Die selige Veronika von Binasko, Nonne von Mailand, + 13.1.1497 – Fest: 13. Januar

       

Schon in früher Jugend wendete Veronika, deren Verehrung als Selige Papst Leo X. bereits 1517 bewilligte, die Tochter eines einfachen Landmannes zu Binasko, einem Flecken in Italien, zwischen Mailand und Pavia gelegen, ihr ganzes Gemüt Gott und göttlichen Dingen zu, und sie hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als in klösterlicher Einsamkeit ganz Gott und dem Heil ihrer Seele leben zu können. Nach langem inständigen Bitten erhielt sie endlich von der Vorsteherin des Klosters der heiligen Martha zu Mailand die Zusicherung einstiger Aufnahme. Zugleich wurde ihr aber auch empfohlen, vorher lesen zu lernen. Da ihr den Tag über von den häuslichen Geschäften und der Besorgung der Felder, wozu sie vom Vater angehalten wurde, keine Zeit übrigblieb, verwendete sie die Nacht dazu, die Buchstaben kennen und lesen zu lernen.

 

Man kann sich denken, welch ein mühseliges Geschäft dies war und wie gering ihre Fortschritte sein mussten, da sie größtenteils ohne Anweisung und sich selbst überlassen blieb. Die Jungfrau bestürmte jedoch den Himmel mit Bitten und betete zu Gott und der heiligen Gottesmutter, dass sie ihr in ihrem Vorhaben behilflich und ihre Bemühungen in Erlernung der Buchstaben mit dem erwünschten Erfolg segnen möchten. Da erschien ihr nun einmal die heiligste Jungfrau, von Glanz umflossen und angetan mit einem Kleid von himmelblauer Farbe. Veronika, noch nicht an überirdische Erscheinungen gewöhnt, die sich in ihrem späteren Leben so oft wiederholten, wusste sich anfangs vor Schrecken kaum zu fassen. Aber die liebreiche Himmelskönigin näherte sich mit mildem Angesicht der Bebenden und sprach, sie beruhigend, mit freundlicher Stimme: „Fürchte dich nicht, meine Tochter, und mühe dich nicht gar so sehr ab in Erlernung der Buchstaben. Ich will, dass du nur drei Buchstaben ganz besonders verstehen lernst: der erste ist von weißer, der zweite von schwarzer, der dritte von roter Farbe. Höre ihre Bedeutung. Der weiße Buchstabe bedeutet die Reinheit des Herzens, nach deren Erlangung du mit allen Anmutungen des Gemütes streben sollst. Hüte dich ja, je irgendetwas mit unordentlicher Neigung zu suchen. Alle deine Liebe soll mit ganzer Innigkeit auf meinen göttlichen Sohn und auf mich gerichtet sein. Der schwarze Buchstabe lehrt, dass du niemals Ärgernis nehmen sollst an dem Tun und Lassen deiner Mitmenschen. Mögen sie auch Böses tun, so habe du doch immer Mitleid mit ihnen und suche alles aufs Beste zu deuten. Höre nicht auf, für die Irrenden und Fehlenden dein Gebet vor meinem göttlichen Sohn auszugießen. Hüte dich vor Murren und Klagen, wenn dir oder dem Nächsten ein Übel widerfahren ist. Was den roten Buchstaben betrifft, so ermahne ich dich, täglich wenigstens einen Teil aus der Leidensgeschichte meines Sohnes mit aller Aufmerksamkeit zu betrachten. Kannst du die übrigen Buchstaben erlernen, so ist es gut. Wenn nicht, so lass dir diese drei nie aus dem Sinn entschwinden. Wer die Herzensreinheit bewahrt, der wird vor meinem Sohn in Reinheit glänzen. Wer sich aber dem Murren ergibt, dessen Seele ist wie von Schwärze entstellt und Gott kann an ihr kein Wohlgefallen haben. Ein Herz, das den grausamen Tod meines Sohnes erwägt, wird glühen von göttlicher Liebe, und es wird von Oben beschenkt werden mit höheren Gnadengaben (von denen freilich die Bösen keine Kenntnis haben.“ Und nach diesen Worten verschwand die göttliche Mutter.

 

Veronika legte von nun an kein sonderliches Gewicht mehr auf die Erlernung der Buchstaben.

 

Nach einer Vorbereitung von drei Jahren wurde sie endlich in das Kloster St. Martha aufgenommen. Hier zeichnete sie sich durch Eifer in allen ihren Übungen, und durch genaue Befolgung aller Punkte der heiligen Regel aus. Ihre Gewissenhaftigkeit erstreckte sich auf die unbedeutendsten wie auf die wichtigsten Dinge. Der Wille der Obern war die alleinige Richtschnur ihrer Lebensweise, weil sie überzeugt war, dass der Gehorsam das wohlgefälligste Opfer ist, das man Gott bringen kann, und weil sie Jesus Christus nachahmen wollte, der gehorsam war bis zum Tod, um den Willen seines Vaters zu erfüllen. Sie kam ihren Schwestern auf tausend verbindliche Arten zuvor, während sie sich als die letzte unter ihnen betrachtete. Ihre Unterwürfigkeit ihnen gegenüber war so vollkommen, dass man hätte sagen können, sie habe keinen eigenen Willen.

 

Sogleich nach ihrem Tod, der im Jahr 1497 erfolgte, offenbarte Gott ihre Heiligkeit durch mehrere Wunder. Lasst uns gleich der seligen Veronika die Lehren unserer göttlichen Mutter zu Nutzen machen, und Maria wird uns einst in die ewigen Wohnungen einführen.