehend sehen können. Der heilige Nabor war übrigens ein Legionär des Kaisers, der Herculius genannt wurde, und zusammen mit dem heiligen Felix als Christ enthauptet wurde. Beide Martyrer wurden laut Überlieferung von der heiligen Witwe Sabina in Mailand bestattet, wo es in der Folge zu einer lebendigen Verehrung ihrer Reliquien gekommen ist.
Wie leichtfertig wird heute oft die Heilige Schrift sozusagen als Entdeckung von erweckten Christen unserer Zeit als ihr Besitz angesehen, ohne dabei zu beachten, was unsere ersten Brüder und Schwestern der Christenheit auf sich genommen haben, um diese Schriften zu bewahren und vor Vernichtung und Missbrauch zu beschützen.
Von der Heiligen Schrift und dem Lehramt der Kirche
Du hältst sicherlich auch die Heilige Schrift, deine Bibel, in der die Offenbarungen Gottes an die Menschen enthalten sind, hoch in Ehren. Die Heilige Schrift enthält das Wort Gottes, und ist, wie es der heilige Antonius sagt, ein Brief, den der himmlische Vater an seine Kinder geschrieben hat. Wie schön! Und in diesem Brief solltest du, Kind Gottes, auch immer wieder lesen, und zwar mit möglichst großer Andacht und Ehrfurcht. Allerdings solltest du dich beim Lesen auch in Acht nehmen, dass du nicht deinem Eigensinn und deiner eigenen Einsicht folgst, und nicht so wie die Irrgläubigen und Sektierer meinst, dass jeder Mensch die Heilige Schrift nach seinem Gutdünken auslegen darf, oder gar anderen zu erklären sich anmaßt. Die Heilige Schrift ist ein Buch voll heiliger Geheimnisse und göttlicher Wahrheiten, die der bloße Menschenverstand nicht immer versteht und begreift. Selbst gelehrte Leute verstehen viele Stellen der Heiligen Schrift nicht. Nur der Heilige Geist, der die Worte der Heiligen Schrift glaubensstarken und frommen Männern eingegeben hat, und unter dessen Leitung sie geschrieben haben, kann die Heilige Schrift richtig auslegen. Dieser Heilige Geist ist aber nicht dir und mir, und auch nicht anderen Leuten zum Verständnis der Heiligen Schrift versprochen, sondern allein der heiligen katholischen Kirche, nämlich den Nachfolgern der Apostel, dem Papst, den Bischöfen und Priestern. Die alle haben das Recht und die Pflicht, dass sie die Schrift auslegen und erklären, all denen ist der Beistand des Heiligen Geistes versprochen, der sie in alle Wahrheit einführen, der sie von allem Irrtum bewahren wird.
Wenn jeder Mensch die Heilige Schrift auslegen dürfte, so wie er es gerade versteht und wie es ihm gefällt, so würde lauter Verwirrung, und Irrtum aller Art entstehen, wie dies erfahrbar und wirklich bei den Irrgläubigen vorkommt, die sich dann sogar mit Bibelsprüchen auf ihren Lippen streiten, und der Sieger ist dann derjenige mit dem originellsten Vers und nicht etwa der Heilige Geist. Bei diesen Christen ist keine Einheit mehr vorhanden, der eine glaubt dies, der andere glaubt das, und jeder will Recht haben, und jeder beruft sich dabei auf die Heilige Schrift.
Wir sehen daran, dass es nicht guttut, wenn jeder die Heilige Schrift nicht nur lesen, sondern dann nach seiner eigenen Einsicht auslegen will. Genau aus diesem Grund hat Gott in der katholischen Kirche ein unfehlbares Lehramt eingesetzt, und dieses Lehramt allein kann die Heilige Schrift auslegen, und kann sagen:
Dieses ist Wahrheit, dies müsst ihr glauben als Gottes Wort. Genau so war es auch schon zu den Zeiten der ersten Christen!
Und in der Zeit der ersten Christen hatten die Bischöfe und Priester die Heilige Schrift in ihren Händen, ließen sie in den Kirchen verlesen, und nach der Vorlesung bestiegen sie die Kanzel und erklärten und legten aus, was gerade vorgelesen wurde. So ist es weitgehend auch heutzutage, Ausnahmen bestätigen die Regel, nur mit dem Unterschied, dass jetzt jeder die Heilige Schrift lesen kann, weil sie allgemein verbreitet ist, aber erklären, auslegen kann und darf sie für einen gläubigen, katholischen Christen nur das Lehramt der Kirche. Jeder katholische Christ muss sich beim Lesen nach dieser Auslegung richten, und darf wegen der vielen verfälschten Bibeln, die von allen möglichen kirchlichen Gemeinschaften angeboten, und hier und da verschenkt werden, keine Heilige Schrift lesen, die nicht vom Papst oder vom Bischof approbiert und mit Anmerkungen versehen ist. Übrigens, wenn du aus irgendeinem Grund die Heilige Schrift nicht lesen kannst, so findest du immer einen Ersatz dafür am lebendigen Wort Gottes, das in den katholischen Kirchen ertönt, und dies musst du als katholischer Christ hören, weil Christus und seine Kirche es verlangt. Und wenn du dann das Wort Gottes regelmäßig und aufmerksam hörst und dann tatsächlich danach lebst, so wirst du auch ohne Lesen der Heiligen Schrift selig werden. Hast du also eine Heilige Schrift, so lese darin mit Andacht und Ehrfurcht, meide aber dabei allen Hochmut, jede Vorwitzigkeit, alles Vernunftgetue und halte dich an die erklärenden Worte der Kirche. Unterlasse es aber, wie gesagt, nicht, das Wort Gottes zu hören, denn es ist, wie der Apostel in Hebräer 4,12 und 13 sagt: „Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens; vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.“
Mein Herr und mein Gott, gib mir Hunger und Durst nach Deinem Wort; nimm weg von mir alle eitle Wissbegierde, alles hochmütige Besserwissen, und schenke mir vielmehr ein demütiges Herz, das dein heiliges Wort wie einen guten Samen in sich aufnimmt, und Früchte der Besserung hervorbringt, zu deiner Ehre und zu meinem Heil. Amen.
