Die selige Fabiola Fabier, Matrone von Rom, + 27.12.400 – Gedenktag: 27. Dezember

 

Vor dem Osterfest des Jahres 390 hatte Rom ein seltenes und herzerhebendes Schauspiel. Unter den öffentlichen Büßern vor der Kirche des Lateran, die um die Gnade flehten, wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen zu werden, befand sich eine vornehme Frau, die hochgeehrte, unermesslich reiche Fabiola aus dem uralten römischen Geschlecht der Fabier. In einem Bußgewand und ohne Sandalen, mit aufgelöstem Haar und blassem Antlitz, Haupt und Nacken mit Asche bestreut, Erdenstaub in den Händen, kniete sie da, und ihre heißen Tränen waren der laute Ruf ihres Herzens nach Frieden und Wiederversöhnung mit Gott. Mit Bewunderung, mit tiefster Ergriffenheit und Rührung sahen der Papst Siricius, die Geistlichkeit und das ganze Volk diese demütige Büßerin aus hochedlem Stamm. Wie tief doch die Reue eines gottliebenden Herzens sein kann! Und wie mächtig wirkend die Erbauung! Welche Sünden würde nicht solche Buße wegwaschen?

 

War denn diese edle Frau, die der heilige Hieronymus „den Ruhm der Christen, ein Wunder vor den Heiden, einen schweren Verlust der Armen und ein Trost für die Mönche“ nennt, wirklich eine so schuldvolle Sünderin? Fabiola hatte gefehlt, mochte sie auch in den Augen der Welt nicht als Sünderin gelten und mochte sie selber in jugendlicher Unerfahrenheit und leichtem Sinne ihre Handlungsweise anfänglich nicht als Vergehen ansehen.

 

Im ungläubigen Rom herrschten noch heidnische Sitten, Ansichten und Gebräuche und diese Lebensweise drängte sich auch in das christliche Rom hinein, das durch tausend Bande der Familie und der Freundschaft mit dem heidnischen verwebt war. Zuweilen war ein gläubiges Familienglied von einer Schar ungläubiger Verwandten ganz umringt. Wehte nun freilich auch der Duft der christlichen Tugend und des reinen heiligen Lebens wirksam zu den Heiden hinüber, so legte sich dafür auch die Schwüle ihrer Atmosphäre betäubend um manche christliche Stirn. Der sinnliche Mensch, mag er auch Christ heißen, ist immer ein heidnischer, das heißt eben nicht christlicher. Wie namenlos groß war im Heidentum die Entwürdigung der Ehe, bis Christus kam und sie wieder auf übernatürlichen Boden hob und der Verbindung zwischen ihm und der Kirche selbst gleichstellte! Der Christ ist eben ein übernatürlicher Mensch; soll es sein. O, dass er so oft diese Höhe vergisst!

 

Fabiola war sehr jung mit einem Mann vermählt, dessen lasterhaftes, stadtbekanntes Leben es der ehrbaren Frau unmöglich machte an seiner Seite auszuharren. Das weibliche Zartgefühl verbot ihr, ihn anzuklagen. Lieber nahm sie die Schuld der Uneinigkeit in der Ehe auf sich und verließ das Haus ihres Gatten, um zu ihren Eltern zurückzukehren. Da blieb sie eine Zeitlang. Doch sie war noch sehr jung. Da fühlte sie denn, wie der heilige Hieronymus bemerkt, „ein anderes Gesetz in ihren Gliedern, das dem Gesetz des Geistes widerstreitet“, sie sah sich zum Wiederverheiraten hingezogen. Da gälte für den gewöhnlichen Fall des Ledigseins das Apostelwort: „Wenn sie nicht enthaltsam sein können, so mögen sie heiraten; denn es ist besser zu heiraten, als vor Begierden zu brennen“ (1. Korinther 7,9). Fabiola hielt nun mit gutem Recht ihre erste Ehe für getrennt, da sie nicht aus Leichtsinn und Leidenschaft, sondern durch die Laster des Mannes gedrängt, sich von ihm schied. Das römisch-heidnische Recht erlaubte eine Widerverehelichung. St. Pauli Eherecht lautet freilich anders: „Wenn die Frau sich getrennt hat, bleibe sie unvermählt (so lange der Mann lebt), oder versöhne sich wieder mit dem Mann“ (1. Korinther 7,11). Sagt ja der Herr selbst: „Wer eine Entlassene zur Ehe nimmt, bricht die Ehe“ (Matthäus 5,32). Wusste nun Fabiola nichts von diesem verpflichtenden Ausspruch des Evangeliums? Hieronymus meint das. Aber vielleicht wollte sie nichts davon wissen und ging zum mindesten eigenwillig, frei und unbehutsam zu Werke. Genug, sie vermählte sich wieder und lebte mehrere Jahre sehr zufrieden mit dem zweiten Mann. Da verlor sie ihn durch den Tod.

 

Solche Erschütterungen des Herzens, die man schmerzlich empfindet, sind oft sehr heilsam, weil sie das Herz von den irdischen Neigungen ablösen und es ihm leichter machen, eine andere höhere Richtung einzuschlagen. So auch bei Fabiola. Sie sah jetzt ein, wie töricht es ist, irdisches, vergängliches Glück um den Preis ewiger Güter einkaufen zu wollen. Nun war ihr die Erkenntnis dieses höchsten Gutes, der Vereinigung mit Gott durch die Gnade, aufgegangen. Nun erkannte sie auch, dass sie sein heiliges Gesetz verletzt hatte. Ihre Umkehr und Buße war eine aufrichtige und vollständige. Sie war auch eine wirksame.

 

Da sie einmal Schiffbruch erlitten hatte, wollte sie für die Zukunft auch jede Gefahr hierzu vermeiden. Deshalb entäußerte sie sich ihres ganzen, sehr bedeutenden Vermögens und verwendete es zum Besten der Armen. Sie gründete – und da war sie die erste – ein Spital, in dem sie die von Hunger und Krankheiten erschöpften Glieder Christi, die armseligsten der Menschheit, pflegte, eigenhändig pflegte. Wie oft hat sie auf ihren eigenen Schultern die Kranken dahin getragen, dort ihre ekelerregenden Wunden, deren Anblick schon allein für viele unerträglich war, verbunden und die Lippen der Sterbenden mit erfrischendem Trunk genetzt! Die große Stadt Rom schien ihrer Liebe und Freigebigkeit zu klein zu sein. Sie durchreiste Italien, die Inseln im etruskischen Meer, und wo sie Niederlassungen von Mönchen fand oder arme Jungfrauen, da spendete sie reichlich ihre Wohltaten. Die große Tochter der römischen Senatoren und Konsuln wurde in freiwilliger Armut die demütige Magd der Armen Christi. Während sie zur Verachtung aller Kleiderpracht gewöhnliche Sklavenkleider trug, hat sie noch mehr jeglichen Hochmut des Geistes abgelegt. Ihr Eifer im Fasten entsprach ihrem lebendigen Glaubensgeist.

 

Von der Sehnsucht getrieben, sich in vollster Einsamkeit zum wahren Brandopfer reuiger Liebe zu machen, schiffte sich Fabiola im Jahr 395 nach dem Heiligen Land ein. Dort nahm sie einige Zeit Herberge beim heiligen Hieronymus in Bethlehem und widmete sich, auf der Höhe der damaligen Geistesbildung stehend, dem gründlichen Studium der Heiligen Schrift. Ihre Wissbegierde, durch die sie nur in der Erkenntnis der Wahrheit wachsen wollte, sei gar nicht zu befriedigen gewesen, gesteht ihr heiliger Lehrer. Indessen sah sich Fabiola infolge eines drohenden Raubeinfalles skythischer Völker gezwungen, wieder nach Rom zurückzukehren, um da in einer fremden Herberge zu wohnen, wo sie früher selbst viele beherbergt hatte, um da weiter den Armen zu dienen und ihnen das Letzte zuzuwenden, das sie von den Ihrigen empfangen hatte. Mit heiliger Ungeduld erwartete sie den Augenblick, wo sie diese Erde mit dem Himmel vertauschen konnte.

 

Rom wusste den Wert zu schätzen, den es in Fabiola besaß. Das zeigte sich bei ihrem Tod. Schon auf die Kunde hin, dass dieses traurige Ereignis bevorstehe, versammelte sich das Volk um ihr Sterbebett. Als sie dann im Herrn verschieden war, ertönte der Gesang der Psalmen in den Hallen der christlichen Tempel; Chöre von Jünglingen und Greisen bildeten sich, um ihr Lob zu singen. Minder glänzend, versichert der heilige Hieronymus, waren ehedem die Triumphe, die ein Furius, Scipio oder Pompejus nach ihren Siegen feierten. Diese großen Männer hatten Menschen überwunden; Fabiola hatte die Geister der Bosheit besiegt. Bei ihrem Leichenbegängnis reichten die öffentlichen Plätze, die Galerien, ja selbst die Dächer der Häuser für den Zudrang der Tausende von Zuschauern nicht aus. Rom sah damals alle Völker der Welt in seinen Mauern versammelt und nur ein Volk bilden. Ein jedes glaubte Anteil zu haben an der Glorie dieser ehrwürdigen Büßerin, der Liebhaberin der freiwilligen Armut, der Bannerträgerin der christlichen Caritas.

 

Fabiola wird in der Heiligengeschichte bald als „selig“, bald als „heilig“ bezeichnet.

 

Man hört oft von oberflächlich und weltlich Denkenden sagen, die katholische Kirche sollte in Fällen einer unglücklichen Ehe die Scheidung und Wiederverheiratung der Gatten gestatten. Das sei sittlich gut. Aber einmal ist die Ehe das Abbild der Verbindung Christi mit der Kirche und diese Verbindung ist unauflöslich. Sodann wird die menschliche Leidenschaft, wenn schon von vorneherein die Möglichkeit und Aussicht auf Lösung schädigend auf Liebe und Einheit in der Ehe einwirkt, immer, wenn sie will, Gründe genug finden, die Ehe „unglücklich“ zu machen. Die Ehe müsste aufhören, ein wirksamer Zügel der menschlichen Leidenschaften zu sein. Darum muss die Kirche die Scheidung einer gültig geschlossenen Ehe ablehnen und eine Wiederverheiratung in solchem Fall als Bigamie mit der Strafe der Exkommunikation oder des persönlichen Interdiktes belegen.