Der heilige Johannes Gualbert von Florenz, Abt und Ordensstifter, + 12.7.1073 – Fest: 12. Juli

 

Der heilige Johannes Gualbert wurde im Anfang des elften Jahrhunderts in Florenz von sehr reichen und adeligen Eltern geboren. Wie es scheint, wurde er eben in seiner Jugend mehr nach der damaligen Weltsitte, als nach der Lehre unseres Herrn Jesus Christus erzogen. Sein vornehmer Stand und sein Reichtum verblendeten ihn, wie es denn oft geschieht, dass die zeitlichen Glücksgüter dem Menschen zum Seelenschaden gedeihen. Er ließ sich von der Eitelkeit und Ergötzlichkeit der Welt einnehmen, und wurde von ihnen immer tiefer ins Verderben hinabgerissen, so dass er sein Seelenheil und Gott fast ganz vergaß, denn der Mensch kann nicht zugleich zwei Herren dienen. Sobald die Welt und Weltlust sein Herz verstrickt, vergisst er Gott, und wird ein Diener der Welt und somit ein Knecht der Sünde und des Fürsten dieser Welt.

 

Doch Gottes Gnadenführung ist wunderbar und unerforschlich. Ein besonderes an sich sehr trauriges Ereignis musste dazu dienen, den Weltling Johannes Gualbert aus dem Sündenschlaf zur Buße zu erwecken und zu Gott zurückzuführen. Sein einziger Bruder Hugo wurde nämlich von einem Edelmann meuchelmörderisch umgebracht. Da schwur sein Vater, nicht nur selbst nicht zu ruhen, bis er diesen Mord mit dem Tod des Mörders gerächt habe, sondern gab auch seinem Sohn den Befehl, dies zu tun, und wo er ihn immer treffe, den Mörder umzubringen. Und Johannes Gualbert war in seiner wilden Gesinnung ganz bereit, den Befehl des Vaters zu vollziehen. Als ihm daher einmal, bei seiner Rückkehr von einem Landgut am Karfreitag, der Täter von ungefähr in einem engen Weg begegnete, griff er sogleich zum Degen, um ihn zu erdolchen. Der Mörder aber, der ihm nicht mehr entfliehen konnte, warf sich vor ihm voll Angst zu den Füßen, und bat ihn, mit kreuzweis übereinander gelegten Armen, um Jesu Christi willen, der am heutigen Tag für uns gestorben und am Kreuz für seine Mörder gebeten hat, um Verschonung und Verzeihung. Diese Erinnerung an den sterbenden Heiland machte einen solchen Eindruck auf Johannes Gualbert, dass er den Degen sinken ließ, dem Mörder die Hand bot und sprach: „Was du mich im Namen Jesu Christi bittest, kann ich dir nicht abschlagen. Bruder ich verzeihe dir – bitte Gott für mich, dass er auch mir meine Sünden verzeihen möge.“ So entließ er ihn. „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ Diese heiligen Worte Jesu Christi bewährten sich auch an unserem Heiligen. An dieser edelmütigen Verzeihung wurde sein Herz sehr beklommen. Er gedachte seiner vielen Sünden, gedachte, dass er dadurch selbst ein Mörder, ein Mörder an seinem Heiland, ein Mörder an seiner Seele, und vielleicht an den Seelen vieler Sünder sei. In dieser Seelenbeklemmung ging er in die nahe Klosterkirche des heiligen Minias, warf sich vor einem Kruzifix auf die Knie nieder, und bat den gekreuzigten Sohn Gottes innig um Verzeihung seiner Sünden. Und siehe, Gottes Huld neigte sich zu ihm. Von diesem Augenblick an war er ganz umgeändert. Er ging sogleich zum Abt dieses Klosters, und bat fußfällig um Aufnahme, schnitt nach einigen Tagen die Haare selber weg und zog die Ordenskleider an, obwohl der Abt, aus Furcht vor seinem Vater, es ihm noch nicht erlauben wollte. Und wirklich wurde sein Vater, als er dies vernahm, sehr zornig, widersetzte sich seinem Entschluss und drohte sogar, ihn mit Gewalt aus dem Kloster zu nehmen. Da er aber den unabänderlichen Vorsatz des Sohnes erkannte, und auch den ganzen Verlauf der Geschichte vernahm, änderte er seine Gesinnung, segnete ihn und ermahnte ihn selbst zur Beständigkeit. Johannes Gualbert wurde also ins Kloster aufgenommen, und brachte es durch innerliche und äußerliche Abtötung, durch Demut, Sanftmut und Gehorsam gar bald so weit, dass er allen zur Erbauung und zum schönsten Muster eines frommen Lebens wurde. Als daher später der Abt des Klosters starb, wurde er einmütig zum neuen Abt erwählt. Aber in der Demut seines Herzens hielt er sich hierzu für unwürdig und schlug diese Würde gänzlich aus. Ja um jeder weiteren Zumutung auszuweichen, und Gott in noch größerer Abgeschiedenheit dienen zu können, verließ er dieses Kloster, begab sich in eine entlegene Einöde, und nach einiger Zeit mehrere Stunden von Florenz, in das stille Tal Wallumbrosa. Hier traf er zwei Einsiedler an, mit denen er sich vereinigte und ein außerordentlich strenges Bußleben führte. Der Ruf seiner Frömmigkeit und seines heiligen Lebens verbreitete sich aber weit umher, so dass aus verschiedenen Gegenden Männer und Jünglinge zu ihm kamen, und unter seiner gottseligen Anleitung sich einem frommen Leben zu widmen verlangten. Dies veranlasste ihn, eine eigene Ordensregel, nach der ersten Regel des heiligen Benedikt, abzufassen. Bald vermehrten sich unter dieser Regel seine Zöglinge. Er hatte aber auch eine besondere Gabe die Geister zu unterscheiden, und gleichsam ins Innerste der Herzen zu schauen, ob die, die zu ihm kamen, von einem aufrichtigen Verlangen nach Gottseligkeit getrieben waren. Da sich die Anzahl derer, die unter seiner Anleitung leben wollten, nun sehr vergrößerte, und eine fromme Äbtissin, Itha mit Namen, der dieser Ort zugehörte, ihm nebst vielen anderen Guttaten auch den Ort seines Aufenthaltes schenkte, so erbaute er daselbst ein Kloster seines neuen Ordens, und im Jahr 1070 erhielt dieser Orden wirklich die päpstliche Bestätigung, und breitete sich in kurzer Zeit so aus, dass er vor dem Tod seines heiligen Stifters schon zwölf Klöster zählte. In seinem neu errichteten Kloster musste er, der Stifter und Erbauer, auch das Amt eines Vorstehers auf sich nehmen. Er vertrat es aber so, dass er bei seinen Untergebenen mehr durch sein Beispiel, als durch seine Worte zu wirken suchte, und ihnen durch seine Liebe zur Einsamkeit, zur Armut, zum Stillschweigen, zur Demut und Absonderung von allem Irdischen das schönste Vorbild war. Der Ruf seiner Heiligkeit verbreitete sich daher auch schon in seinem Leben weit umher, um so mehr, weil ihn Gott auch vielfältig mit der Wundergabe verherrlichte, und von ihm unter anderem mit dem bloßen Zeichen des heiligen Kreuzes viele Bresthafte geheilt und viele von unreinen Geistern befreit wurden.

 

Im Jahr 1073, in seinem dreiundsiebzigsten Lebensjahr, ergriff ihn schließlich ein Fieber. Er fühlte bald, dass der Herr nahe vor der Tür sei. Er bereitete sich auf die frömmste Weise zum Tod, empfing mit inniger Andacht die heiligen Sterbesakramente, ließ dann alle Äbte seiner Klöster noch einmal vor sich kommen, um ihnen die letzten väterlichen Ermahnungen und Belehrungen zu erteilen. Auf rührende Weise ermahnte er sie besonders zur brüderlichen Einigkeit und Liebe, zur treuen Beobachtung ihrer Ordensregel und zur öfteren Betrachtung des Todes und des letzten Gerichts. Voll Verlangen nach Auflösung, wiederholte er oft und oft die Worte aus den Psalmen: „Meine Seele dürstet nach Gott – wann werde ich kommen und Erscheinen vor dem Angesicht des Herrn?“

 

Diese Begierde eines frommen Dieners erfüllte der Herr, und nahm ihn durch einen sehr sanften Tod zu sich. Papst Cölestin III. setzte ihn später im Jahr 1193 unter die Zahl der Heiligen.

 

Der heilige Johannes Gualbert und die seligste Jungfrau

 

Man kann die Macht des heiligen Johannes Gualbert bei der Gottesmutter aus der Gnade beurteilen, die er für einen sterbenden Sünder erwirkte.

 

In jener Zeit lebte in Florenz ein gewisser Florens, ein Mann von merkwürdiger Beredsamkeit, der sich aber unglücklicher Weise der Simonie ergeben hatte, von der dieses Jahrhundert angesteckt war. Florens war schwer krank und da er an seiner Wiederherstellung verzweifelte, bat er seine Freunde unter Tränen, Johann Gualbert an sein Sterbebett zu rufen, aus dessen Händen er das Ordensgewand empfangen wollte, um bußfertig sterben zu können. Johann folgte dem Ruf des Sterbenden. Um aber seine Gesinnungen zu prüfen, verzögerte er die Erfüllung seines Verlangens um einige Tage. Als er ihn standhaft fand, gab er ihm das Ordensgewand und wenige Tage danach genas der Kranke so wohl, dass er, auf einen Stock gestützt, im Kloster umhergehen konnte.

 

Kurze Zeit danach wurde er wieder krank und kam dem Tod nahe. Johann Gualbert besuchte ihn von neuem mit seinen Mönchen. Alle blieben bei ihm und beteten auf das Dringendste um seinen glücklichen Heimgang in die Ewigkeit. Indessen begann Florens mit verstörten Augen die Decke vom Bett zu ziehen und sich damit den Kopf zu verhüllen. Johann fragte ihn um den Grund seines Verhaltens. Da erbleichte der Sterbende und antwortete unter Zittern, dass er den Teufel sehe. Seine Augen seien schrecklich, sein Mund speie ungeheure Flammenwirbel aus und aus seinen Nasenlöchern steige eine Quelle von Schwefel und schwarzem Rauch hervor. Johann ließ sich von dem Kranken die Stelle bezeichnen, wo sein Feind stand. Er nahm von einem der Umstehenden das Kreuz, das er in der Hand hielt, und schlug damit mächtig auf den Teufel, der sogleich entfloh. Über seinen Schrecken beruhigt, rief Florens aus: „Gott sei Dank, Gott sei Dank! Der Teufel ist verschwunden, und siehe, da kommt die heiligste Jungfrau, die Mutter Gottes, von dem heiligen Petrus und von dem heiligen Benedikt begleitet.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als er sanft den Geist aufgab, glücklich, in seiner letzten Stunde den Beistand dieses ergebenen Dieners Mariens erhalten zu haben, der ihm in seinem letzten Augenblick von der Mutter der Barmherzigkeit eine so besondere Gnade erwirkte.

 

Der heilige Antonius, Mönch von Vallombreuse, hatte seiner Verehrung für Maria seine Befreiung von einer großen Trübsal zu verdanken. Er war zum Gefängnis in einem dunklen und ungesunden Kerker verurteilt worden, aus dem er nie wieder heraus zu kommen hoffen durfte. In einem so beklagenswerten Zustand nahm er seine Zuflucht zur heiligen Jungfrau und zum heiligen Johann von Gualbert, dessen Ordensgewand er trug, und flehte sie an, ihm in diesem Unglück beizustehen, aus dem ihn keine menschliche Hilfe erretten konnte. Während er dieses Gebet verrichtete, stützte er, von Müdigkeit und Betrübnis gebeugt, sein Haupt auf die Knie und schlief ein. Während des Schlafs glaubte er eine ehrwürdige Person zu sehen, die ihn tröstete und ihn anwies, seine Bettdecke in lange Streifen zu zerschneiden, und daraus ein Seil herzustellen, das an die Stange des Fensters befestigt, ihm ein Mittel zur Flucht verschaffen musste. „Sei überzeugt,“ fügte dieser Mann hinzu, „dass ich dir beistehen werde.“ Der Mönch erwachte und glaubte diesen Rat von seiner Fürsprecherin Maria erhalten zu haben. Er bezeichnete sich mit dem Kreuz, schnitt die Decke in mehrere Streifen, die er zu einem Seil zusammenflocht, und richtete sich zur Flucht. Es befand sich in dem Kerker ein kleines Fenster, durch das der Leib eines Menschen unmöglich entschlüpfen zu können schien. Gleichwohl schlüpfte Antonius, ohne sich seiner Kleider zu entledigen und mit den Eisen an den Füßen, durch dieses Fenster, dann hängte er sich an das Seil und in wenigen Augenblicken befand er sich in einer Höhe von fünfzehn Fuß über dem Boden. Als das Seil nicht lang genug war, ließ er sich auf die Erde fallen, ohne sich im Geringsten zu verletzen. Maria, die er angerufen hatte, wachte über ihn. Indessen eilten bei dem Lärm, den sein Fall verursachte, die Wächter herbei. Vermöge eines neuen Wunders aber gelang es ihnen nicht, ihn zu finden. Antonius war dieser Gefahr nun wohl entronnen, hatte aber noch die Eisen an den Füßen, so dass er nicht wusste, was er tun solle. Nichts desto weniger schleppte er sich, so gut er konnte, in einen nahen Wald, wo er sich verbarg. In Folge einer wunderbaren Fügung der Vorsehung aber kam ein Schlosser von Genua mit seinen Werkzeugen vorbei und befreite ihn von seinen Fesseln. So wieder in Besitz der Freiheit gesetzt, konnte der Mönch kurz darauf in sein Vaterland zurückkehren, wo er zum Dank für diese Gnade der heiligen Jungfrau und dem heiligen Johann Gualbert eine ungeheuer große Kerze opferte, die man stets als Andenken aufbewahrt.