Die gottselige Pauline Maria Jaricot, Stifterin des Vereins zur Verbreitung des Glaubens und des Lebendigen Rosenkranzes in Lyon, Frankreich, + 9.1.1862 - Fest: 9. Januar

       

Pauline Jaricot ist eine jener auserwählten Seelen, die Gott in Frankreich zu einer Zeit berufen hat, wo die Mächtigen und Klugen in den Abgrund der Revolution versanken, um inmitten der Ruinen die Grundlage einer neuen christlichen Gesellschaft zu legen. Die Nächstenliebe, verbunden mit wirklicher Selbstaufopferung, ist diese Grundlage. Sie wird auch zum Neubau unseres zerrütteten deutschen Vaterlandes als sicheres Fundament sich bewähren.

 

Die „Märtyrerstadt“ Lyon barg die Wiege der Pauline Jaricot, die am 22. Juli 1799 einem frommen Kaufmannspaar geboren wurde. Das Kind entsprach der guten Erziehung der Eltern. „Liebe Mama“, seufzte es einmal mit bewegter Stimme, „ich hätte gern einen „Goldbrunnen“, um jedem Elend abzuhelfen, damit es keine Armen mehr gebe und damit niemand mehr weine“. Gerührt nahm die Mutter ihr erst sechsjähriges Töchterchen in die Arme, und was sie ihm zuflüsterte, wurde für Pauline einst selber Licht und Trost, als auch über sie schlimme Tage hereinbrachen: „Gewiss, wir würden uns überaus glücklich schätzen, wenn wir allen Notleidenden ungezählt geben könnten. Doch würde uns es nicht gelingen, dadurch alle Tränen zu trocknen, weil es eben Tränen gibt, die kein Gold zurückdrängen kann. Aber tröste dich: wenn du den lieben Gott recht gerne hast, so wirst du in deiner Seele Reichtum genug finden zur Linderung aller Schmerzen.“ Unverwandten Auges hatte das Kind der Mutter zugehört. Nun einen Kuss ihr auf die Wange drückend, lispelte es bewegt: „Nun denn, liebe Mutter, begehre vom lieben Gott, dass ich ihn gerne habe, damit ich alle Unglücklichen trösten kann.“

 

Und Pauline hatte Gott gerne. Das göttliche Herz Jesu im Tabernakel zog sie mit sanfter Gewalt an sich. Heilige Opferliebe zum Nächsten, besonders zu den armen Arbeitern, beseelte sie zugleich. Aber auch die Weltliebe pochte eindringlich an ihr Herz. Eitelkeit, Gefallsucht und die Anknüpfung einer weltlichen Verbindung nahm sie ganz ein. Es war ein langer Kampf zwischen Gnade und Welt, ein jahrelanger Seelenkampf, in dem die Gnade nur an der heiligmäßigen Mutter der Kämpferin, die Welt aber an den hohen Geistesanlagen, der Anmut und dem Reichtum Paulinens Helferinnen hatte. „Gott war mir Bedürfnis, ein unermessliches Bedürfnis“, so gestand sie. „Durch den Reiz seiner Verwundungen zog er mich zu sich heran und sagte mir, dass alles außer ihm Bitterkeit für mich wäre. Und dennoch ergab ich mich nicht! Mein Herz behielt seine Ketten und zog die Qualen der Knechtschaft dem dargebotenen Frieden vor.“ Wenn sich aber Pauline auch von den Lockungen der Eitelkeit und der menschlichen Liebe einnehmen ließ, so hielt sie sich doch von jeder Makel frei, gleich jenen Wasserblumen, die, wenn sie vom Strom fortgerissen werden, doch ihre weißen Kronen hochhalten und dem Himmel zuwenden. Zu alledem erkrankte Pauline an einem schweren Nervenleiden, so dass ihr alle Glieder den Dienst versagten und sie in allem von ihren Wärterinnen abhängig war. Auch die Mutter wurde schwer krank und starb als Opfer für ihr Kind.

 

Der himmlische Arzt wachte über diesem Kind der Auserwählung. Ein einziger Besuch von ihm, die heilige Kommunion, die Pauline nur auf strengen Befehl ihres Seelsorgers zu empfangen wagte, wobei sie aber aus innerster Seelenangst flehte, wurde ihr das einzig zuträgliche Heilmittel. „Etwas Unaussprechliches ging in mir vor“, gestand sie. Von Stund an konnte die Zunge wieder die Gedanken verständlich ausdrücken, die Glieder wurden lenksamer, die Nervenzuckungen hörten auf. Und doch, ihr Herz widerstand noch weiter dem Ruf der Gnade, bis auch der Seele die Stunde der Genesung schlug. Die Predigt eines heiligmäßigen Priesters, auf den Pauline aufmerksam gemacht wurde, ergriff sie tief. Kurz entschlossen fragte sie ihn hernach , worin die sündhafte Eitelkeit bestehe. Da er ihr die Herzensunschuld aus den Augen leuchten sah, gab er die entschiedene Erklärung: „Für die meisten Frauen besteht diese Eitelkeit darin, dass sie sich aufputzen, um die Blicke auf sich zu lenken und ein Abgott der Geschöpfe zu werden. Für andere beruht sie ganz allein schon in der Liebe dessen, was das Herz gefesselt hält, während Gott es zu höheren Bahnen ruft.“ Ein offenes Bekenntnis der führerlosen Seele im Bußgericht vollendete ihre „Bekehrung“.

 

Diese war eine vollständige, unwiderrufliche. Die bisher so zierlich gekleidete Pauline Jaricot ging jetzt in ärmlichem Gewand, das den Spott der Welt herausforderte, übernahm im Spital die widerlichsten Dienste für die Kranken, legte sich für die Kümmernisse, die sie ihrer frommen Mutter bereitet hatte, eine lange und ihre allzu große Empfindlichkeit überwindende Buße auf und begann überhaupt, im Verein mit armen Arbeiterinnen, eine werktätige Abbitte als Versöhnerinnen des verkannten und verachteten Herzens Jesu. Ein wahres apostolisches Leben, voll strenger Selbstheiligung und angefüllt von den ausgedehntesten Liebeswerken, ein Leben des Seeleneifers, dessen Wohltaten unberechenbar waren, war nun die Aufgabe und das Glück der gottbegnadeten Jungfrau. Dabei waren bei solch heroischer Überwindung schwere Anfechtungen und Leiden nicht verwunderlich. Da war dann der eucharistische Tabor der sichere Zufluchtsort ihrer Seele. Wie durch einen durchsichtigen Schleier nahm dort ihr fester Glaube denjenigen lebendig wahr, dessen Schönheit die ewige Freude der Heiligen ausmacht. Daher ihre raschen Fortschritte, ihre vollkommene Liebe zu Gott.

 

Ein heiliges Feuer trieb Pauline Jaricot für Gott und die heilige Kirche zu arbeiten. Angeregt und begeistert von ihrem Bruder Phileas für das Wohl der Missionen, sann sie eifrig nach einem Mittel, den Missionaren möglichst reichliche Mittel zukommen zu lassen. Da kam ihr eines Abends der Gedanke, wie leicht es wäre, dass jede ihrer Freundinnen unter den armen Arbeiterinnen zehn Genossinnen finden könnte, die für die Verbreitung des Glaubens wöchentlich einen Sou (vier Pfennig) geben würden. Zehn solcher Zehnergruppen (Dekaden) sollte eine Zenturie oder Hundertergruppe bilden, deren Vorsteher die gesammelten Beiträge von den Vorstehern der Zehnergruppen in Empfang nehmen würde. Ein Hauptvorsteher liefert das Sammelergebnis von zehn Zenturienvorstehern an die Zentralkasse ab.

 

Dieser Plan fand gleich anfangs neben ermunternder Zustimmung auch Ablehnung, bis ein Generalvikar von Lyon und hernach auch Pius VII. „den von Gott kommenden Plan“ in seinem ganzen Umfang billigte und der demütigen und gehorsamen Jungfrau, die so Großes zustande gebracht hatte, seinen zärtlichsten Vatersegen gab.

 

Drei Jahre trug Pauline allein die Lasten der Organisation dieses Werkes. „Pauline Maria Jaricot“, sagte später Leo XIII. im Breve vom 13. Juni 1881, „hat den Plan des sogenannten Werkes der Verbreitung des Glaubens entworfen und zur Ausführung gebracht. Es ist dies jene erstaunliche Geldsammlung, die aus dem wöchentlichen Beitrag der Gläubigen bestehend und von den Bischöfen und dem Heiligen Stuhl mit Lobeserhebungen überhäuft, den katholischen Missionen so reichliche Hilfsmittel zuführt.“ Da fand am 3. Mai 1822 in Lyon eine Versammlung von Missionsfreunden statt. Sie nahm den Plan Paulines auf, beschloss seine Ausdehnung auf alle Missionen, entwarf feste Satzungen und übertrug die Verwaltung des Werkes einem Zentralausschuss. An Pauline Jaricot stellte man aber das Ansinnen, ihr Vereinswerk an die neue Organisation abzutreten. Sie war demütig und großherzig genug, es zu tun, in der Überzeugung, dass ihr Werk in der Hand angesehener Männer rascher sich entwickeln würde als unter der Leitung eines jungen Mädchens. Daher kam es aber dann, dass ihre Verdienste in Vergessenheit gerieten und sie später vom Verwaltungsrat nicht mehr als Stifterin des Vereinswerkes anerkannt wurde.

 

Ein zweites Mal bediente sich Gott ihrer schwachen Hand, um Großes zu vollbringen. Tief bewegten die edle Seele die vielen sittlichen Schäden der Gesellschaft, der allgemeine Leichtsinn des Volkes und die geringe Gebetslust. Von 1826 an verließ Pauline fast gar nicht mehr den Tabernakel. Da sie von den wunderbaren Wirkungen des Rosenkranzgebetes hörte, so nahm sie den Gedanken auf, dieses Gebet so zu organisieren, dass immer fünfzehn Teilnehmer je ein bestimmtes Gesätz täglich beten, miteinander also den ganzen Rosenkranz täglich fertig bringen. Diese Übung wurde allmählich unter dem Namen „Lebendiger Rosenkranz“ von der ganzen Welt angenommen, wenngleich auch der böse Feind sich alle Mühe gab, sie in ihrem Entstehen zu unterdrücken. Auf Vermittlung und unter dem Schutz des Kardinals Lambruschini, der Pauline zeitlebens sehr gewogen war, gab auch der Heilige Vater seinen Segen und 1836 ließ der Ordensgeneral der Dominikaner allen Vereinsgenossen des Lebendigen Rosenkranzes die geistlichen Vorteile seines Ordens zuteilwerden.

 

Die Leitung dieses Vereins war Paulines hauptsächliche Aufgabe. Mündlich und schriftlich gingen immer wieder ihre Aufmunterungen hinaus an die zahlreichen Vereinsförderer. In ihr „Loretto“ auf dem berühmten Fourviére-Hügel von Lyon, wo sie mit einigen gleichgesinnten Jungfrauen, der „Gesellschaft Mariä“, beisammen wohnte, kamen Bischöfe, Ordensleute, Missionare, Rat- und Hilfesuchende aller Art. Sie hatten alle Anlass, die Freigebigkeit und Liebenswürdigkeit der geistvollen, seelenkundigen und bisweilen prophetischen Pauline Jaricot zu preisen.

 

Doch diese für Gottes Reich und des Nächsten Wohl so rastlos tätige Jungfrau wollte Gott auch noch in die Feuerglut der Leiden nehmen, um das Gold der Heiligkeit, das in dieser armen, zuletzt bitter armen und verlassenen Dulderin verborgen war, klar und rein herauszuschmelzen. Schon in dem Revolutionssturm 1834, wo die Kugeln der Aufständischen und der Verteidigungstruppen sich über dem Besitztum Paulines trafen, litt die noch dazu schwer erkrankte Dienerin des Herrn Unsägliches.

 

Ihr Herzleiden war damals nach dem Urteil der Ärzte hoffnungslos. Da entschloss sich die glaubensstarke Jungfrau zu einer Reise zum Grab der heiligen Philomena in Mugnano in Süditalien, wo damals viel Wunderbares sich ereignete. Schier leblos kam sie mit dem Wagen in Rom an. Zweimal empfing sie dort den Besuch des Vaters der Christenheit, Gregors XVI., der ihr in eigener Person für die zwei großen Vereinswerke dankte, wodurch sie sich um die Kirche wohl verdient gemacht hatte. In Mugnano aber fand die schwer Leidende zum Fest der heiligen Philomena, am 10. August 1835, die Gesundheit wieder. Das Wunderbare dieses Ereignisses ist über alle Zweifel sicher gestellt.

 

Ein anderes Leiden sollte die gottselige Pauline zur Märtyrin machen. Von klarem Blick getragen für die sozialen Übel der Zeit, die sich erst in unseren unglücklichen Tagen vollends auswirkten, wollte sie eine christliche Arbeiterkolonie schaffen, die vollen Anteil am Ertrag der Arbeit haben sollte. Hierzu kaufte sie ein großes Hüttenwerk an. Alle Bedingungen eines guten Gedeihens schienen gegeben. Aber der Leiter und Vertreter Paulines war ein treuloser Verräter und Schwindler, der die Gelder für sich verwendete. Nicht nur war das eigene große Vermögen verloren, auch viele andere, darunter arme Arbeiter, die ihre Ersparnisse in dem neuen Werk angelegt hatten, kamen zu Schaden. Darunter litt Pauline unvorstellbar, vierzehn Jahre lang hindurch. Nichts konnte den Ruin aufhalten, keine noch so schweren, verdemütigenden Bittgänge, keine hilfsbereiten Rettungsversuche angesehener Freunde. Sie konnten kaum die Zinsen decken. Auf das Zeugnis des Kardinals Villecourt, der Pauline von Jugend auf kannte und hochschätzte, erklärte sogar Papst Pius IX., es sei eine Gerechtigkeitspflicht des Vereins der Glaubensverbreitung, für das neue, bedrohte Liebeswerk seiner Gründerin einzutreten. Der Verwaltungsrat erlaubte nicht einmal eine freiwillige Sammlung der Mitglieder. Die einst so gefeierte Pauline Jaricot starb an ihrem großen Herzeleid, heilig und erbaulich, wie sie gelebt hatte, unter den Worten: „O Paradies, wie schön bist du! . . . O Glück ohne Ende! O göttliches Licht! . . . Verzeih deinen Kindern, wie wir denjenigen verzeihen, die uns beleidigt haben . . . Maria, meine Mutter, ich bin ganz dein!“

 

Die Vorarbeiten für den Seligsprechungsprozess wurden eingeleitet.

 

Kardinal Villecourt tat über Pauline Jaricot den Ausspruch: „Die Lage dieser wahren Tochter der Kirche ist ein Rätsel, das niemand lösen kann. In allem liegt etwas Außerordentliches, so dass man sich nicht des Gedankens zu erwehren vermag, so große Prüfungen haben wohl nur darin ihren Grund, dass Pauline in ganz besonderer Weise vorherbestimmt war, ein Schlachtopfer zu werden.“ Alle großen Werke, besonders die Werke der Liebe und Missionstätigkeit gedeihen nur unter großen Opfern.