Die selige Karolina Gerhardinger, Mutter Maria Theresia von Jesu, die Gründerin der Kongregation der armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau, + 9.5.1879 - Fest: 9. Mai

       

Dieser Text wurde verfasst von einer Armen Schulschwester:

 

Es war vor rund 200 Jahren, im Herbst 1824. Wieder öffneten sich die Pforten des Mädchenschulhauses zu Stadtamhof und wieder nahmen die drei jugendlichen Lehrerinnen die Arbeit auf, die sie als heiliges Vermächtnis ihrer eigenen Lehrerinnen, der durch die Säkularisation ausgewiesenen Chorfrauen De Notre Dame (Unserer Lieben Frau), überkommen hatten. Wie ein Gottesruf war es ihnen gewesen, als 1809 der würdige Dompfarrer und spätere Bischof von Regensburg, Michael Wittmann, sie zum Lehramt erkoren und sie in der Folgezeit wissenschaftlich und praktisch dafür vorgebildet hatte. Bald waren sie es in tiefster Seele innegeworden, dass sie nach Gottes Willen zeitlebens den Kindern des Volkes und mit besonderer Hingabe den armen und ärmsten dienen sollten. Wittmanns Vaterauge hatte seither über ihnen gewacht und seine Führerhand hatte ihnen Weg und Ziel gewiesen. Diejenige aus ihnen, die Wort und Wink des gotterleuchteten Priesters am vollkommensten verstand und die er hinwiederum für seine weitschauenden Pläne am geeignetsten erachtete, war Jungfrau Karolina Gerhardinger.

 

Als gelehrige Schülerin hatte sich Karolina schon in der Kindheit und ersten Jugend erwiesen. Am 20. Juni 1797 wohlhabenden Schiffsmeisterseheleuten vom Himmel geschenkt, gab die Kleine schon frühe Beweise seltener Befähigung und einer so innigen Frömmigkeit, dass sie bereits mit neun Jahren zur ersten heiligen Kommunion zugelassen wurde. Mit unverwandter Aufmerksamkeit und ungewöhnlichem Ernst folgte sie in der Schule jeglichem Unterricht; auch zu Hause ließ sie sich keine Gelegenheit zu lernen entgegen. Wenn abends der Vater und die Schiffsknechte von den Donauländern und der Kaiserstadt erzählten, waren das für die lernbegierige Karolina Geographiestunden voll Farbe und Leben und der Vater wusste dem einzigen Kind keinen höheren Feriengenuss zu bereiten, als es nach Wien mitzunehmen. In jener Schreckensnacht vom 23. zum 24. April 1809, da Napoleon die Stadt Regensburg mit Brandkugeln beschießen ließ, folgte Karolina unaufgefordert dem Vater auf den Speicher und ruhte nicht, bis er sie auf seine Schultern hob, damit sie „den Tumult besser sehen könne“. Aus ihren späteren Erzählungen geht hervor, dass sie den Vorgängen in der Stadt und auf der Brücke mit der Ruhe des ernsten Beobachters, wie mit der Anteilnahme des zartfühlenden Kindes gefolgt war. „Geschichte erleben“ bedeutete das dem mutigen Mädchen. Der Werktagsschule entwachsen, half Karoline der Mutter in Haus und Geschäft. Sie übte diese kindliche Pflicht mit kindlicher Liebe, aber auch mit bewundernswerter Umsicht. War sie im Elternhaus die emsige Martha, so war und blieb sie in Wittmanns Schule die still lauschende Maria, ob nun der Meister mit seinen auserlesenen Schülerinnen Bischof Sailers Werk: „Über Erziehung für Erzieher“ durchnahm oder ob er ihnen die Lebensregeln vom „Magdsein im Lehramt“ ans Herz legte. Als 1825 der gefeierte Lehrer der neueren Erziehungskunst, bei aller Aufopferung und Liebe zum Volk, seine weltberühmte Anstalt aufzulösen genötigt war, hatte der Gedanke von der „Armkindererziehung“ im Schulhaus zu Stadtamhof längst eine Heimstadt gefunden und waren die Pläne zur Stiftung einer grundsätzlich christlich-religiösen Erziehungsanstalt bereits mit deutlichen Strichen in die Seele derjenigen gezeichnet, die an dem Werk Gottes weiterbauen und es ein langes Menschenalter hindurch betreuen sollte.

 

Mit der ihr eigenen Energie ging Karolina daran, das „Magdsein im Lehramt“ auch praktisch zu üben; sie band sich sogar durch private Gelübde. Aber zwischen dem ersten schüchternen Suscipe (Nimm an!) in der St.-Mang-Kirche zu Stadtamhof und der rechtlichen, feierlichen Ablegung der ewigen Gelübde in der bischöflichen Hauskapelle zu Regensburg musste noch ein volles Jahrzehnt verstreichen, das die Lehrerinnen von Stadtamhof in Abgeschiedenheit von der Welt zur Vorbereitung für ihren Doppelberuf nützten. Gemeinsam lebend, wirkend und betend, waren die Jungfrauen bereits klösterliche Lehrerinnen, lange bevor sie das Ordenskleid trugen, und weil sie nach Wittmanns Lehre und Beispiel es in nichts besser haben wollten als die Armen, waren sie damals bereits arme Schulschwestern. Ihre geringen leiblichen Bedürfnisse besorgte seit 1825 die Schiffsmeisterswitwe, „Mütterlein Franziska“, und ihr Weniges teilten sie freigebig mit den hungernden und frierenden Kindern. Sie versäumten nichts von dem, was der heranwachsenden weiblichen Jugend das Fortkommen im Leben erleichtern und ihr in den sittlichen Gefahren Schutz und Stütze gewähren konnte, pflegten besonders auch Handarbeiten und Singen und sammelten die Feiertagsschülerinnen in einer Marianischen Kongregation. Es konnte nicht ausbleiben, dass sich die Aufmerksamkeit des Diözesanklerus der Stadtamhofer Schule in dem Maße zuwandte, als Jungfrau Karolina Gerhardinger weit über Regensburg hinaus durch ihre trefflichen Lehr- und Erziehungserfolge bekannt wurde. Bischof Wittmann dankte Gott für das Aufblühen des Vereins; er sollte es aber nicht mehr erleben, dass sich in ihm ein Kloster auftat. 1833 legte der todkranke Bischof die Sorge für die junge Genossenschaft und die Vorarbeiten für die neue Ordensregel in die Hand seines Freundes Sebastian Job. Der edle Priester weilte seit Jahren als k. k. Hofkaplan in Wien; aber mit der liebevollen Zähigkeit des Oberpfälzers war er seiner bayerischen Heimat treu geblieben und seinen rastlosen Bemühungen und namhaften Geldopfern ist es vor allem zuzuschreiben, dass die Räumlichkeiten des ehemaligen Franziskanerklosters in seiner Vaterstadt Neunburg v. W. für die Zwecke der Jobsche Schulstiftung umgebaut wurde. Indessen schrieb Job selbst sein Büchlein: „Geist und Verfassung des Institutes der armen Schulschwestern“, um darin zunächst jene Punkte in gesetzmäßige Form zu bringen, durch die sich der neue klösterliche Verein von dem alten Notre-Dame-Orden unterscheiden sollte, nämlich die strengere Übung der Armut und des Bußlebens, die Errichtung von Häusern mit ganz beschränkter Schwesternzahl und die einheitliche Leitung aller Häuser durch eine Generaloberin. Jungfrau Karolina aber, seit 24. Oktober 1833 in Neunburg, tat die notwendigen Schritte, dem neuen Institut die Anerkennung seitens der höchsten geistlichen und weltlichen Behörden zu erwirken. König Ludwig I. von Bayern überreichte ihr in einer Privataudienz die unter dem 22. März 1834 ausgefertigte Urkunde über die landesherrliche Bewilligung. Wenige Tage hernach, am 26. März, erteilte Bischof Schwäbl von Regensburg den armen Schulschwestern die oberhirtliche Gutheißung, genehmigte das Jobsche Statut und bestellte Jungfrau Karolina zur Vorsteherin.

 

Es war im Herbst 1834. Zum ersten Mal öffneten sich die Pforten des Mädchenschulhauses von Neunburg v. W. und Karolina Gerhardinger begann damit das neue große Erziehungswerk der Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau. Am ersten Adventsonntag wurde das Klösterlein eingeweiht und in die kleine Hauskapelle zog der eucharistische Heiland ein. „Durch ihn, mit ihm und in ihm“ sollte Mutter Theresia von Jesus – so hieß Jungfrau Karolina seit ihrer Gelübdeablegung am 16. November 1834 – ihr Lebenswerk zu einem glücklichen Ende führen. Am Weißen Sonntag 1836 erhielten die zwei getreuen Stadtamhofer Gefährtinnen bei ihrer Einkleidung auf Jobs ausdrücklichen Wunsch hin die Namen Maria und Josepha, damit die Erinnerung an die Armutsliebe und den arbeitsfreudigen Gehorsam im Häuschen von Nazareth nie aus dem Gedächtnis der Klosterbewohner schwinden könne. Von da an kehrten Einkleidung und Gelübdeablegung jedes Jahr wieder, anfangs im Stammhaus zu Neunburg, sodann seit 1844 im neuen Mutterhaus zu München. Nicht so fast der drückende Raummangel im Neunburger Klösterlein als vielmehr die ungünstige Verkehrslage des Städtchens und die weite Entfernung von geistlichen und weltlichen Behörden hatten es Mutter Theresia als unabweisbare Pflicht erscheinen lassen, dem Orden ein neues Mutterhaus zu schaffen. Dank der Vermittlung Ludwigs I., des königlichen Wiederherstellers so vieler alter Klöster, konnte sie das ehrwürdige Klarissenkloster bei St. Jakob am Anger zweckmäßig instandsetzen und damit auch dem jungen Ordensnachwuchs in der Landeshauptstadt reiche Bildungsmöglichkeiten eröffnen. Der nun einsetzende Aufschwung in Außen- und Innenarbeit und die staunenswert rasche Ausbreitung des zeitgemäßen Institutes für die Heranbildung der weiblichen Jugend ist ganz das Lebenswerk der ehrwürdigen Mutter Theresia. Bald erstreckte sich das Arbeitsgebiet der Genossenschaft über Bayern hinaus nach Westfalen, Schlesien und Baden; später wurden die Schulschwestern auch nach Ungarn und Österreich berufen.

 

Nirgends aber nahm der Orden eine so ungeahnte Entwicklung als in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. Dorthin war der deutsche Auswandererstrom abgeflossen und die deutschen Missionare, vorwiegend Redemptoristen, suchten für ihre Pfarrschulen geeignete Lehrkräfte zu gewinnen. Mutter Theresia selbst geleitete 1847 die ersten Schwestern nach dem fernen Westen, machte dreimal die Fahrt über den Ozean und durch den noch völlig unwegsamen Urwald, überzeugte sich in saurer Pionierarbeit von der Eigenart des dortigen Schulbetriebs, pflog die notwendigen Verhandlungen und bestellte der Schwesternschaft in Maria Karolina Fries eine Ordensvikarin, wie die amerikanischen Verhältnisse sie erheischten. Diese hohe Kultur- und Missionsarbeit des Ordens veranlasste König Ludwig I. auch für das Mutterhaus „seiner Schulschwestern“ in Baltimore einen reichlichen Baustein zu spenden und das Unternehmen durch den Ludwigsmissionsverein fördern zu lassen.

 

Mutter Theresia hat in der Kraft Gottes mehr gearbeitet als andere; sie war in ihrer opfervollen Arbeit die große Kreuzträgerin geworden, die nur von der Höhe des Kreuzes aus den weitverbreiteten Orden überschauen, nur in der Kraft des Kreuzes ihre Arme bis hinüber nach den Häusern am Missouri und an den Hängen des Felsengebirges ausbreiten konnte. Kein Punkt der heiligen Regel war so heißumstritten worden wie der von der einheitlichen Leitung des Gesamtordens durch eine Generaloberin. Aber die willensstarke Frau hatte, in Demut unbeugsam, auf dieser Einheit bestehen müssen, weil in der Einheit die Kraft des Ordens grundgelegt, in der Mannigfaltigkeit der Einzelpersönlichkeiten die richtige Besetzung der verschiedenen Ämter gewährleistet und in der schwesterlichen Liebesgemeinschaft jede Möglichkeit gegenseitiger Unterstützung gegeben war. Nach sieben Jahren leidvollen Harrens hielt die Generaloberin das päpstliche Genehmigungsdekret in Händen. Der 21. Juli 1865 bedeutete den Ostertag ihres Lebens. Nun war die Aufgabe gelöst, die ihr von Bischof Wittmann und Vater Job auf die Seele gebunden worden. Durch volle einunddreißig Jahre hatte sie unter Mühen und Sorgen, Beten und Büßen an diesem Werk gearbeitet. Nun ruhte es auf dem Felsen Petri. Wie oft war Mutter Theresia ein Ziel des Widerspruchs gewesen, angefangen von dem ersten misslungenen Versuch zur Wiederbelebung des Klosters Unserer Lieben Frau in Stadtamhof bis zu dem schmerzensreichen Ringen um die Ordensregel! Sie hatte mit dem Völkerlehrer bezeugen können, dass das Los, aber auch das Geheimnis alles echten Führertums ist: „Mit Christus gekreuzigt sein.“

 

So in ihrem Leben dem Gekreuzigten gleichförmig geworden, scheint sie sich es erbetet zu haben, an einem Freitag nach dreistündigem Todeskampf sterben zu dürfen. Der 9. Mai 1879 war der Todestag der leiderprobten Dulderin. Ihre Seele war zu tief in den sterbenden Weltheiland versenkt, als dass sie noch ein Auge, eine Empfindung gehabt hätte für das, was um sie her vorging. Der apostolische Nuntius kniete an ihrem Lager; er betete das kirchliche Sterbegebet und sprach tiefergriffen das erste Requiescat in pace. „So möchte ich auch sterben,“ sagte er, „dieser Tod ist mir Trost für das ganze Leben.“ Die geistlichen Töchter küssten die erkalteten Hände der entschlafenen Mutter und in der Stille des Herzens erneuerten sie ihre Gelübde, nach der Regel des heiligen Augustin und den vom Heiligen Stuhl approbierten Konstitutionen des Ordens der Armen Schulschwestern zu leben, wie die Ordensstifterin es sie gelehrt und ihnen vorgelebt hatte. Die stille Gruft des Mutterhauses nahm deren sterbliche Überreste auf.

 

Segen ruht auf dem Werk der Mutter. Wie hat sich in kaum hundert Jahren das enge Schulhaus zu Stadtamhof, wie hat sich das Stammklösterlein zu Neunburg geweitet! Dem Hauptmutterhaus in München sind gegenwärtig zehn Mutterhäuser in außerbayerischen Landen unterstellt; dort werden 1700 Aspirantinnen und Kandidatinnen herangebildet, um dereinst in den Schwesternkreis aufgenommen werden zu können. 8500 Schwestern sind in den elf Ordensprovinzen diesseits und jenseits des Ozeans tätig für das Heil der Jugend. Wie schlagen alle Herzen höher und zukunftsfroher bei der Nachricht, die der Frühling 1925 in das Land gehen ließ, die vorbereitenden Schritte zur Seligsprechung der ersten Generaloberin Maria Theresia Gerhardinger seien im Gang! Die Seligsprechung selbst erfolgte am 17. November 1985 durch Papst Johannes Paul II.

 

Ein kostbares Erbgut hat die zeitlebens „gelehrige Schülerin“ des Heilandes, die Lehrerin aller klösterlichen Tugenden, die „Arme Schulschwester“, in der tiefste Demut und höchste Kraft geeint waren, ihren geistlichen Töchtern hinterlassen: Wittmanns Lebensregeln vom Magdsein im Lehrberuf. Noch heute steht über dem Eingang zu den Kandidaturräumen des Mutterhauses mit großen Lettern geschrieben: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn!“