Der heilige Herväus, Mönch und Einsiedler, + 22.6.566 – Fest: 17. Juni

 

Der heilige Mönch Herväus gründete nach 540 das nach ihm benannte Kloster Lan Houarni (Finistère). Nach der frommen Legende wurde er blind geboren. Als Sohn des Briten Huvarnion (Harvian), der 4 Jahre lang als Musiker und Dichter am Hofe Childeberts I. (511-558) lebte, wusste Herväus als 7jähriger Junge Psalter und Hymnen auswendig, studierte dann beim Mönch Archian und lebte in der Zelle seines Oheims, des heiligen Ursol, gab Kindern Unterricht und wurde von Bischof Huardon von St.-Pol-de-Léon zum Exorzisten geweiht. Sein Fest wird am 17. Juni begangen, seine Reliquien werden seit 1002 in der Kathedrale von Nantes aufbewahrt und verehrt wird Herväus als Patron der Blinden und der Volkssänger. (LTHK 1932, Herder, S. 1010)

 

Hervaeus, der blinde Spielmann

(Aus: Tiere unterm Regenbogen, Aloysius Roche, Berlin 1954)

 

Es ist kein Wunder, dass Blinde – wenigstens soweit sie Vertrauen zu den Heiligen haben – diesen Mann als ihren Patron verehren, er selbst verlor ja das Augenlicht schon als Kind. Als er heranwuchs, quälte ihn die bedrückende Frage: Wie werde ich mein Brot verdienen können? Aber wir wissen: Blinde sind sehr geschickte Menschen. Auch zur Zeit des Hervaeus gab es da keine Schwierigkeit. Er konnte Spielmann werden. Natürlich muss so ein Musikant ein sehr gutes Gehör haben, aber Blindheit schärft ja alle anderen Sinne so sehr, - besonders das Gehör. Und so beschaffte sich Hervaeus denn eine Harfe und fing mit dem Unterricht an. Als er das Instrument beherrschte, war das Weitere nicht mehr schwer.

 

Zu jener Zeit, im sechsten Jahrhundert, standen diese fahrenden Sänger und Harfenspieler in hohen Ehren. Es war eine kriegerische Zeit, und Soldaten brauchen immer Musik, um munter zu bleiben und auch zum Marschieren. Den reichen Leuten in ihren Schlössern kam das Leben oft sehr eintönig vor, und so fand ein Spielmann immer offene Tore. Man hielt ihm eine Mahlzeit bereit und gab ihm gern Unterkunft, und während der langen Winterabende versammelte sich dann das ganze Haus um den brennenden Kamin in der großen Halle, und alle lauschten seinen erregenden Liedern und Heldengesängen, die er zur Begleitung der Harfe sang.

 

Manche werden ganz erstaunt sein, zu hören, dass selbst Klöster sich solche Leute hielten, deren Aufgabe es war, in der Freizeit für Unterhaltung zu sorgen und besonders auch das Lob der Gründer und Wohltäter des Hauses zu singen. Wer die englische Literatur studiert hat, weiß, dass St. Hilda, die große Äbtissin von Whitby, mit Caedmon dem Dichter befreundet war und ihn in ihrem Kloster singen und seine Geschichten vortragen ließ.

 

Wir lesen auch, wie St. Columba, der Abt von Jona, die irischen Barden verteidigte, die gleichsam die Ahnen der Spielleute waren. Es gab Leute, die diese Barden unterdrücken wollten, aber er dachte ganz anders darüber. Und dank seines Eingreifens wurden Musik und Dichtkunst Helfer und Stützen des frommen Lebens für die Menschen. Die Barden waren ihm so dankbar, dass einer von ihnen ein großes Loblied auf ihn dichtete; es wurde noch lange nach seinem Tod gesungen, sowohl in Schottland als auch in Irland.

 

Bekannt ist Blondel, der Lieblingsspielmann von Richard Löwenherz. Als der König aus dem Heiligen Land zurückkehrte, wurde er gefangen genommen, und seine Feinde hielten ihn in Haft. Aber die Engländer wollten ihn unbedingt wiederhaben – nur wusste keiner, wo er war. Da ging Blondel von einem Schloss zum andern und spielte eins von Richards Lieblingsliedern, draußen vor den Mauern.

Und als er endlich vor dem schweren Turm der Feste Dürrenstein spielte, da hörte er Richards Stimme, die in das Lied einstimmte. So wurde der König entdeckt, und sobald sein Lösegeld bezahlt war, wurde er in Freiheit gesetzt.

 

Aber zurück zu unserem Freund Hervaeus: das erste, was er tat, als er ausgelernt hatte, war, sich einen Blindenhund zu beschaffen, der ihn von Ort zu Ort leiten und auch sonst in Gefahren schützen sollte. Der Hund wurde gefunden und setzte mit seinem Herrn nach Britannien über. Dort fing dann die Arbeit richtig an. Hervaeus überließ den Reiseweg mehr oder weniger seinem getreuen Gefährten. Diese Hunde sind ja eigentümlich klug, und Blinde verlassen sich ganz auf ihre Führung.

 

Da geschah es in einer einsamen Gegend des Landes, dass ein Wolf plötzlich aus dem Dickicht hervorbrach und den Hund tötete, der Hervaeus’ Führer war. Das war eine traurige Sache, traurig für Hund und Herrn. Nun stand der arme Mann verirrt in der Wildnis. Niemand war in der Nähe, und er allein fand ja keinen Weg. Er musste doch auch für seinen Unterhalt sorgen und nun wieder ganz von vorn anfangen. Er konnte nichts anderes tun, als den Wolf zu zwingen, die Stelle des Hundes einzunehmen, das war nur gerecht!

 

Der Wolf muss das eingesehen haben, denn er ließ sich tatsächlich an die Leine nehmen und trottete folgsam in gleichmäßigem Schritt in Richtung der Stadt, die Hervaeus hatte erreichen wollen. Er blieb sogar bei diesem Beruf, und deshalb wird der blinde Heilige als vom Wolf geführt dargestellt. Dieser machte sich auch sonst nützlich, manchmal zog er den Pflug, wenn des Spielmanns Land bestellt werden musste, manchmal auch trug er Reisig oder anderen Kram. Später lebte er im Kloster, und es wird berichtet, dass er nachts zwischen den Schafen im Stall schlief!