Wohlehrwürdige Mutter Joanna von St. Bernard, Ursulinerin von Abbeville, + 31.12.1659 - Gedenktag: 31. Dezember

Wappen der Ursulinen

       

(Frei nach dem Originaltext: „Leben der gottseligen Ordens-Genossen aus der Gesellschaft der Heiligen Ursula“, Landshut 1720)

 

1. Joanna Von St. Bernard war eine Tochter des Herrn Nicolai von Mailly und seiner Frau Anna Bequin, die sie geboren hat zu Pondremy unweit von Abbeville, wo der Herr von Mailly Königlicher Renntmeister (Verwalter) war. Nachdem sie bis zum 12. Lebensjahr gottseligst von ihnen erzogen worden war, hat sie beide durch den Tod verloren und ist zu einem Waißlein (einer Waise) geworden; daher hat ihre Schwester, die mit dem Herrn Manessier verheiratet war, sie zu sich genommen und bis zum 25. Lebensjahr für sie Sorge getragen: sie übergab ihr das Hauswesen, welches sie ganz klug und nützlich verwaltete. Ihr Herr Schwager setzte gleiches Vertrauen auf sie und übergab ihr das Almosen, den Bedürftigen auszuteilen, welches wöchentlich ganz reichlich geschehen ist. Inzwischen fühlte sie sich zum Eintritt in das Institut der Ursulinerinnen von Gott berufen zu sein; überließ dieses Ansinnen öfters durch eifriges Gebet dem Himmel, um den göttlichen Willen recht zu erkennen; und nach genügender Erkenntnis dessen fasste sie den endlichen Schluss, diesen Frauen sich beizugesellen.

 

2. Joanna tritt also in den heiligen Orden ein und ließ in kurzer Zeit spüren, was für eine große Zuneigung sie zum Gebet und der Vereinigung mit Gott habe. Öfters bekannte sie es ganz offenherzig ihrer Oberin, sprechend: „Meine liebe Mutter, wofern ich krank wäre und einige Arzney-Mittel vonnöten hätte, würdet ihr mir deren Gebrauch nicht versagen, sondern wie jeder anderen gerne erlauben: ja ihr würdet etliche Tage erlauben, um mich darin von der Krankheit zu erholen: Nun weil mich dann jetzt der gütige Gott in guter Leibs-Gesundheit erhalten hat, so erlaubt mir eben diese Zeit für das Heil meiner Seele, nämlich diese vor dem heiligen Sakrament durch das Gebet zu ergötzen und zu erfrischen.“ Zur Zeit der Geistlichen Übungen hielt sie sich den ganzen Tag, allein das Mittag- und Nachtessen ausgenommen, auf dem Chor vor dem hochwürdigsten Gut auf: und um etwas von ihr zu erlangen, gab es kein kräftigeres Mittel, als ihr eine heilige Kommunion zu versprechen. Das Gesetz des Stillschweigens war ihr also anbefohlen, dass man sie im Konvent mit einem Geizhals verglich, der mit seinem Geld nicht sparsamer sein kann, als sie mit ihren Worten: dagegen war ihr im Arbeiten keine gleich: sie beobachtete inzwischen auf das genaueste die vorgeschriebene Zeit zu allen Sachen und versäumte die geringsten Ordensgeschäfte genauso wenig wie die großen.

 

3. Der Grund all ihrer Tugenden war die Vereinigung ihres Willens mit dem Göttlichen in allen Dingen, was von allen also klar gesehen wurde, dass man sie nur zu nennen pflegte die Schwester des Göttlichen Willens. Aus ihm entsprang der so behände Gehorsam, den sie ihren Oberen in allen Begebenheiten leistete; ihre Zufriedenheit mit allen Zufällen; ihre vollkommene Abschälung von allen zeitlichen Sachen: weil sie sich reich genug achtete, weil sie erfüllen konnte den Göttlichen Willen, besonders im Gehorsam, oder seine Wirkungen in sich erfüllt sah; sie pflegte in allen Zufälligkeiten zu sagen: „bene omnia fecit“: er hat alles wohl getan. Sie nahm also auch alles gleichfalls von der Hand Gottes selbst an: davon hat sie eine schöne Probe gegeben durch eine heroische Überwindung ihrer selbst in einer Krankheit, in der ihr eine unerfahrene Krankenwärterin ein ganz unliebliches und auch untaugliches bitteres Träncklein zurichtete, welches sie etliche Tage aneinander eingenommen hatte, ohne dass sie ein Wort darwieder meldete. Es begab sich zu Abbeville, dass ein gewisser junger Herr, ihr nächster Vetter, von einem andern tödlich verwundet wurde; dessen Eltern, die auf diesen ihren Sohn alle Hoffnung ihres Standes gesetzt hatten, ließen den Täter allenthalben aufsuchen, um ihn der Gerechtigkeit zu überliefern: dagegen die Eltern des Täters hatten ihre Zuflucht zu unserer Mutter Joanna genommen, die alles bei ihren Freunden vermochte, und ersuchten sie, sie möchte bei den ihrigen bewirken, dass sie von der Nachstellung des Täters ablassen und die Rache Gott anempfehlen sollten. Joanna versprach ihnen ihre Hilfe mit der Beteuerung, dass sie das Unglück des Täters ebenso empfindlich bedauere, als das ihres verwundeten Vetters; wie sie dann auch die Sache beiderseits auf das beste gerichtet, dass man dessen Streich für eine Schickung Gottes erkannte und die Rache bald vergessen hat.

 

4. Ihr Gehorsam ist absonderlich lobenswert, sie gab gegen nichts Einwände, alles wurde behänd vollzogen und keine Entschuldigungen wurden beigebracht; es geschah oft, dass sie die Kost-Kinder eine schöne Arbeit gelehret, die sie zuvor selbst nicht gekannt hatten, denen die sich darüber Verwundernden aber geantwortet, dass im Fall der Not der Gehorsam ihr Lehrmeister sei. Die Grund-Lehre des geistlichen Lebens und der christlichen Schule, die der ehrwürdige P. Saint Jure der Gemeinde vorzutragen und auszulegen pflegte, wie nämlich eine geistliche Person müsse blind, stumm und gehörlos sein, hat sie sich also zu eigen gemacht, dass man solche aus ihrem Wandel leicht hat übernehmen können. Einstmals befahl ihr die Oberin, sie solle sich schlafen legen und morgens nicht aufstehen. Dadurch durfte sie nicht beim ersten Gebet erscheinen. Die blind gehorsame Joanna blieb derowegen den ganzen folgenden Tag im Bett liegen ohne Essen und Trinken. Ein anderesmal ließ sie das grobe Cilicium (Bußgürtel) schier am Leib verfaulen, weil man ihr nicht befohlen hat, es abzulegen. Ihre Tugenden wurden von der Liebe gekrönt und sie hatte 12 Jahre lang keinen anderen Gegenstand zur Betrachtung als das Wort: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingegeben hat.“ Und als man sie befragte, was sie für schöne Erkenntnisse daraus gezogen hatte, sagte sie freimütig, dass es ihrer Zunge nicht möglich wäre, es zu erklären.

 

5. Sie starb nach achttägiger Krankheit am letzten Tag des Christmonats 1659. Man will versichern, dass sie nach ihrem Ableben einer aus ihrem Kloster erschienen, mit himmlischen Glanz umgeben, dadurch ihr eine gewisse Gemüts-Bitterkeit, wie auch die Leibs-Krankheit, mit der sie beschattet war, vertrieben hat, also dass die Klosterfrau ganz gesund aufgestanden war und Erlaubnis begehrte zu kommunizieren, mit dem Vermelden, es habe sie die Fürbitte bei Gott der selig verstorbenen Mutter von St. Bernard gesund gemacht: nach empfangener Heiligen Kommunion erzählte sie genau den ganzen Verlauf dieser Erscheinung, wie sich die Sache zugetragen hat.

 

Ihre Grundlehren:

 

1. Das Gebet und die Geduld sind die Waffen, mit denen man alle Widerwärtigkeiten dieses Lebens überwinden muss.

 

2. Eine gehorsame Person muss gleich sein einem toten Leichnam, der sich heben und legen lässt, wie und wohin man will; ohne dass ihm ein Ort oder Veränderung zuwider ist.

 

3. Wo der eigene Wille noch lebt, hat der Gehorsam keinen Platz: dahero der Gehorsam vom heiligen Bernard genannt wird ein Begräbnis des eigenen Willens.