Der heilige Johannes der Almosengeber, Patriarch von Alexandria, + 23.1.619 – Fest: 11. November / 23. Januar

 

Nun folgt die anmutige Legende, die niemand lesen oder hören wird, ohne durch sie zur herzlichen Liebe gegenüber dem Nächsten entflammt zu werden.

 

Johannes, genannt der Almosengeber, ein Patriarch zu Alexandria, verharrte einst in der Nacht im Gebet. Da sah er eine wunderbare Jungfrau neben sich stehen, die eine Olivenkrone auf dem Haupt trug. Johannes verwunderte sich sehr über ihre Lieblichkeit und Anmut. Er wagte auch zu fragen, wer sie sei. Sie sprach: „Ich bin die Barmherzigkeit, die den Sohn Gottes vom Himmel heruntergezogen hat. Wähle mich zu deiner Braut! Es soll dich nicht gereuen.“ Von der Stunde an war der fromme Bischof so barmherzig, dass er daher den Namen des Almosengebers erhielt.

 

Johannes pflegte die Armen nicht anders zu nennen, als: „meine Herren“. „Geht“, sprach er zu seinen Dienern, „und schreibt mir meine Herren auf in der ganzen Stadt, und seht wohl zu, dass ihr niemanden überseht.“ Als diese ihn mit großen Augen ansahen, nicht wissend, wen er meine, sprach er: „Die ihr Dürftige und Bettler nennt, die nenne ich meine Herren und Helfer, denn sie sind die rechten Helfer, und vermögen uns das Himmelreich zu verschaffen.“

 

Wenn Johannes Freunde ihm Vorhaltungen machten über seine unbeschränkte Mildtätigkeit, pflegte er ihnen die Historie des Schatzmeisters Petrus zu erzählen.

 

Es war einmal ein kaiserlicher Schatzmeister, namens Petrus. Derselbe war über die Maßen reich und begütert, dabei aber so unbarmherzig, dass er die Armen, die vor seine Tür kamen, mit Schmähungen und Schlägen forttrieb. Als nun die Armen einst, an der Sonne sitzend, von den Häusern sprachen, aus denen sie Almosen zu empfangen pflegten, und niemand vorhanden war, der sich hätte rühmen können, vor des Schatzmeisters Petrus Tür jemals eine Gabe empfangen zu haben, sprach einer von ihnen: „Was gebt ihr mir, wenn ich noch heute ein Almosen aus des Petrus eigenen Hände empfange?“ Sie wurden einig um ein paar Pfennige, worauf der Arme alsbald in die Stadt ging, und vor die Tür des Petrus trat. Als der Schatzmeister nach Hause kam, und einen Bettler an der Tür stehen sah, wurde er wütend und sah sich auch sogleich nach einem Stein um, womit er ihn werfen könne. Es war jedoch kein Stein vorhanden. Dagegen kam eben einer seiner Sklaven gegangen mit einem Korb voll schwarzer Brote, die er soeben vom Bäcker geholt hatte. Außer sich vor Zorn, ergriff der Schatzmeister eins dieser Brote, um es dem Bettler an den Kopf zu werfen. Der Arme fing das Brot auf, und eilte freudig zu seinen Gefährten zurück, und sagte: „Seht die Gabe, die ich aus des Geizigen eigenen Händen empfangen habe!“ Zwei Tage danach wurde der Schatzmeister todkrank. Es kam ihm vor, er stehe vor Gottes Gericht, und seine guten und bösen Taten würden auf der Waagschale gegeneinander abgewogen. Auf der einen Seite standen einige grässliche Männer, die seine Sünden in die eine Schale häuften; auf der anderen standen Männer in weißen Kleidern, die sehr traurig waren, dass sie in die andere Schale nichts dagegen zu legen hätten. Endlich sprach der eine: „Wir haben wenigstens das Gerstenbrot, das er, obgleich im Zorn, dem Armen vorgestern gegeben hat.“ Als es in die Schale gelegt wurde, stand das Zünglein. Die Männer aber sprachen zu Petrus: „Lass dies nicht das einzige bleiben, du dürftest sonst den grässlichen Männern überantwortet werden!“ Als Petrus aus dem schweren Traum erwachte, war er ein anderer Mensch geworden. „Ei,“ rief er aus, „wenn ein einziges Gerstenbrot, hingeworfen noch dazu in böser Absicht, so viel vermag, welcher Lohn wird nicht dem zuteilwerden, der all das Seine den Armen gibt?“

 

Als nun der Schatzmeister wieder genesen war, ging er einst im Hafen spazieren, mit sehr herrlichen Kleidern angetan. Ein Schiffbrüchiger trat zu ihm, und bat um Kleidung. Augenblicklich zog der Schatzmeister sein sehr kostbares Kleid aus, und gab es dem Bettler, der sofort in die Stadt lief, und es dem Trödler verkaufte. Als nun der Schatzmeister auf dem Heimweg sein Kleid in dem Trödelgeschäft hängen sah, betrübte er sich sehr darüber, dass der Arme ihn nicht würdig geachtet hätte, sein Gewand zu tragen, vermochte auch vor Traurigkeit am Abend nicht zu essen. Des nachts aber, als er auf seinem Bett lag und schlief, erschien ihm Unser Herr, glänzender als die Sonne, ein Kreuz in Händen tragend und angetan mit demselben Gewand, das er dem Bettler gegeben hatte. „Petrus,“ sprach der Herr, „warum weinst du?“ „Herr,“ erwiderte er, „ich habe einem Armen mein Kleid gegeben; er aber hat die Gabe verschmäht.“ Der Herr sprach: „Siehe her, Petrus! Kennst du dieses Kleid?“ „Wie sollte ich nicht?“ antwortete Petrus. Da sprach der Herr: „Ich bin derjenige, den du mit diesem Gewand bekleidet hast. Ich danke dir für deinen guten Willen. Ich habe Frost gelitten, und du hast meine Blöße bedeckt.“ Als Petrus aus diesem Traum erwachte, pries er die Armen selig, und rief: „So wahr der Herr lebt, ich will nicht sterben, ich werde denn, wie ihrer einer!“ Am Morgen stand er auf, und verteilte alle seine Habe unter die Armen. Dann rief er seinen Schaffner, und sprach zu ihm: „Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen. Wofern du es aber irgendjemanden erzählst, oder dich weigerst, mir zu folgen, so will ich dich an die Barbaren verkaufen. Hierauf gab er ihm zehn Pfund Gold. „Geh hin,“ sprach er, „in die heilige Stadt und kaufe dir Waren dafür, mich aber verkaufe einem Christen, und gib das Geld, was du für mich bekommen wirst, den Armen.“ Der Schaffner dachte, sein Herr habe den Verstand verloren, und weigerte sich, ihm zu gehorchen. Petrus aber sprach zu ihm: „Bedenke, was ich gelobt habe; entweder verkaufe mich, oder ich verkaufe dich den Ungläubigen.“ Also führte der Schaffner ihn zu einem Silberhändler, verkaufte ihm seinen Herrn, als wäre er einer seiner Sklaven, und gab die dreißig Silberlinge, die er für ihn empfing, den Armen. Petrus aber ertrug die Dienstbarkeit mit großer Geduld, verrichtete die niedrigsten Dienste im Haus, beklagte sich auch nicht im Geringsten, wenn das übrige Gesinde ihn neckte, schlug und als einen Blödsinnigen behandelte. Auch erschien ihm der Herr Jesus Christus des Öfteren, tröstete und stärkte ihn, indem er ihn auf die Silberlinge hinwies, um die er ihm zu Liebe sich hatte verkaufen lassen. Zu Konstantinopel war indes allgemeine Verwunderung über das plötzliche Verschwinden eines so angesehenen Mannes. Der Kaiser, der nie einen besseren Schatzmeister gehabt hatte, gab sich viel Mühe, ihn wieder aufzufinden, konnte aber nicht die geringste Kenntnis von ihm erlangen. Nach langer Zeit begab es sich, dass einige Herren der Hauptstadt in das Gelobte Land reisten, ihrer Andacht zu pflegen. Als diese zufälliger Weise von dem Herrn des Petrus zu Tisch geladen wurden, und Petrus gerade bei Tisch aufwartete, wurden die Fremden aufmerksam auf ihn, und einer sprach zum anderen: „Wie ähnlich sieht dieser Diener dem Schatzmeister Petrus!“ Sie beobachteten ihn genauer, und wurden überzeugt, dass er es selbst ist. „Ich will aufstehen,“ sprach der eine, „und ihn festhalten.“ Mittlerweile aber war Petrus fortgeschlichen, um zu entfliehen. Die Tür war verschlossen. „Macht eilig auf“, sprach Petrus zu dem Türhüter, der aber taub und stumm war, und sonst nur durch Winke verstanden werden konnte. „Recht gern“, sprach der, schloss auf, und ließ den Heiligen hinaus. Dann eilte er in den Saal, und während alle sich seiner Rede verwunderten, sprach er: „Der Knecht, der in der Küche diente, ist entflohen. Seht aber wohl zu, ob es nicht ein Knecht Gottes ist. Denn, indem er zu mir sprach: Mach eilig auf! Fuhr eine Flamme aus seinem Mund. Die Flamme berührte meine Zunge und meine Ohren, und auf der Stelle wurde mir Gehör und Sprache verliehen.“ Als das die Speisenden hörten, standen sie sämtlich auf, um dem Entflohenen nachzueilen; er aber war nicht mehr zu finden.

 

Auch des heiligen Bischofs Serapion gedachte Johannes, wenn er seinen Zuhörern die Almosen empfehlen wollte. „Serapion“, sprach er, „hatte einst auf einem Spaziergang einem Dürftigen sein Oberkleid gegeben. Als ihn bald darauf ein anderer Armer in den weg trat, der vor Frost zitterte, zog er auch seinen Leibrock aus, und gab ihm diesen. Er selbst aber blieb, das Evangelium in den Händen haltend, bloß am Weg sitzen. Es kam bald jemand, der ihn fragte: „Vater, wer hat euch denn so heftig ausgezogen?“ „Dieser hier“, sprach er, und zeigte ihm das Evangelienbuch. Als aber dieser Serapion ein andermal von einem Dürftigen angesprochen wurde, und bereits alles weggegeben hatte, was er um und an hatte, verkaufte er selbst das Evangelienbuch, und gab das Geld dem Armen. Als er nun zur Kirche gerufen wurde, und der Diakon ihn fragte, wo sein Evangelienbuch sei, sprach er: „Das Evangelium sagt: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen. Da ich nun weiter nichts hatte als das Evangelium, so verkaufte ich es, und tat mit dem Geld, wie es befiehlt.“

 

Mit diesen und ähnlichen schönen Beispielen pflegte der gütige Patriarch seine Zuhörer zur Mildtätigkeit zu ermuntern, jedoch noch kräftiger durch sein eigenes Beispiel.

 

Als einst ein Bettler vor seine Tür kam, und ihn um eine Gabe ansprach, befahl der dem Schaffner, ihm sechs Silberlinge zu geben; der Arme empfing sie und ging. Nicht lange danach kam derselbe Bettler in veränderter Kleidung wieder, und bat aufs Neue um eine Gabe. Johannes befahl dem Schaffner, ihm sechs Gulden zu geben. Der Bettler erhielt sie und ging. Der Schaffner aber sprach zu Johannes: „Lieber Herr, bei dem Gott, den ihr anbetet, dieser Bettler war derselbe, der vorhin sechs Silberlinge empfing. Nur hatte er andere Kleider angezogen, um uns zu betrügen.“ Der Bischof tat, als ob er dies nicht glaube. Gleich darauf kam derselbe Bettler, und abermals in veränderter Kleidung wieder, und bat zum dritten Mal um eine Gabe. Der Schaffner winkte dem Bischof, und zupfte ihn am Mantel, um ihm zu verstehen zu geben, es sei wieder der vorige. Johannes aber sprach zu ihm: „Gib ihm zwölf Silberlinge. Wer weiß, es möchte Unser Lieber Herr selber sein, der auf diese Weise versuchen will, wer von uns beiden es am längsten aushielte, er mit Fordern, oder ich mit Geben.“

 

Ein reicher Einwohner der Stadt sah den frommen Erzbischof einst auf der Straße in sehr schlechter Kleidung umhergehen, indem er die besseren alle den Dürftigen gegeben hatte. Es tat ihm leid, er kaufte einen sehr kostbaren Anzug, und schenkte den dem Bischof. Als Johannes sich des abends niederlegte, deckte er sich mit diesem Anzug sich zu, konnte aber dafür die ganze Nacht nicht schlafen. Unablässig dachte er daran, dass wohl dreihundert seiner Herren für den Wert dieses Stoffes hätten gekleidet werden können. Die ganze Nacht hindurch jammerte er und sprach: „Wie viele sind diesen Abend schlafen gegangen, hungrig, vom Regen durchnässt, von Frost schaudernd und zähneklappernd. Du aber, nachdem du eine Anzahl großer Fische verschlungen hast, streckst dich auf weichen Polstern, und erwärmst dich mit einem Kleid, das wohl vierzig Silberlinge wert ist? Ziemt das dem Johannes, der gern für so demütig gelten möchte?“ Sobald der Tag anbrach, ließ er den Stoff verkaufen, und das Geld den Armen geben. Als der Reiche das vernahm, kaufte er den Stoff wieder, und schickte ihn dem Erzbischof noch einmal, mit der Bitte, ihn doch für diesmal zu behalten. Allein Johannes hatte ihn kaum empfangen, als er ihn aufs Neue verkaufte. Der Reiche kaufte ihn zum dritten Mal, schickte ihn auch diesmal dem Bischof zurück, und ließ ihm sagen: „Wir wollen doch sehen, wer von uns beiden des Verschenkens zuerst überdrüssig wird, du oder ich!“

 

Als Johannes einst einen Bettler, der ihn um ein Almosen ansprach, fünf Pfennige reichen ließ, erzürnte sich der Bettler über die Geringfügigkeit der Gabe, schalt und schimpfte auf den Bischof. Der Diener wollte über den Unverschämten herfallen, und ihn tüchtig verprügeln. Der fromme Johannes aber verbot es ihm, sagend: „Sechzig Jahre lang habe ich meinen Herrn gelästert durch meine Sünden, und sollte mich ereifern über ein schmähendes Wort meines Mitknechtes?“ Hierauf ließ er den Beutel bringen, stellte ihn dem Bettler zu, und hieß ihn so viel herausnehmen, als er wollte.

 

Mehr als einmal hat man im Feuer des Gebetes den frommen Bischof ausrufen hören: „So recht, gütiger Jesus, so recht! Ermüde du nur nicht mir zu geben, ich meines Teils will für das Austeilen schon sorgen.“

 

Einst war der Kirche eine beträchtliche Summe Geldes eingegangen. Der Schatzmeister wollte sie auf Zins anlegen. Der Erzbischof aber behauptete, man könnte das Geld nicht vorteilhafter unterbringen, als wenn man es den Armen gäbe. Da nun jeder auf seiner Meinung bestand, gerieten sie hart aneinander, und schieden im Zorn. Als es aber um die elfte Stunde kam, schickte der Erzbischof seinen Archipresbyter zum Patrizier, und ließ ihm sagen: „Herr, die Sonne will untergehen.“ Der Patrizier brach in Tränen aus, eilte zu dem Erzbischof, und bat um Vergebung.

 

Ein Neffe des Bischofs war von einem Schenkwirt der Stadt gröblich beleidigt worden. Darüber beklagte sich der Jüngling bei dem Bischof, schmähte und jammerte, und war auf keinerlei Weise zufrieden zu stellen. Endlich sprach Johannes: „Wie hat doch ein Mensch wie dieser sich unterfangen können, gegen des Erzbischofs Schwester Sohn das Maul aufzutun! Glaube mir, lieber Neffe, ich will noch heute ein Ding an ihm tun, dass ganz Alexandrien sich darüber verwundern soll.“ Der Jüngling, der glaubte, er werde seinem Feind den Staubbesen geben lassen, beruhigte sich nunmehr. Als Johannes das merkte, fasste er ihn in seine Arme und sprach: „Lieber Sohn, willst du in der Tat und Wahrheit für den Neffen meiner Wenigkeit gelten, so halte dich bereit, Schmähungen und Schläge geduldig hinzunehmen. Eine echte Verwandtschaft wird nicht sowohl durch das Geblüt bewährt, als durch die Ähnlichkeit der Gesinnung.“ Hierauf ließ er den Schenkwirt kommen, und befreite ihn von allen Abgaben und Steuern, worüber sich dann freilich ganz Alexandrien nicht wenig wunderte.

 

Es hatte das Volk sich angewöhnt, nach verlesenem Evangelium aus der Kirche zu laufen, und draußen allerlei müßiges Geschwätz zu führen. Eines Tages ging der Erzbischof nach verlesenem Evangelium zugleich mit den anderen hinaus, und setzte sich mitten unter ihnen nieder. Als sie sich hierüber verwunderten, sprach er: „Meine Kindlein, wo die Schafe sind, da geziemt auch dem Hirten zu sein. Geht ihr hinein, so will ich mit euch gehen. Bleibt ihr aber hier, so will ich auch hierbleiben.“ Nachdem er dies ein oder zweimal getan hatte, gewöhnte sich das Volk daran in der Kirche zu bleiben.

 

Ein Jüngling hatte eine Nonne entführt. Darüber entrüsteten sich die Priester zum höchsten, und ermahnten den Erzbischof, den Räuber in den Bann zu tun, weil er zwei Seelen ins Verderben gestürzt habe, seine eigene und die Seele derjenigen, die von ihm verführt wäre. Johannes aber verwies ihnen ihre Vorschnelligkeit und sprach: „Nicht so, meine Söhne, nicht so! Ich getraue mich, euch zu überführen, dass auch ihr doppelt fehlt. Einmal, dass ihr das Gebot des Herrn übertretet: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Zum andern, indem ihr nicht wissen könnt, ob sie beide noch heute diesen Tag zu sündigen fortfahren, oder ob ihr Vergehen ihnen nicht schon leid sei.“

 

Dieselbe liebevolle Schonung bewies der fromme Erzbischof einem Mönch, Vitalis genannt, der eine ganz eigene Weise ersonnen hatte, die öffentlichen Buhlerinnen der Hauptstadt zu bekehren. Er zeichnete sie alle auf, besuchte dann eine nach der anderen, und sprach zu jeder: „Gewähre mir die und die Nacht, und versage dich an keinen anderen.“ Sobald er nun um die bestimmte Stunde in das Haus und in die Kammer trat, fiel er in einer Ecke des Zimmers auf die Knie, und betete für die Besitzerin des Hauses die ganze Nacht. Früh morgens verließ er sie und verbot ihr aufs schärfste zu sagen, was er bei ihr gemacht hätte. Dies trieb Vitalis eine geraume Zeit, und richtete dadurch seinen guten Namen völlig zu Grunde. Befand er sich bei einbrechender Nacht etwa in einer Gesellschaft, so pflegte er zu sprechen: „Was mache ich doch? Hätte ich doch bald vergessen, dass die und die Freundin mich erwartet. Ich muss hin, auf dass sie nicht über mich zürne.“ Wurde er von anderen wegen solchen anstößigen Wandels gestraft, so sprach er: „Was denkt ihr doch? Meint ihr, dass ich von Stahl und Eisen bin? Bildet ihr euch ein, dass Gott den Mönchen nicht auch ein bisschen Freude gönne? Die Mönche sind Menschen, so gut wie die anderen.“ Manche sagten zu ihm: „Vater, nehmt euch lieber eine eigene Frau, und legt den geistlichen Habit ab, damit die andern sich nicht an euch ärgern.“ Hierauf pflegte er zu antworten: „Wer sich ärgern will, der ärgere sich, und renne meinethalben mit dem Kopf gegen die Mauer. Seid aber ihr über mich zu Richtern bestellt? Bekümmert euch um euch selbst; für mich sollt ihr Gott keine Rechenschaft ablegen.“ Solches sagte er mit großem Lärmen und Geschrei. Als nun die Sache vor den Erzbischof gebracht wurde, weigerte er sich, dem sonst frommen Mönch etwas so Frevelhaftes zuzutrauen. Er ahnte, dass irgendeine löbliche Absicht unter einem so frechen Äußeren verborgen bleibe, und er vertraute, dass Gott solche zu seiner Zeit schon an das Licht bringen werde. Wirklich gelang es dem Mönch, manche dieser Frauen zu bekehren und in Klöstern unterzubringen. Als er eines morgens aus dem Haus einer solchen Frau heraustrat, begegnete ihm einer ihrer Buhler, gab ihm eine Maulschelle und sprach: „Willst du noch nicht ablassen, Bösewicht, von diesen ruchlosen Gängen?“ Vitalis antwortete: „Für diese Maulschelle wirst du eine andere empfangen, die über ganz Alexandrien erschallt.“ Gleich darauf erschien der Teufel dem Wüstling in Gestalt eines Mohren, versetzte ihm eine schreckliche Maulschelle, und sprach: „Die schickt dir der Abt Vitalis.“ Von Stunde an fuhr der Teufel in ihn und plagte ihn erbärmlich, bis Vitalis ihn durch sein Gebet befreite. Vitalis beharrte in dieser Bekehrungsweise, so lange er lebte. Als er gestorben war, fand man an den Wänden seiner Zelle diese Worte geschrieben: „Richtet nicht vor der Zeit!“ Die ehemaligen Buhlerinnen, die durch Vitalis Tod ihres ihm geleisteten Versprechens entbunden wurden, bekannten nun, in welcher Absicht er sie besucht, und was er bei ihnen gemacht habe. Als das Johannes vernahm, pries er Gott, der solches geoffenbart hatte. Auch sprach er: „O wie gern hätte ich die Maulschelle hingenommen, die Vitalis empfing!“

 

Damals herrschte die Sitte, dass, wenn ein Kaiser gekrönt wurde, einige Bauverständige zu ihm traten, und ihm allerlei Proben von Marmor vorlegten, sagend: „Von welcher dieser Marmorarten verlangst du, o Herr, dass wir dir dein Grabmal bauen?“ Dieser bedeutenden Sitte eingedenk, war auch Johannes nicht sobald zu seinem Patriarchat gelangt, als er befahl, dass ihm ein Grabmal errichtet, jedoch nicht ganz ausgebaut würde. So oft er nun an feierlichen Tagen im hohenpriesterlichen Schmuck und von der Klerisei umringt dem Hochaltar  sich näherte, musste ein eigens dazu verordneter Diakon ihm zurufen: „Dein Grabmal ist noch nicht fertig. Befiehl, dass es vollendet werde, denn du weißt nicht, wann der Dieb kommt.“

 

Als Johannes auf dem Totenbett lag, lobte er Gott und sprach: „Ich danke dir, Her, dass du mein Gebet erhört, und mir gewährt hast, dass ich nicht mehr hinterlasse, als einen einzigen Heller. So sei denn auch dieser eine den Armen vermacht!“

 

Es wurde aber des frommen Bischofs würdige Leiche in einem Grabmal beigesetzt, in dem bereits zwei andere Bischöfe ruhten. Sofort rückten deren Leichen auseinander um die Seinige in die Mitte zu nehmen.

 

Wenige Tage vor Johannes Tod war eine Frau zu ihm gekommen, und hatte ihm bekannt, dass sie eine sehr schwere Sünde begangen habe, die sie sich aber irgendjemanden zu gestehen scheue. Der Bischof fragte, ob sie schreiben könne? Sie bejahte dies. „Wohlan,“ so sprach er, „so vertraue deine Sünden dem Paper an, versiegele es und bring es mir! Ich will Gott für dich bitten.“ Die Frau tat es. Als aber der Bischof gleich darauf erkrankte und starb, besorgte sie sich darüber, ihr Brief werde nun in andere Hände kommen, und geriet darüber in die höchste Unruhe. Sie ging zu des Bischofs Grab, weinte und wehklagte. „Weh mir,“ rief sie, „indem ich meine Schmach zu verbergen suchte, muss ich nun fürchten, dass sie aller Welt offenbar wird. Ich beschwöre dich, frommer Bischof, dass du mir entdeckst, wo mein Brief geblieben ist.“ Als sie nun nicht aufhörte zu heulen und schreien, siehe, da erhob sich der selige Johannes aus seinem Grab, zugleich mit ihm erhoben sich die beiden Bischöfe, die neben ihm ruhten. „Frau,“ sprach Johannes, „warum beunruhigst du uns, und lässt diese Heiligen und mich nicht in Frieden schlafen? Sind doch unsere Gewänder ganz nass geworden von deinen Tränen.“ Hierauf reichte er ihr den Brief, noch ebenso fleißig versiegelt, wie er gewesen war. „Nimm hin,“ sprach er, „deinen Brief. Öffne und lies ihn.“ Die Frau öffnete den Brief, und fand ihre Beicht hinweggelöscht, wogegen folgende Worte hingeschrieben waren: „Um Johannes meines Dieners willen soll deine Sünde getilgt sein!“ Die Frau fiel nieder und dankte Gott. Der heilige Johannes aber legte sich mit den beiden Heiligen wieder schlafen. Das geschah im siebenhundertfünften Jahr nach Christi Geburt, unter der Regierung des Kaisers Phocas.