Der heilige Schutzengel, Fest: 2. Oktober

       

Im Sommer des Jahres 1951 machte die Familie Ferrand, Vater, Mutter, ein Kleinkind und eine sechsjährige Tochter mit dem französischen Vornamen Nicole, eine Reise mit dem D-Zug. Die Eltern waren müde und schliefen ein wenig ein. Da ging Nicole unbemerkt aus dem Abteil und schlenderte durch den Gang. Da sie zum ersten Mal mit der Eisenbahn fuhr, kannte sie sich noch nicht aus. Gerade in dem Augenblick brauste der Zug in einen Tunnel hinein, und es wurde im Nu stockfinster. Nicole schrie vor Schreck laut auf, tastete sich einige Schritte vor, fasste eine Klinke, öffnete eine Tür und stürzte hinab in die Dunkelheit des Tunnels auf die Schienen. Schrecklich!

 

Gleich darauf merkten die Eltern, dass Nicole verschwunden war. Man kann sich vorstellen, welche Angst sie ausstanden. Weil zum Glück die nächste Haltestelle nicht weit war, stiegen sie aus und meldeten dem Bahnhofsvorsteher, man hätte ihnen im Zug ihr Kind geraubt. Der Beamte befragte sie, überlegte und schickte zunächst einmal zwei Bahnangestellte an den Tunnel, damit sie nachschauten, ob das Mädchen vielleicht aus dem Zug gefallen war. Und richtig, als sie am Ziel waren, tauchte Nicole im Eingang des Tunnels auf. Sie war ein wenig verschrammt, sonst aber heil und gesund.

 

„Es ist und bleibt uns unerklärlich“, haben später die Eisenbahner gesagt, „wie das Kind den Sturz überstehen konnte. Wir können auch nicht begreifen, dass Nicole im Tunnel nicht unter die Räder kam, denn während der Stunde, die sie brauchte, um den achthundert Meter weiten Weg ins Freie zurückzulegen, kamen sieben Züge durch. Und als wir sie im Tunneleingang sahen, war sie so verstört, dass sie kehrtmachte und fast in einen Schnellzug hineingerannt wäre, der gerade heranbrauste. Wir konnten sie erst zwanzig Meter vor der Lokomotive erreichen und zur Seite reißen.“

 

Das erklärten die Eisenbahner, und nicht weniger interessant ist das, was Nicole selbst sagte, als sie erzählte:

 

„Ich machte eine Tür auf, und dann fiel ich. Es war sehr dunkel. Als ich aufwachte hatte ich Angst und weinte. Dann dachte ich, jetzt muss ich gehen, sonst sehe ich Papa und Mama nie wieder. Die Züge waren furchtbar laut, es war sehr kalt und nass. Der Rauch war so dunkel, dass ich immer wieder fiel, aber ich fand den Weg, weil ich mit den Fingern die Wand berührte. Als es hell wurde, hatte ich noch mehr Angst, weil ich nicht wusste, wo ich war und zwei Männer gelaufen kamen. Sie wollten mich fangen, und ich kehrte schnell um, aber sie bekamen mich doch.“

 

So erzählte Nicole selbst. Was kann man nun dazu sagen? Was sich die Eisenbahner nicht erklären konnten, können wir uns sehr leicht klarmachen, denn es ist offensichtlich, dass der heilige Schutzengel das Mädchen Nicole gerettet hat. Allen Menschen hat Gott in seiner Güte solche Schutzengel gegeben. Sie sollen uns an Leib und Seele beschützen, wie es die Heilige Schrift sagt: „Seinen Engeln hat Gott befohlen dir zu dienen, sie sollen wachen über dich auf allen deinen Wegen. Auf ihren Händen sollen sie dich tragen, dass niemals dein Fuß an einen Stein stößt.“

 

Es ist ein großes Glück, dass unser Vater im Himmel ausdrücklich den Kindern einen Schutzengel gegeben hat. Kinder sind oft noch unerfahren und unvorsichtig, dass keines von ihnen groß würde, wenn es keine Schutzengel gäbe, die sie vor Autos und Eisenbahn, vor Pferden und Hunden, vor Flüssen und Unwetter, vor Blitz und Stürmen treu behüten, ihnen helfen und sie aus der Not erretten würden. Nie kann man daher dem heiligen Schutzengel genug danken für seine Hilfe auf allen Wegen und Stegen Tag und Nacht.

 

Der Schutzengel behütet aber nicht nur unseren Leib, sondern bewahrt auch unsere Seele vor dem Unglück der Sünde. Das alles tut unser Freund, der Schutzengel, zu dem wir beten: „Engel Gottes, mein Beschützer, Gott hat dich gesandt, mich zu begleiten. Erleuchte, beschütze und führe mich. Amen.“ 

 

Maria und die heiligen Schutzengel

 

Am 2. Oktober begeht die katholische Kirche mit ihren Gläubigen das Fest der heiligen Schutzengel und gedenkt hierbei dankbar der vielfachen Gnaden und des vielfältigen Schirms, dessen sich jeder, insbesondere die Kinder, von Seite dieser Geister zu erfreuen haben, die Gott zu unserem Schutz erschaffen hat.

 

Fragen wir hier, wie verhielten sich die Schutzengel gegenüber der seligsten Jungfrau, so gibt uns die vielbegnadete Klosterjungfrau Maria von Agreda genügende Antwort. Von oben erleuchtet, berichtet sie hierüber Folgendes:

 

Der heiligen Jungfrau waren tausend Schutzengel zugeordnet. Unter ihnen taten sich mehrere in Liebe und Ehrerbietung Maria gegenüber hervor und erschienen ihr leiblich. Dies geschah in der Gestalt wunderlieblicher, schöner Knaben. Ihr Körper hatte etwas Überirdisches, Reines und glich einem leuchtenden Kristall. Ein seelenvoller, lieblicher Ernst lag über ihrer Erscheinung ausgegossen. Ein langes, bis auf den Boden herabwallendes Gewandt deckte ihre Glieder. Es schimmerte wie lauteres Gold und war wie von lichtem Sonnenschein umflossen. Auf dem Haupt trugen diese Knaben allerhand zierliche, von den lebhaftesten, schönsten Blumen geflochtene Kronen, die wunderbare Düfte ausströmten. In den Händen führten sie wohl Palmzweige. Auf der Brust trugen sie ein Symbol, den Ordenszeichen vergleichbar, die von den Rittern militärischer Orden getragen werden. In geheimnisvollen Chiffren standen auf diesen Zeichen mit verborgener Schrift die Worte: Maria, du Mutter Gottes. Maria selbst verstand diese Inschrift nicht. Von diesen Schriftzügen ging ein leuchtender Glanz aus. Die Engel zeigten Maria die Erhabenheit Gottes samt seinen Eigenschaften, sowie die Gnaden, die er ihr erwiesen, indem er sie erschaffen, auserwählt und mit so vielen Schätzen des Himmels ausgestattet hatte. Sie entflammten dadurch Maria zur Liebe Gottes. Im weiteren Verlauf der Zeit verdolmetschten sie ihr auch die verborgene Schrift, die sie in den Zeichen auf ihrer Brust führten.

 

Die siebzig Seraphim, die der Himmelskönigin beistanden, waren aus der Zahl derjenigen erwählt, die in der Andacht und Bewunderung des ewigen Wortes den höheren Eifer bezeigt hatten, denn sie hatten eine stärkere Sehnsucht, dass dieses Geheimnis durch eine reine Jungfrau bald in Erfüllung gehe. Wenn diese Seraphim sich sichtbar zeigten, geschah es in der Gestalt, in der es auch Jesaja geschaut hatte, nämlich mit sechs Flügeln. Mit zweien von ihnen bedeckten sie das Haupt und gaben durch diese Verdemütigung zu verstehen, wie sie noch nicht erleuchtet genug waren, das heilige Mysterium zu begreifen, das sie bedienen sollten. Allein sie glaubten es und priesen deshalb den heiligen, aber unbegreiflichen Ratschluss. Mit zwei anderen Flügeln bedeckten sie die Füße, die der untere Teil sind, der die Erde berührt. Hierin sollte die Königin und Frau des Himmels selbst und die menschliche und irdische Beschaffenheit ihrer Natur angedeutet werden. Aus Ehrerbietung verhüllten sie die Füße und wollten dadurch zu erkennen geben, wie sie Maria für eine allerhöchste, wegen ihrer unbegreiflichen Würde der göttlichen Majestät allernächste, über allen erschaffenen Verstand hinausreichende Kreatur hielten und ehrten. Die Bedeckung der Füße bezeichnete zugleich das Bekenntnis, dass die Seraphim, wie hoch erhaben sie auch sonst sind, mit Maria sich nicht vergleichen dürften. Mit den beiden Flügeln vor der Brust flogen sie, oder breiteten sie aus. Dies bedeutete zweierlei: Einmal die unablässige Bewegung, den beständigen Flug der Liebe Gottes und seines Lobes; und die tiefste Ehrerbietung, die sie ihm darbrachten. Sodann öffneten sie Maria das Innerste ihrer Herzen, worin wie in einem allerreinsten Spiegel die Strahlen der Gottheit aufgefangen waren und ihr entgegenleuchteten. Solange Maria noch auf der Erde lebte, konnte sich ihr die Gottheit nicht so beständig offenbaren. Darum verordnete die heilige Dreifaltigkeit, dass ihrer Tochter und Genossin die Seraphim als die unmittelbarsten und der Gottheit nächsten Geschöpfe als Beistände nahe wären, damit sie gleichsam in einem lebendigen Abbild das dargestellt erblicke, was sie nicht jederzeit im Urbild zu sehen vermochte.

 

Die zwölf Engel, die Johannes als die auf den zwölf Thronen genannten bezeichnet, erschienen Maria körperlich und waren den vorigen gleich. Nur hatten sie viele Kronen und Palmzweige für die Diener Mariens vorrätig und trugen solche in den Händen. Sie bedienten die begnadete Jungfrau und gaben ihr hauptsächlich die unaussprechliche Güte des Herrn den Menschen gegenüber zu erkennen, regten sie auch an, Gott zu loben und ihn zu bitten, seine Barmherzigkeit an den Menschen zu vollziehen. Maria wiederum bediente sich dieser Engel, um mit Einsprachen und Beistand denen zu Hilfe zu kommen, die die Himmelskönigin anrufen, oder denen sie ihren Schutz zuwenden will, wie es später mit den Aposteln häufig der Fall war.

 

Noch waren 18 besondere Engel zu Mariens Dienst verordnet, die besonders eine liebende Teilnahme für die Trübsale und Leiden des menschgewordenen Wortes an den Tag legten. Diese stellten sich der allerseligsten Jungfrau in einer bewunderungswürdigen Schönheit dar. Sie waren mit allerhand Zeichen des Leidens und anderen Geheimnissen der Erlösung geschmückt, namentlich trugen sie Kreuze von außerordentlicher Schönheit und Glanz auf Brust und Armen. Auch dieser Engel bediente sich Maria zu Botschaftern. Alle Formen, unter und mit denen die Engel sich zeigen, sind nur Sinnbilder der Vollkommenheiten und Eigenschaften dieser himmlischen Abgeordneten, die nur schwach das ausdrücken, was ich dahinter erblicke. Denn sie sind unsichtbare Strahlen der Gottheit, überaus behänd in ihren Bewegungen, mächtig in ihrer Kraft, vollkommen in ihrem Verstand, unveränderlich in ihrem Willen. Was sie einmal lernen, vergessen und verlieren sie nicht wieder. Sie sind bereits voll Gnade und Herrlichkeit ohne Gefahr, sie zu verlieren. Unkörperlich und unsichtbar nehmen sie, wenn Gott einem von uns Menschen die Gnade ihrer wahrnehmbaren Gegenwart angedeihen lassen will, einen Luftkörper an. Alle die tausend Engel, die dem Dienst Mariens gewidmet wurden, waren unter den höchsten ihrer Ordnung auserwählt. Diese Erhabenheit besteht vornehmlich in der Gnade und der Herrlichkeit. Noch heute erfreuen sie sich des Anblicks und der Gesellschaft der Mutter Gottes. Einige sind erkoren, ihre Botschafter zu sein.

 

Hier endet, was Maria von Agreda über die Schutzengel und Maria sagt.

 

So viel auch die heiligen Schutzengel für uns tun können, und wirklich tun, Maria vermag mehr als sie, weil sie als Mutter Gottes eine höhere Macht besitzt, die Engel aber sind nur Diener des Herrn. Auch liebt Maria uns als Mutter, während die Engel nur unsere Diener, oder sozusagen unsere Brüder sind. Darum lasst uns die Schutzengel ehren und lieben. Höher aber wollen wir noch Maria, die Gottesmutter verehren und lieben, jetzt und allezeit, und auf sie unser unerschütterliches Vertrauen setzen.