Die zweiunddreißig seligen Martyrinnen von Orange, Ordensfrauen, + 6.-26.7.1794 – Fest: 9. Juli

 

 

 

Frankreichs letzte Guillotine

 

Von Martyrerblut befruchtet ist unsere heilige Kirche gewachsen und stark geworden. Aber die Reihe der heldenmütigen Glaubenszeugen hat damit nicht aufgehört, kein Zeitalter hat ihnen ein Ende gesetzt, im Gegenteil immer neue Sterne erstrahlen im Purpurrot ihres Blutes am Himmel der Kirche. Denn die „Pforten der Hölle“ stürmen immer wieder an gegen den von Christus gestifteten Gottesbau, ihr Hass lechzt in unstillbaren Durst nach dem Blut der treuen Diener Christi, des Gottkönigs, der sie durch sein Blut besiegt hat.

 

Frankreichs Revolutionsmänner zu Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts waren auch solche Helfer Satans, die gegen alles wüteten, was an Gott und göttlichen Namen erinnerte, die unzählige Priester, Mönche und Nonnen aufs Schafott schickten oder sie ertränkten oder in der Fieberhöhle von Cayenne umkommen ließen. Heute wollen wir einer solchen Heldenschar gedenken, eine Schar von zweiunddreißig schwachen Nonnen, deren heiligmäßiges Leben von Gott mit der Gnade des Martyriums gekrönt wurde. Es sind das die Schwestern Maria Rosa aus dem Orden des heiligen Benedikt, Schwester Iphigenie vom heiligen Matthäus mit zwölf Gefährtinnen aus der Genossenschaft der ewigen Anbetung, Schwester Elisabeth Theresia vom heiligsten Herzen Jesu mit fünfzehn Ursulinen und die zwei leiblichen Schwestern Margareta Eleonore de Justamont und Magdalena Franziska, beide Nonnen aus dem Zisterzienserkloster zu Avignon.

 

En Dekret vom 13. Februar 1790 hatte alle religiösen Orden in Frankreich aufgehoben und ihre Güter dem Fiskus verfallen erklärt. Am 1. Oktober mussten die zwei Zisterzienserinnen ihr Ordenskleid ausziehen und in ihrer Heimat, in Bollène, eine Zuflucht suchen. Weit öffnete sich ihnen das väterliche Haus, sie aber zogen es vor, im noch bestehenden Konvent der Ursulinen um Aufnahme nachzusuchen, wo schon zwei andere Mitglieder der Familie Justamont als Ordensfrauen weilten. Auch die erwähnten Schwestern von der ewigen Anbetung hatten in Bollène eine Heimstätte gefunden. Obwohl verschiedenen Orden angehörig, waren doch alle eins in der begeisterten Liebe zu unserem Heiland und in der eifrigen Beobachtung ihrer Gelübde. Zwei Jahre dauerte dieses eigenartige klösterliche Leben, dann wurden die frommen Frauen auf die Straße gesetzt. In kleiner Gemeinschaft setzten sie aber das Klosterleben, soweit es möglich war, fort. Da kam die Schreckensherrschaft Robespierres. Wie an anderen Orten wurde auch in Orange ein Volksgericht eingesetzt, das unbeschränkte Vollmacht über Freiheit und Leben derer erhielt, die als Verräter an der Republik angezeigt wurden. Am 29. Dezember 1793 erließ der Prokonsul der Rhonekreise ein Dekret, das alle ehemaligen Klosterfrauen verpflichtete, den „Eid auf die Freiheit und Gleichheit“ abzulegen oder als verdächtig betrachtet und behandelt zu werden. Eine solche Drohung erschreckte unsere Schwestern nicht. Sie wussten, dass man in Frankreich unter Freiheit bloß die Freiheit von jeder Religion verstand und unter Gleichheit die Gleichheit in der Gottlosigkeit, dass also ein solcher Eid den Abfall vom Glauben bedeuten würde. Alle Schwestern von Bollène weigerten sich ganz entschieden, den Eid zu leisten. Daraufhin wurde vom Überwachungsausschuss der Stadt der Haftbefehl gegen sie erlassen. Am 2. Mai wurden sie, neunundzwanzig an der Zahl, nach Orange gebracht. Keine hatte auch nur den leisesten Versuch gemacht zu fliehen oder sich zu verstecken. Nachdem sie die vorausgehende Nacht im Gebet zugebracht hatten, bestiegen sie am nächsten Morgen den Karren, die sie unter Bedeckung von Nationalgardisten ins Gefängnis wegführten. Am 10. Mai trafen noch zwei Schwestern vom heiligsten Sakrament ein und die Benediktinernonne Maria Rosa aus der Abtei Caderousse, in der Welt Susanna Agatha de Loye genannt, die bisher in ihrer Heimat Serignan gelebt hatte. Sie sollte ihren Mitschwestern die Führerin auf der Triumphstraße des Martyriums werden. Die zweiunddreißig Nonnen machten aus dem Frauengefängnis de la Cure, in dem sie eingekerkert waren, ein wahrhaftes Kloster. Aufs pünktlichste wurde die klösterliche Tagesordnung eingehalten; Gebet und Betrachtung wechselten ab mit kleinen Handarbeiten. Besonders tat sich durch ihre Frömmigkeit die jugendliche Schwester Magdalena Justamont hervor; ihre Gefährtinnen nannten sie nur „die Heilige“. Seit fünfzehn Jahren hatte sie täglich die seligste Jungfrau gebeten an einem ihrer Festtage sterben zu dürfen. Ihr Gebet wurde erhört; sie vollendete ihr Opfer am Fest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel.

 

Die Ehre der Martyrprimiz wurde der seligen Maria Rosa zuteil. Am 5. Juli wurde sie mit dem Priester Lusignan und zwei Schwestern vom heiligsten Sakrament vor das Volkstribunal gestellt. Die Richter hofften, sie würde den anderen ein Beispiel der Schwäche geben. Als aber der Vorsitzende Fauvety sie aufforderte, den „Eid der Freiheit und Gleichheit“ zu leisten, wies sie ihn mit aller Entschiedenheit zurück und erklärte, dass sie die Leistung dieses Eides als einen wirklichen Abfall vom Glauben betrachte. Ihrer Erklärung schlossen sich die anderen Angeklagten an. Der Staatsanwalt beantragte darauf gegen sie als „Erzfeinde der Freiheit und weil sie versucht haben, die Republik durch Fanatismus und Aberglauben zu zerstören“, den Tod. Die Verkündigung des Todesurteils wurde auf den nächsten Tag verschoben. Um 6 Uhr abends wurden der Priester Lusignan und Schwester Maria Rosa auf das Schafott geführt. Ihr Wetteifer als würdige Martyrer Christi zu sterben war derart, dass man, wie ein Augenzeuge berichtet, nicht hätte entscheiden können, ob die Ordensschwester den Mut des Priesters oder der Priester den Mut der Schwester mehr aufrecht hielte.

 

Neunmal wiederholte sich im Lauf des Juli nun das gleiche Schauspiel, indem immer mehrere Schwestern zugleich abgeurteilt und hingerichtet wurden. Selbst die Henker zitterten und wurden gerührt, wenn ihnen die Bräute Christi dankten, dass sie mit ihrer Hilfe so rasch zur Hochzeit des Lammes eilen konnten, wenn sie mit heiterem Antlitz ihr unschuldiges Haupt unter das Fallbeil legten. Schwester Pelagia umarmte im Angesicht des Schafotts ihre Mitschwestern, nahm eine Schachtel Konfekt aus der Tasche und reichte sie ihnen mit den Worten: „Hier ist unser Hochzeitskonfekt“; mit heiliger Heiterkeit aßen alle davon. Schwester Maria vom heiligen Heinrich küsste die Guillotine als das Instrument, wodurch sie Gott in den Himmel brachte. Schwester Maria Theoktista stimmte das Magnifikat an. Als wahre Heldinnen besiegelten sie der Reihe nach mit ihrem Blut ihren katholischen Glauben und ihre Ordensprofess.

 

Gott gab seinerseits den Martyrinnen Zeugnis durch manche wunderbare Begebenheit. Drei ungerechte Richter bekehrten sich auf unverhoffte Weise, manche Krankenheilungen und andere Wohltaten wurden auf Anrufung der seligen Blutzeugen hin erlangt. Die stete Verehrung der Gläubigen, vor allem aber die erwiesene Tatsache, dass sie rein um des Glaubens willen ihr Leben hingeopfert haben und so wahre Blutzeugen Christi geworden sind, hat Papst Pius XI. bewogen, am 10. Mai 1925 die zweiunddreißig Ordensfrauen in die Schar der anerkannten Seligen aufzunehmen und ihre kirchliche öffentliche Verehrung zu gestatten.

 

Möge die Fürbitte der seligen Blutzeugen dazu beitragen, Frankreich und ganz Europa vom Fluch der großen Revolution zu befreien, der in seinen Nachwirkungen noch immer auf uns lastet. Und wenn dieser fortfressende Fluch auch über uns eine Stunde der Verfolgung bringen sollte, dann, o Herr, wirke auch an uns das Wunder deiner Gnade, dass wir nach dem Beispiel dieser schwachen Nonnen heldenhaft für Dich Zeugnis ablegen!