Der heilige Hieronymus, Priester, Einsiedler und Kirchenlehrer von Betlehem, + 30.9.420 - Fest: 30. September

       

In fast lebenslänglichem Bemühen hat der gelehrte heilige Hieronymus die gesamte Heilige Schrift in die lateinische Sprache übersetzt und ist dadurch, wie das heutige Evangelium sagt, das Salz der Erde und das Licht der Welt geworden. Wer aber meint, der Heilige sei ein versponnener Stubenhocker gewesen, der ist auf dem Holzweg, denn wenn einer, dann war Hieronymus ein Abenteurer.

 

Falls es im vierten Jahrhundert bereits Reisepässe gegeben hätte, in denen heutzutage jeder Grenzübertritt abgestempelt wird, so wäre der Pass des heiligen Hieronymus sicher eine Sehenswürdigkeit gewesen. Bei der Personalbeschreibung wäre da zunächst vermerkt gewesen, dass Hieronymus aus Stridon auf dem Balkan, hart an Ungarns Grenzen, stammte. Von den Eltern hätte es im Ausweis geheißen, dass sie Christen waren, während seine eigene Konfession mit heidnisch hätte bezeichnet werden müssen.

 

Dann wären seitenlang die Stempel gekommen, der erste mit der Unterschrift Rom, wo Hieronymus als Student der weltlichen Wissenschaften jahrelang lebte und strebte und zuletzt auch die Taufe empfing. Der zweite Stempel hätte auf Trier gelautet. Der dritte Stempel wäre zu Antiochien in Syrien ausgestellt gewesen mit der bedeutsamen Eintragung, dass der Passinhaber die Priesterweihe erhielt. Der vierte Stempel hätte aus der Wüste hergerührt, wo Hieronymus als Einsiedler lebte. Ein fünfter Stempel wäre in Konstantinopel, ein sechster wieder in Rom, ein siebter in Ägypten und ein achter und letzter endlich in Bethlehem, wo der Heilige 420 starb, in den Pass hineingekommen.

 

Ein Unrast war Hieronymus, ein Mann, dem die weite Welt zu klein war, ein ewiger Wanderer auf allen Straßen, Flüssen und Meeren, und dabei durchaus kein Heiliger von der landläufigen Art, so dass man ihn mit einem anderen über einen Leisten schlagen könnte.

 

Heidnisch begann das Leben desjenigen, der heute zu den Vier Großen Kirchenvätern des Abendlandes zählt. Des jungen Mannes Studentenzeit in Rom ist nicht ohne Schatten. Wohl war Hieronymus der Liebling der Lehrer, denn einen begabteren und fleißigeren Schüler als ihn hatten sie noch nie auf der Schulbank vor sich gesehen, aber das lockere Studentenwesen im leichtlebigen Rom der damaligen Zeit ließ auch in seinem Leben Spuren zurück.

 

So ist der Tagesheilige ein dankbarer Beweis für die Tatsache, dass eine unrühmliche Jugendzeit durch Gottes Gnade und des Menschen Streben ausgelöscht und abgelöst werden kann von einem späteren Leben in Heiligkeit. Selbst aus dem letzten Sünder kann immer noch einer der Großen im Himmelreich werden.

 

Gleich nach Empfang der Taufe hat Hieronymus allerdings mit dem bisherigen lockeren Leben Schluss gemacht und hat in harter Kasteiung, in Fasten, Beten und Nachtwachen gegen den Satan und seine Lockrufe zur Rückkehr in die Sünde Stellung bezogen und standgehalten. Deswegen war er aber noch lange kein Heiliger. Solange nämlich der Mensch lebt, muss er um des Guten willen kämpfen, auch der heilige Mensch.

 

Mit dem Stolz und der Eitelkeit bekam es Hieronymus zu tun. Sicher war er hochbegabt, vielseitig gebildet und geistreich, ein Sprachenkenner und ein Wunder an Gelehrtheit; doch all diese Vorzüge stiegen ihm in den Kopf und machten ihn trunken und ließen ihn in seinen Schriften und Reden alles Maß vergessen, so dass er in unchristlicher Weise polternd und schimpfend über Andersdenkende und Widersacher herfuhr. Bis an sein Lebensende im Alter von neunzig Jahren hatte Hieronymus mit diesen menschlichen Unzulänglichkeiten zu kämpfen, und so ist er ein zweiter dankbarer Beweis für die andere Tatsache, dass man die Heiligkeit eines Menschen nicht allein in den Erfolgen in der Tugend, sondern zumeist im guten Willen und ehrlichen Streben suchen muss.

 

Gott verlangt nicht, dass man ein Tugendreich sei. Bloß das verlangt er, dass man das Gute will und ständig danach strebt, und sollte einer auch lügen wie gedruckt und naschen wie eine Maus und schimpfen wie ein Rohrspatz und stehlen wie eine Elster und streitsüchtig sein wie ein verbissener Köter und störrisch wie ein Esel und stolz wie ein Pfau und kratzig wie eine Katze und faul wie ein Siebenschläfer, das alles und tausend andere unschöne Dinge mehr können ihn nicht hindern, heilig zu werden, wofern er sich nur mit gutem und ehrlichem Willen bestrebt, seine Fehler abzulegen. 

 

Aus: "Tiere unterm Regenbogen", von Aloysius Roche, Berlin 1954:

 

Der Löwe und der Esel

 

Der heilige Hieronymus (347-420) war ein großer Gelehrter. Unter anderem übersetzte er die Heilige Schrift aus ihren verschiedenen Ursprachen ins Lateinische, und diese Übersetzung wird heute noch in der ganzen Welt gebraucht. Aber obgleich er sich so sehr der Gelehrsamkeit befleißigte und so leidenschaftlich gern und scharf diskutierte, konnte er sich doch nie ganz vom Verlangen nach dem Einsiedlerleben frei machen. Menschen gingen ihm leicht auf die Nerven, und wenn er fand, dass ihm das zu viel wurde, hielt er’s für das Klügste, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Den ersten Versuch dieser Art machte er schon, ehe er Priester war. Zufällig traf er einen Mönch, und da verließ er die große Stadt Antiochien und zog sich in eine Wüste zurück. Dort brachte er vier Jahre zu, zusammen mit ein paar Gefährten. Vieles litt er in dieser Zeit; aber sogar in der Wüste können recht aufregende Sachen passieren, und wirklich begegnete ihm in seiner Wildnis etwas sehr Merkwürdiges.

 

Wie berichtet wird, fing es damit an, dass er sich mit einem Löwen befreundete. Er hatte ihn von einer Verletzung geheilt, die dem Tier viel zu schaffen gemacht hatte, und da wurde es so zahm, dass es ihn nicht mehr verlassen wollte. Aber Löwen sind teure Kostgänger, wenn man sie als Haustiere hält, und Hieronymus hatte das Gefühl, dass, wenn dieser Gast schon auf Kosten der Mönchsgemeinschaft ernährt wurde, er doch auch etwas dafür leisten musste. Die Frage war nun: zu was ist so ein Löwe gut? Während er sich noch bemühte, eine Lösung zu finden, klopfte einer der Mönche an seine Tür. „Es ist wegen des Löwen, - könnte er nicht unseren Esel hüten? Ihr seid ja immer in Unruhe, er könnte gestohlen werden. Nun, dies wäre eine Gelegenheit für ihn, sich nützlich zu erweisen. Wer, möchte ich wissen, stiehlt einen Esel, wenn ein Löwe dabeisitzt, der ihn bewacht?“

St. Hieronymus dachte, das sei so unrecht nicht, und so trug er dem Mönch auf, den Löwen ohne Verzug zu diesem Amt anzustellen. Noch am selben Nachmittag zogen die beiden Tiere zu dem etwas entfernten Weidegrund aus, eines hinter dem andern. In kürzester Zeit wurde der Esel schneckenfett, denn er war ja nun völlig sorgenfrei, und wenn es ihm in den Sinn kam, legte er sich einfach hin und schlief, er wusste ja: der Löwe passte gut auf.

 

Dann aber kam einmal ein schwüler, drückender Tag, es war im Spätherbst. Kein Blatt regte sich, lag über den Feldern. Der Esel hatte sogleich klein beigegeben; kaum war die Weide erreicht, lag er auch schon lang ausgestreckt da und schnarchte. Der Löwe aber gähnte und gähnte, bis er es schließlich nicht mehr ertrug. „Ein augenzwinkerchen Schlaf kann nichts schaden“, dachte er, und damit legte er auch schon seinen Kopf zwischen die Pranken. Als er erwachte, merkte er als erstes, dass die Sonne schon tief am Horizont stand. Das war ein schlechtes Zeichen! „Ich muss mich reineweg verschlafen haben“, dachte er. Er sprang auf die Füße und suchte ängstlich das Feld nach seinem Schutzbefohlenen ab: der Esel war nicht zu sehen! Vergeblich brüllte er, was er nur konnte, vergeblich suchte er alles ab – der Esel war und blieb verschwunden, es blieb ihm nichts übrig, als heimzugehen und das Beste zu hoffen.

 

Als er zum Tor des Klosters kam, fürchtete er sich hineinzugehen. „Ich weiß, was sie denken werden“, sagte er zu sich selbst, „sie werden denken, dass ich den Esel gefressen habe! Ich habe es ja wirklich nicht getan, - aber ich möchte wissen, wer mir das glauben wird!“ Und so blieb er draußen und kam sich ganz schuldig vor.

 

Obwohl St. Hieronymus entsetzlich schlechter Laune sein konnte, hatte er doch ein gutes Herz. Als die Mönche ihm schließlich meldeten, was da vorgefallen war, beschloss er, das Vergangene vergangen sein zu lassen. „Schließlich“, folgerte er, „haben wir ja keine Beweise, und auch ein Tier hat das Recht, dass man es ohne sie nicht verurteilt. Gebt dem Löwen sein Futter wie gewöhnlich“, sagte er zu dem Mönch, „wenn er nun die Stelle des Esels einnimmt und die Reisigbündel herschafft, die wir für das Feuer brauchen.“

 

Einige Monate später, - der Löwe war gerade dabei, im fernen Wald sich mit seiner Arbeit zu befassen, begann er plötzlich Witterung zu nehmen. Er wurde sehr unruhig und widerspenstig, und obwohl die Brüder alles taten, ihn zurückzuhalten – er riss sich los und warf das Reisig, das er tragen sollte, mit einem Krach auf den Boden. Und dann galoppierte er wie ein Pferd davon, und zwar in Richtung einer Staubwolke, die man in der Ferne sah. Die Mönche meinten, er sei verrückt geworden und glaubten, die stechende Sonne habe ihm geschadet, „er hat’s im Kopf“, sagten sie. Aber der Verstand des Löwen war ganz in Ordnung, so gut wie immer, vielleicht noch besser als gewöhnlich, denn ehe viel Zeit vergangen war, erschien er und führte seinen alten Freund, den Esel, am Leitseil!

Nun kam es heraus: als der Löwe damals sein Schläfchen gemacht hatte, war eine Karawane von Kaufleuten des Weges gekommen. Da sie den Esel ohne Wächter im freien Feld sahen, fingen sie ihn ein und zogen mit ihm weiter. Vom Löwen hatten sie nichts gewusst und deshalb gedacht, sie könnten ganz beruhigt denselben Weg zurück ziehen, wenn sie nur das Kloster „links liegen ließen“.

 

Aber der Löwe hatte seinen Esel über weite Entfernung hin gewittert, und man kann sich wohl die unangenehme Überraschung vorstellen, die die Händler erlebten, als sie ihn in wilden Sätzen mitten in ihre Karawane springen sahen. Sie zerstreuten sich wie Schafe, und der Löwe brauchte nur das Seil zu fassen und das Grautier zu seinem rechtmäßigen Eigentümer zurückzuführen.

 

Die Mönche schämten sich richtig, dass sie ihren Löwen in bösem Verdacht gehabt hatten, wo er doch ganz unschuldig gewesen war, und schworen hoch und heilig, sie würden nie mehr ein voreiliges Urteil fällen!