Der heilige Romedius, Einsiedler in Südtirol, + um 400 – Fest: 15. Januar

 

Im Trentino liegt östlich von San Zeno bei Cles ein wildromantisches Tal. Erst vor ca. 60 Jahren wurde eine Straße dorthinein gebaut. Nach etwa vier Kilometern verbreitert sich der enge Talboden zu einem Kessel, in den fast senkrechte Felswände herabstürzen. Nur an einer Stelle werden die Felsmauern von besteigbaren und bewaldeten Felsen abgelöst, und dort erhebt sich über einer Grotte das Santuario di S. Romedio (die Wallfahrtskapelle des heiligen Romedius). Mit drei Franziskanern, die ständig dort wohnen, soll die Einsiedelei die kleinste katholische Pfarrei Europas sein. Das Trentiner Volk erzählt sich viel Wunderbares über diese Einsiedelei.

 

Im 4. Jahrhundert n.Chr. lebte dort ein frommer Eremit namens Romedius (Remedius) mit seinen beiden Schülern Abraham und David. Allerdings gab es damals noch nicht die Baulichkeiten wie heute, sondern die drei Gottsucher hausten in der Grotte, in die man auch heute noch durch ein Gitter im Boden der Kirche in die Einsiedelei hinabsehen kann. Es wird berichtet, dass Romedius aus einer vornehmen rhätischen Familie (der Grafen von Thaur bei Innsbruck, die mit dem Grafen von Andechs, Dießen und Hohenwart nahe verwandt waren) stammte, die im Inntal ansässig war. Er hatte seinen ganzen Besitz der Kirche vermacht und sich in die Einsamkeit der Berge zurückgezogen, um auf diesem Weg Gott näher zu kommen. Nur selten verließ Romedius seine unwirtliche Behausung, um in der Umgebung von Sanzeno und Cles Kranke zu heilen, Armen Trost zu spenden und zu predigen. Eines Tages nun, als Romedius schon alt war und krank darniederlag, fühlte er in sich den brennenden Wunsch, nach Trient zu reisen, um noch einmal vor seinem Tod den heiligen Vigilius zu sehen, der damals Bischof von Trient war. So befahl er seinen beiden Schülern, das Pferd zu holen, das unweit der Grotte am Waldrand weidete. Als aber Abraham und David auf die Weide kamen, blieben sie, von Entsetzen gebannt, stehen: ein großer Bär hatte das Pferd getötet und schmauste nun an dem Kadaver. Zitternd liefen die beiden zu ihrem Meister zurück und berichteten, was sie gesehen hatten. Da erhob sich der kranke alte Mann von seinem Lager und schleppte sich mühsam auf die Weide. Dort trat er auf den Bären zu, befahl ihm, sich niederzulegen, legte ihm den Zaum des toten Rosses an und setzte sich auf seinen Rücken. Dann trat er auf dem Bären den langen Weg nach Trient an, in weitem Abstand von seinen beiden Schülern gefolgt. Scharen von Waldvögeln folgten dem wundersamen Reiter und schützten ihn gegen Sonne und Regen. Überall strömte auf dem Reiseweg das Landvolk zusammen und ließ sich von Romedius segnen. Als er sich der Stadt Trient näherte, begannen dort alle Kirchenglocken, von unsichtbarer Hand gerührt, zu läuten. Vigilius empfing seinen Bruder in großen Ehren und segnete ihn. Dann ritt Romedius wieder auf seinem merkwürdigen Reittier heim und starb bald darauf.

 

Das berichtet uns die Überlieferung. Romedius wurde später heiliggesprochen – wann, weiß man nicht –, und über der Grotte wurden eine Kirche und einige Gebäude errichtet. Der älteste Teil der ganzen Einsiedelei sind die Grundmauern und das Portal der am höchsten gelegenen Kapelle, die in der Zeit Karls d. Gr., vielleicht auch noch etwas früher, also um die Wende des 7. Jahrhunderts, erbaut wurden.

 

Die schöne Legende von St. Romedius enthält sowohl für den Naturforscher als auch für den Kulturhistoriker hochinteressante Details. Das Trentino, namentlich dessen unwegsame und bewaldete Gebirge, sind ältestes Bärenland. Auch bis vor einigen Jahren noch lebten dort gerade in den Tälern um Sanzeno herum noch die letzten Bären der Alpen. Und zweifellos hat um die Zeit des heiligen Romedius und auch vorher der Bär in diesen Gegenden als erstrebenswerte Jagdtrophäe wie als zu bekämpfender Viehräuber eine große Rolle gespielt. Auch ist es durchaus denkbar, dass dort zu St. Romedius` Zeiten vielleicht noch Reste eines uralten Bärenkultes bestanden. Dafür spricht der Umstand, dass der Bär in dieser Legende gleichzeitig als furchtbares und als liebenswürdiges Geschöpf erscheint. Wie in anderen Legenden zeigt sich hier die deutliche Tendenz, heidnisches Gedankengut zu christianisieren.

 

Für den Naturforscher ist aber die Gestalt des heiligen Romedius aus einem ganz anderen Grund besonders fesselnd. Wir wissen heute, dass trotz des lustigen Aussehens der Bären im Zoo und Zirkus „zahme“ Bären zu den gefährlichsten Tieren gehören. Scheinbar ohne jeden Grund und gänzlich aus heiterem Himmel haben solch „süße“ Honigbärchen schon oft ihren vertrauten Pfleger, Wärter und Dresseur schwer verletzt und auch getötet. Was St. Romedius geglückt ist, scheint also zunächst gänzlich unmöglich zu sein. Es scheint aber nur so. Wir können davon ausgehen, dass St. Romedius einen Bären besessen hat, auf dem er geritten ist. Lassen wir einmal die Geschichte von der Umwendung des wilden Bären und dem Einzug in Trient außer Acht. Wer die Grotte gesehen hat, in der St. Romedius seinerzeit hauste, wird auch der Meinung sein, dass das ein typischer Platz ist, wo Bären ihr Winterlager aufschlagen. Vielleicht hat St. Romedius, als er von dieser Grotte Besitz nahm, dort ein verwaistes Bärenkind gefunden, dessen Mutter ein Trentiner Jäger getötet hatte. Und vielleicht hat er dann dieses Bärenkind mühsam aufgezogen. Ein so aufgezogener Bär aber, der sich nicht im Käfig befindet, was bei St. Romedius sicher der Fall war, schließt sich innig an seinen Pfleger an und lässt ihn auch eher die beim Bären so plötzlich wechselnden Stimmungen erkennen als ein Zoo- oder Zirkustier, ganz einfach weil der Pfleger ständig mit ihm zusammen ist und ihn nicht als einen Gefangenen hält. Bekannt ist, dass zu Ende des 19. Jahrhunderts ein amerikanischer Bärenjäger zwei aufgezogene Grizzly-Bären besaß, die er sogar als Lasttiere benutzte. Das Volk nannte ihn allgemein den „Grizzly-Adam“. Es scheint, dass St. Romedius ebenfalls ein solcher Mann gewesen ist.

 

Das fromme Altertum hat uns auch noch ein Gebet überliefert, das der heilige Romedius an den Gräbern der Apostel und an anderen Orten, die durch den Besitz von Reliquien berühmt waren, zu verrichten pflegte: „Herr Jesus von Nazareth, Sohn des lebendigen Gottes, durch die Fürbitte des lieben Heiligen, dessen Reliquien sich hier befinden, bitte ich Dich, Du wollest mich nicht verwerfen, sondern mich bewahren vor allen eitlen und gefährlichen Sorgen für diese Zeit, vor allem Bruch des geschworenen Seelenfriedens und vor allem, was meinem Heil hinderlich ist.“