Der heilige Pater Pio da Pietrelcina, Kapuzinermönch, Priester, Mystiker, + 23.9.1968 – Fest: 23. September

(Quelle: Vatican News)

 

Folgende Sätze lesen wir auf der Webseite über die Heiligsprechung Pater Pios:

„Die Heiligsprechung Pater Pios am 16. Juni 2002 war ein Ereignis ohnegleichen. Papst Johannes Paul II. hat der Welt Pater Pio aus Pietrelcina als Vorbild für Gebet und Barmherzigkeit vorgestellt, in einer Zelebration, die wohl am meisten Zulauf in der Geschichte des Vatikans gefunden hat. Die mehr als 300.000 Pilger, deren genaue Zahl unmöglich zu ermitteln war, die nach Rom gekommen waren, um an der Feier teilzunehmen, passten nicht auf den Petersplatz. Hunderttausende drängten sich in der Via della Conciliazione und auf den nahegelegenen Plätzen, indem sie der Liturgie auf Megabildschirmen folgten.“

(Hier geht’s zur o.g. Webseite)

 

Der Priester mit den Wundmalen Christi

 

Wer würde schon das kleine Kapuzinerkloster S. Giovanni Rotondo bei Foggia in der süditalienischen Landschaft Apulien kennen, wenn nicht ein schlichter Ordensmann in ihm lebte, dessen Name heute in aller Welt genannt wird: P. Pio von Pietrelcina. Zu Füßen des seit undenklichen Zeiten dem hl. Erzengel Michael geweihten Monte Gargano duckt sich das Kloster an den kahlen Berghang. Der Mönch aber, der hier seit Jahrzehnten lebt, erfüllt als ein zweiter Pfarrer von Ars die Mission des Priesters in der Welt: Die Rettung der Seelen in einer immer gefährdeteren Welt.

 

Durch sein vorbildliches priesterliches Leben und Wirken, sein mahnendes und strafendes, aber auch lobendes und aufrichtendes Wort und durch ungezählte Liebeswerke an den Menschen, die vertrauensvoll oder auch skeptisch, ja oft sogar zunächst ablehnend zu ihm kommen, hat dieser Franziskaner Millionen Freunde und Anhänger gewonnen, von denen viele zu seinen aktiven Mitarbeitern geworden sind.

 

So ist es kein Wunder, dass dem einfachen Mönch, der am 25. Mai 1966 seinen 79. Geburtstag feierte, von allen Seiten Liebe und Verehrung entgegengebracht werden. Mit Gottes Gnade durfte P. Pio schon Tausende von verirrten Seelen auf den Weg Gottes zurückführen, von denen so mancher zuvor nicht im Traum daran gedacht hätte, „zu Kreuze zu kriechen“. Doch nicht allein das – mit dem Namen P. Pios waren schon sehr früh Geschehnisse verbunden, die dem bescheidenen Ordensmann nicht nur die Liebe und Verehrung des Volkes eintragen, sondern die auch die Aufmerksamkeit der kirchlichen Hierarchie bis hinauf zur römischen Kurie erregen und die Neugierde der Weltöffentlichkeit wecken mussten.

 

Der stigmatisierte Priester

 

Dies war vor allem der Fall von dem Tag an, da bekannt wurde, dass P. Pio als erster Priester in der Geschichte der Kirche mit den Stigmen, d.h. den Zeichen der Wundmale Christi, ausgezeichnet worden war. Zusammen mit dieser Erscheinung führte eine große Zahl von „Wundern“, d.h. auf natürliche Weise nicht erklärbaren Ereignissen und Erscheinungen dazu, dass man in dem bescheidenen Mönch, der sich so sehr in seinem priesterlichen Beruf verzehrte, eine mit außergewöhnlichen Gnadengaben begabte Persönlichkeit erkannte.

 

Seit der hl. Franz von Assisi auf dem Berg La Verna die Wundmale Christi empfing (er ist der erste, von dem wir es mit Sicherheit wissen), haben etwa vierhundert Ordensleute und Laien diese Zeichen der innigen Verbundenheit mit der Passion und dem Kreuzesopfer Christi an ihrem Leib getragen. Etwa sechzig dieser „Stigmatisierten“ wurden heilig- bzw. seliggesprochen – wobei die Kirche allerdings ihr Urteil nicht auf die Tatsache der Stigmatisierung, sondern vielmehr auf den erwiesenen heroischen Tugendgrad stützt.

 

Wie andere Stigmatisierte unserer Zeit musste sich auch P. Pio auf Wunsch seiner Oberen eingehenden Untersuchungen unterziehen. Er gehorchte und nahm schweigend auf sich, was diese Prozeduren an Schmerz und Erniedrigung mit sich brachten. Einer der untersuchenden Ärzte, Dr. R., stellte übrigens eines Tages die „schlaue“ Frage: „Sagen Sie, Pater, warum haben Sie diese Wunden gerade da, und nicht woanders?“ – Mit einem feinen Humor antwortete ihm der Gefragte: „Eher müssten Sie, Doktor, mir antworten: warum sollte ich sie woanders und nicht da haben?“

 

Der Verfasser hat die gesegneten Hände P. Pios wiederholt in seinen eigenen Händen gehalten und ehrfürchtig mit den Lippen berührt. Er hat die dunkelroten, blutverkrusteten Wunden nicht nur gesehen, sondern auch gefühlt. Übrigens riechen diese Wundmale nicht etwa unangenehm, wie man infolge des sich zersetzenden Blutes erwarten sollte, sondern verströmen, wie von Besuchern immer wieder bestätigt wird, einen merkwürdigen Wohlgeruch.

 

Eine neugierige Frau fragte einmal den stigmatisierten Priester, ob diese Wunden auch schmerzten. „Glauben Sie, ich habe sie zur Zierde bekommen?“ war die launige Antwort. Und als eine noch zudringlichere Frau einmal wissen wollte, wie sie schmerzten, erklärte der Pater ernst: „So, wie wenn man einen Nagel durch die Hände treibt . . .“

 

Der Beichtvater

 

Der ursprünglich eher körperlich schwache Mann verbringt seit einem halben Jahrhundert tagtäglich bis zu achtzehn Stunden im Beichtstuhl. Er kennt keine Rücksicht gegen sich selbst, wenn der Strom der Pilger gegen die Mauern von Kloster und Kirche brandet – ein Strom, der nie versiegt. Und nicht zu versiegen scheinen auch die Kräfte des einzigartigen Beichtvaters, der so vielen Menschen schon zur Rückkehr auf den rechten Weg nach dem Wunsch und Willen Gottes verholfen hat. Gleichwohl sind die Jahre nicht spurlos an ihm vorübergegangen, und auch der asketische Mönch hat seinen Tribut an das Alter zollen müssen. Doch er hat sich eine Frische des Geistes und des Herzens bewahrt, die ihn befähigt, sein unvergleichliches Werk unvermindert fortzuführen. Wenn er den Beichtstuhl nach Stunden verlässt, erscheint er immer noch frisch und voller Schwung und findet für jeden der Harrenden ein freundliches Wort.

 

Natürlich drängt sich das Volk um ihn, und besonders die Frauen versuchen, einen Zipfel seines Gewandes zu erhaschen oder ihm die Hand zu küssen.

 

So wollten ihm eines Tages auch zwei soeben angekommene Mädchen die Hand küssen. P. Pio aber kreuzte die Hände auf dem Rücken und fragte: „Und was habt ihr eurem Vater versprochen?“ Die Mädchen wurden rot bis unter den Haaransatz. Sie hatten ihrem Vater, einem Ingenieur, die Erlaubnis zu der Reise nach S. Giovanni Rotondo nur unter der Bedingung abgerungen, die „mit tuberkulösen Wunden bedeckten Hände“ nicht zu berühren. Man kann sich denken, welches Aufsehen dieser Zwischenfall in der betreffenden Familie hervorrief, der übrigens auch den misstrauischen Vater zu P. Pio führte.

 

Als ein Mann aus der Umgebung erkrankte, eilte die besorgte Ehefrau in das Kloster. Wie aber sollte sie an P. Pio herankommen? Um ihn im Beichtstuhl sprechen zu können, musste man des großen Andrangs wegen tagelang warten. Während der Feier der hl. Messe war die gute Frau vor Aufregung nicht imstande, sich ruhig zu verhalten, und bewegte sich unruhig hin und her. Schließlich vertraute sie ihren Kummer in stummem Zwiegespräch mit dem verehrten Pater, der ein großer Marienverehrer ist, der Muttergottes an. Auch während der Beichtstunden gelang es ihr nicht, an P. Pio heranzukommen. Irgendwie aber brachte sie es fertig, sich hinterher in den berühmten Gang zu schmuggeln, in dem man ihn wenigstens flüchtig sehen kann. Als er sie erblickte, sah er sie groß an: „Kleingläubige Frau! Wann hörst du endlich auf, mir die Ohren vollzuschreien, dass sie mir klingen müssen? Bin ich denn taub? Schon fünfmal hast du es mir gesagt, von rechts und von links, von vorne und von hinten. Ich habe verstanden . . .“ Und dann fügte er lächelnd hinzu: „Geh nach Hause, es ist alles in Ordnung!“ Und tatsächlich war der Mann wieder gesund.

 

P. Pio weiß, was in seinen Beichtkindern vor sich geht. Er kennt die Herzen und durchschaut die Gedanken. Notfalls hilft er selbst dem Gedächtnis nach. Und wehe, wenn jemand etwas „vergisst“! Dann kann er unerbittlich sein.

 

Eines Tages kniete eine junge Engländerin aus gutem Hause vor dem Gitter des Beichtstuhles bieder. P. Pio blickte sie an, schloss heftig das Fenster vor ihrer Nase und erklärte ihr: „Für Sie habe ich keine Zeit!“ Die Ärmste war ganz geschlagen. Zwanzig Tage lang kam sie immer wieder, und jedes Mal musste sie die gleiche Abfuhr erleben. Schließlich wurde sie mit den Worten empfangen: „Arme Blinde! Statt dich über meine Strenge zu beklagen, müsstest du dich fragen, wie es möglich ist, dass dich die Barmherzigkeit Gottes nach so vielen Jahren des Sakrilegs überhaupt noch aufnimmt . . . Hast du nicht jahrelang im Stand der Todsünde an der Seite deiner Mutter und deines Gatten kommuniziert, nur um den Anschein der Ehrbarkeit zu wahren?!“ Auch hier kam es zu einer großen Umkehr und dem Verlangen, wiedergutzumachen und andere vor dem gleichen schweren Vergehen zu bewahren.

 

Auch Ausländer haben schon bei P. Pio gebeichtet, selbst wenn beide die Sprache des anderen nicht oder kaum verstanden. Als Miss Mary Pyle, eine der geistlichen Töchter des Paters, der Verfasserin des Buches „Das wahre Gesicht des P. Pio“, Maria Winowska, von amerikanischen „Boys“ erzählte, die den Beichtstuhl des Paters umlagerten, sagte sie auf die Frage, wie dies möglich sei: „Auch ich frage mich, wie. es gelingt ihnen jedenfalls. Der Pater kennt praktisch kein Wort der englischen Sprache. Und sie verstehen kaum oder gar nicht italienisch. Sie kommen begeistert zurück: „P. Pio versteht uns, das steht fest. Wie, das ist seine Sache. Und er sagt uns, was wir erwartet haben.“

 

„Gott weiß alles . . .“

 

„Gott weiß alles, und ich weiß alles in Ihm.“ Aus diesem Bekenntnis P. Pios geht hervor, dass der stigmatisierte Priester während der innigen Vereinigung mit seinem Herrn und Gott am Altar alles für ihn Wichtige und ihn Interessierende erfährt. So forderte er eines Tages einen vor ihm knienden jungen Mann auf, die pornographischen Bilder, die er zu Hause verwahrte, zu vernichten. Ein anderes Mal sah er einen der zur Beichte in der Sakristei versammelten Männer unausgesetzt an und winkte ihn dann herbei, um ihm zu sagen: „Pater, legen Sie Ihre Kutte wieder an, wenn Sie wollen, dass ich Ihnen die Beichte abnehme.“ – „Nicht notwendig“, erwiderte der andere, „ich weiß nun Bescheid.“ Es handelte sich um einen Dominikaner in Zivil, der sich mit eigenen Augen hatte Gewissheit verschaffen wollen. Einem anderen Besucher diktierte P. Pio die Antwort auf einen verschlossenen Brief. Und einen Mann, der mit der Absicht gekommen war, ihn zu ermorden, nannte er einen Mörder und forderte ihn auf, die Mordwaffe herauszurücken. Völlig überrumpelt, stürzte der Entlarvte auf die Knie nieder, bekannte seine Schuld und bekehrte sich.

 

Als einst ein hoher geistlicher Würdenträger Papst Benedikt XV. vor „diesem Betrüger“ warnte, schickte dieser ihn nach S. Giovanni Rotondo mit den Worten: „Mein Sohn, Sie sind zweifellos schlecht unterrichtet. Ich rate Ihnen dringend, sich an Ort und Stelle zu begeben, um mit eigenen Augen zu sehen, wie es sich damit verhält.“ Wenige Tage später mit dem Zug in Foggia eingetroffen, wurde der Bischof von zwei Kapuzinern ehrerbietig begrüßt: „Gelobt sei Jesus Christus! P. Pio schickt uns, um Euer Exzellenz nach S. Giovanni Rotondo zu geleiten.“ – „Aber P. Pio weiß doch gar nichts von meiner Reise“, entgegnete der Bischof verwirrt. „Wohl oder übel muss er von ihr unterrichtet worden sein“, erwiderte der Mönch lächelnd. „Er hat gesagt, der Papst schicke Euch.“ Nach einem Augenblick des Schweigens trat der hohe Herr an den Schalter und – erkundigte sich nach dem nächsten Zug nach Rom. Das Ziel seiner Reise war erreicht. Er hatte „mit eigenen Augen“ gesehen.

 

Helfer in der Not

 

Die Frau des Fotographen Friedrich Abresch (der P. Pio vor vielen Jahren eine Lebensbeichte abgelegt hat – wobei er erfahren musste, dass sein Beichtvater besser Bescheid wusste als er selbst – und der nun schon so lange in S. Giovanni Rotondo lebt) war krank und sollte sich nach dem Rat der Ärzte einer schweren Operation unterziehen, nach der sie keine Kinder mehr hätte bekommen können. Als sie P. Pio um Rat fragte, riet dieser ab. Frau Abresch berichtete: „Voll Freude und Hoffnung kehrte ich nach Bologna zurück. Und tatsächlich hörten von diesem Augenblick an meine Blutungen auf, und alle Symptome des Leidens verschwanden, ohne auch nur die kleinste Spur zu hinterlassen. Als mein Mann zwei Jahre später P. Pio besuchte, sagte dieser voraus, ich bekäme einen Sohn . . . Und tatsächlich hatte ich ein Jahr später ein Kind. Seine Geburt schadete mir trotz aller Prognosen der Ärzte in keiner Weise.“ Herr Abresch selbst aber fügte diesem Bericht noch hinzu: „Dieser Junge ist nun Priester. . . P. Pio hat es vorausgesagt! Wie wunderbar sind Gottes Wege!“

 

Das bekannte Lourdes gilt heute als einer der meistbesuchten Wallfahrtsorte der katholischen Christenheit: zwei Millionen Besucher im Jahr (1966). Nach S. Giovanni Rotondo kommen alljährlich achthunderttausend Menschen und bestürmen den „lebenden Leidenskelch“ P. Pio mit ihren Anliegen. Viele seiner geistigen Söhne und Töchter haben sich im Lauf der Jahre in der Nachbarschaft ihres Verehrten Seelenführers mit den Wundmalen Christi angesiedelt. Als Msgr. Fernando Damiani, Generalvikar der Diözese Salto in Uruguay, ebenfalls den Wunsch äußerte, in P. Pios Näh zu verbleiben, erwiderte ihm der Pater: „Nein, Ihr Platz ist in Ihrer Diözese.“ – „Dann versprechen Sie mir aber, dass Sie mir in der Todesstunde beistehen werden.“ P. Pio versprach es nach kurzem Schweigen.

 

Im Jahr 1941 feierte Msgr. Alfredo Kola, Erzbischof von Salto, sein silbernes Bischofsjubiläum. Alle Bischöfe von Uruguay und mehrere aus Argentinien nahmen daran teil. In der Nacht hörte Msgr. Barbieri, Erzbischof von Montevideo, jemand an seine Tür klopfen. Auf sein „Herein“ trat ein unbekannter Kapuziner ein und sagte: „Gehen Sie zu Msgr. Damiani, er liegt im Sterben.“ Zusammen mit einigen Priestern, die er rasch geweckt hatte, eilte der Erzbischof zu dem Generalvikar, der einen schweren Anfall von Angina pectoris erlitten hatte und nun bei vollem Bewusstsein noch die Letzte Wegzehrung empfing, bevor er sanft entschlief. Auf seinem Nachttisch aber fanden sich, mit versagender Hand geschrieben, die Worte: „P. Pio ist gekommen.“

 

Bei einem Ad-limina-Besuch in Rom suchte Erzbischof Barbieri auch P. Pio auf und erkannte in ihm den Mönch, der ihn an das Sterbebett seines Freundes gerufen hatte. Als er ihn darüber befragte, schwieg P. Pio zunächst, und erst als Msgr. Barbieri erklärte: „Ich verstehe“, bestätigte auch er lächelnd: „Ja, Sie haben verstanden.“

 

Dieser Fall bietet ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die mystische Erscheinung der „Bilokation“ (Fähigkeit, an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig anwesend zu sein), die P. Pio besitzt und die uns auch von mehreren Heiligen in der Geschichte der Kirche bezeugt ist, so u.a. von Antonius von Padua, Franz Xaver, Joseph von Cupertino, Alfons von Liguori.

 

M. Winowska schreibt hierzu: „Manche seiner Verehrer und vor allem seiner Verehrerinnen verbreiten das Gerücht: Er hört alles, er ist überall. Nichts ist jedoch unrichtiger. Die Gnadengaben P. Pios halten sich streng in den Grenzen, die Gott ihnen steckt. Seine Bilokationen kann er nicht willkürlich hervorrufen, sondern sie entsprechen irgendwelchen Plänen der Unendlichen Barmherzigkeit, deren demütiger Diener er ist . . .“ Eines Tages hierüber befragt, antwortete P. Pio: „Was denn, was denn? Der Körper ist jedenfalls nicht so dumm, dass er nicht bemerken würde, wenn er seinen Platz verlässt. Es fragt sich nur, wie. Reißt die Seele den Leib fort, oder reißt der Leib die Seele fort? Auf jeden Fall sind sie sich dessen voll bewusst und wissen, wohin sie gehen.“ (In solchen Augenblicken ist P. Pio plötzlich wie abwesend, eine Erscheinung, die ihn auch im Beichtstuhl unversehens überfallen kann, wie bezeugt wird. Auch seine Mitbrüder kennen dies und respektieren es schweigend.)

 

Ein besonders dramatischer Fall wird aus der Zeit der Befreiung Italiens vom Faschismus berichtet. Eine der geistigen Töchter P. Pios wurde damals als angebliche Faschistin verhaftet und von einem Standgericht zum Tode verurteilt. Wie sollte sie ihre Unschuld beweisen? In dem Augenblick, da man ihr Handschellen anlegte, um sie zur Hinrichtung zu führen, flehte sie zu P. Pio um Hilfe. Unterwegs wurde sie von einer tobenden Menge mit Steinen beworfen und mit Verwünschungen überschüttet. Mehr tot als lebendig, kam sie an der Hinrichtungsstätte an, wo der Verkehr plötzlich durch eine schier endlose Kolonne von Panzern, Lastwagen und Truppen blockiert wurde. Der zuständige Offizier befahl den Aufschub der Hinrichtung und wartete, „wie hypnotisiert“ auf einem Panzer stehend. Das Mädchen aber dachte: Wenn sie vorbei sind, hat deine letzte Stunde geschlagen! Und seine Gedanken wanderten wieder zu P. Pio. Als immer mehr Zeit verstrich, begannen sich die Terroristen zu zerstreuen. In der Zwischenzeit hatten Freunde ein Alibi für das junge Mädchen verschafft, während die Denunzianten ihrerseits die Furcht vor Repressalien überkam, als bekannt wurde, dass die Hinrichtung durch die durchziehenden Truppen verzögert worden sei. Als die letzten Kolonnen vorübergezogen waren, erklärte ein im Auto herbeigeeilter Unbekannter dem Mädchen, es sei frei, und brachte es nach Hause zurück. Dort aber war inzwischen der Mob (die Häuser der aus politischen Gründen Verurteilten wurden in jenen Tagen in Italien wie in Frankreich zur Plünderung freigegeben) dabei gewesen, unter den Augen der entsetzten Schwester des Mädchens alles auszuräumen, bis plötzlich ein wiederholtes lautes und gebieterisches „Basta (genug)!“ sie aufgescheucht und schließlich Reißaus hatte nehmen lassen. Als die Verurteilte daheim ankam, warf sich ihr die Schwester weinend in die Arme und erklärte: „Es war P. Pios Stimme. Er hat die Plünderer in die Flucht gejagt!“ Sobald es wieder möglich war, sich frei zu bewegen, eilte das Mädchen nach S. Giovanni Rotondo, wo P. Pio sie lächelnd mit den Worten empfing: „Meine Tochter, du hast mir mit deinem Glauben ganz schön zugesetzt!“

 

Berühmt geworden ist der Fall des Generals Cadorna, der sich nach einer Niederlage seiner Truppen das Leben nehmen wollte. Als er am Abend zum Revolver griff, trat plötzlich ein unbekannter Mönch ein und drohte ihm mit dem Finger, als wollte er sagen: Na, General, Sie werden doch nicht eine solche Dummheit begehen! Wütend stürzte der General, der Befehl gegeben hatte, ihn nicht zu stören, nach draußen. Doch die Wachposten schworen, sie hätten niemanden gesehen geschweige denn eintreten lassen. Der Zorn des Generals wich fassungslosem Erstaunen, und er gab seine Absicht, aus dem Leben zu scheiden, auf. Vergeblich bemühte er sich in der Folge, das Geheimnis der Erscheinung zu ergründen. Als bald darauf der Krieg zu Ende ging und man mehr und mehr von P. Pio zu sprechen begann, hörte auch der General von den ihm zugeschriebenen wunderbaren Fähigkeiten. Inkognito reiste er nach S. Giovanni Rotondo. Zu dieser Zeit aber durfte niemand P. Pio sprechen, da er entsprechend dem Willen seiner Oberen unter medizinischer Beobachtung stand. Auf sein Drängen wurde dem General schließlich gestattet, sich im Korridor aufzuhalten, den der Pater benützt, wenn er sich zur Kirche begibt. Als die Mönche an ihm vorbeizogen, erkannte der General seinen nächtlichen Besucher wieder. Dieser aber hob wiederum nur stumm den Finger, als wollte er sagen: Einmal habe ich dich vor dem Schlimmsten bewahrt, ein zweites Mal nicht mehr!

 

Alle, die in P. Pios Nähe weilen oder ihn besuchen, spüren die Kraft, die von dem schlichten Ordenspriester ausgeht, der mit den Wundmalen seines Herrn ausgezeichnet wurde. Und selbst ein Arzt aus Chicago, der nach zehntägiger Schiffsreise und dreißigstündiger Bahnfahrt in S. Giovanni Rotondo eintraf und trotz allen Drängens nicht von P. Pio empfangen wurde, war es zufrieden, als er von P. Pios Hand die Zeilen empfing: „Es tut mir sehr leid, dass Sie die weite Reise vergeblich auf sich genommen haben, aber Sie werden verstehen, dass ein Mönch gehorchen muss.“ Der Arzt erklärte hinterher freimütig, diese Antwort habe ihn tiefer beeindruckt als eine eingehende Untersuchung der Wundmale. Wie die Millionen Besucher, die gleich ihm gläubig oder skeptisch nach S. Giovanni Rotondo gekommen waren und täglich aufs Neue kommen, war er bereit, mit Papst Benedikt XV. (1914-1922) zu sagen: „P. Pio ist wahrhaft ein Mann Gottes.“

 

Katholischer Digest, 20. Jahrgang, Nr. 6, Juni 1966

 

(Papst Franziskus am Sarg des hl. P. Pio - Quelle: Vatican News)

(Papst Franziskus in der Zelle des hl. P. Pio - Quelle: Vatican News)