Die seligen Wilhelm, Hermann, Otto und Degenhard von Niederaltaich, Einsiedler, + 1050, 1326, 1344, 1374 – Gedenktage: 1.11., 28.12., 3.9., 12.9.

 

Nach der Absicht des heiligen Benedikt sollen die Klöster, die seine Regel befolgen, eine Familie darstellen, in der ein Abt als geistiger Vater die Oberleitung haben, die Mönche aber, ihm in Liebe und Gehorsam ergeben, in Gebet und Arbeit bis zu ihrem Tod verharren sollten. Das hinderte aber diesen seelenkundigen Heiligen nicht, für besonders hochstrebende und gottbegnadete Männer, die in ihrem Tugendleben schon so erprobt sind, dass sie furchtlos im Einzelkampf gegen den bösen Feind und alle Laster streiten können, das Einsiedlerleben zu empfehlen. Immer wieder erfahren wir, wenn wir alte Urkunden und Legenden zur Hand nehmen, dass in gutgeleiteten Klöstern solche Männer herangebildet wurden, die dann in abgeschiedener Einsamkeit ein leuchtendes Beispiel der Heiligkeit waren. Solch eine gesegnete Pflanzstätte von Heiligen war das Benediktinerkloster Niederaltaich im 11. und 14. Jahrhundert.

 

Hier lebte damals ein frommer Laienbruder, der selige Wilhelm. Durch das Beispiel der seligen Reklusin Alruna begeistert, entschloss auch er sich zu einem strengen Eremitenleben. Zu diesem Zweck zog er sich in den damals noch recht rauen und unwirtlichen Bayerischen Wald zurück an die Stelle, wo heutigen Tages die Ortschaft Kirchdorf steht. Dort lebte er in äußerster Armut, ergeben strenger Bußübung und der Betrachtung himmlischer Dinge. Dass ihn nicht etwa krankhafte Scheu vor den Menschen oder das Streben sich dem klösterlichen Gehorsam zu entziehen in die Waldeinsamkeit getrieben hatte, beweist der Umstand, dass er die Verbindung mit seinen Mitbrüdern ständig aufrechterhielt. Tag für Tag wanderte er nach dem nahegelegenen Rinchnach, wo ein kleines Kloster mit Niederaltaicher Mönchen bestand, und beteiligte sich dort mit größter Andacht und zur Erbauung aller am gemeinsamen Chorgebet. Hierauf ging er wieder stillschweigend in seine Klause zurück. Von dieser Übung konnten ihn weder lästige Sommerhitze noch die gefürchteten Winterstürme noch die steinigen Bergpfade abbringen.

 

So baute er sich täglich Stufen zu einer verdienstreichen Himmelsglorie, die ihm auch nach seinem seligen Tod zuteilwurde. Jahr und Tag des Todes lassen sich nicht mehr genau feststellen. Aber im Herzen des gläubigen Volkes ist sein Andenken unvergänglich und schon manchen, die in verschiedenen Krankheiten vertrauensvoll sein Grab in der Kirche von Rinchnach besuchten, wurde die Gnade der Heilung gewährt.

 

Ein anderer Einsiedler, der aus Niederaltaich hervorging, ist der selige Hermann. Dieser erblickte im sonnigen Heidelberg am Neckar das Licht der Welt.  Seine Eltern ließen ihm samt seinem Bruder Otto treffliche Erziehung angedeihen. Nach Abschluss seiner Ausbildung verließ er das Vaterhaus und die Seinigen und begab sich auf die Wanderschaft, die ihn nach Köln und 1320 nach Niederaltaich führte, woselbst er das Kleid des heiligen Benedikt nahm. Bei seiner einfachen und geraden Art entwickelte sich Hermann in kurzer Zeit zu einem musterhaften Klosterbruder. Aber sein Streben nach höherer Vollkommenheit führte ihn schon nach wenigen Jahren zum Einsiedlerleben, das er in der Gegend des heutigen Marktes Regen begann. Doch wie einstmals die ägyptischen Einsiedler im Verlangen nach größerer Einsamkeit immer weiter in die öde Wüste vordrangen, so trieb es auch unseren Seligen zu noch strengerer Weltabgeschlossenheit. Diese fand er dort, wo heute Frauenau steht. Hermann errichtete 1323 als erster an diesem Ort eine armselige Hütte, die ihm als Obdach diente. Hier verbrachte er sein Leben mit der Verkündigung des Wortes Gottes und in Übungen der Selbstverleugnung. Seinen Eifer belohnte Gott mit der Gabe, die Zukunft und die Herzen der Menschen zu durchschauen. Doch schon nach drei Jahren wurde die Himmelssehnsucht seiner Seele durch einen gnadenreichen Tod gestillt. Sein Leib wurde in Rinchnach bestattet, wo er noch heute verehrt wird.

 

Besondere Verehrung genießt aber unser Seliger in der Pfarrei Bischofsmais, wo alle Jahre von weit und breit die Leute zum seligen „Hirmo“ (Hirmon, Hörmann) kommen und in den verschiedensten Anliegen seine Fürbitte erflehen. Nicht weniger als drei reizvolle, graugeschindelte Kapellen hat der fromme Sinn früherer Jahrhunderte hier erbaut: ein kleines, vielleicht noch auf die alten Einsiedler zurückreichendes Kapellchen, ein zweites, ein Rundbau im Renaissancegeschmack, über einer Quelle, noch vor dem Dreißigjährigen Krieg errichtet, und ein drittes, größeres Kirchlein, für die Bedürfnisse der zunehmenden Wallfahrt 1677 erbaut. Dieses eigenartige, von schlichter Gläubigkeit erzählende, heiligen Gottesfrieden atmende Heiligtum „St. Hermann“ in seiner beschaulichen Ruhe, im lieblichen Duft von Wald und Wiese, am erquickenden Brunnquell ist eines der stimmungsvollsten Örtchen des schönen Bayerischen Waldes.

 

Ein leiblicher Bruder des seligen Hermann war der oben erwähnte selige Otto. Er ging gleichfalls mit ihm auf die Wanderschaft und nahm in Niederaltaich das Ordenskleid, wo er auch zum Priester geweiht wurde. Als sein Bruder sich in die Einsamkeit zurückzog, wählte auch er das Eremitenleben, das er zunächst volle zehn Jahre in den felsigen Schluchten des Böhmerwaldes führte. Als nach dem Tod des seligen Hermann der Ritter Hartwig von Degenberg in Frauenau eine Kapelle und eine Klause errichtete, um dort als Einsiedler zu leben, gesellte sich auch Otto zu ihm und folgte nun den Fußstapfen seines seligen Bruders. Otto heiligte nicht nur sich selbst durch ein strenges und abgetötetes Leben, sondern führte auch viele Leute der Umgebung auf dem Weg der Buße zu Gott zurück. Bald schloss sich ihm als dritter ein Mönch namens Degenhard an, den er in seinen Geist einführte. Doch durch räuberische Überfälle fortwährend belästigt, sah sich Otto schließlich gezwungen, Frauenau zu verlassen. Er verbrachte den Rest seines Lebens auf dem schön gelegenen Frauenberg bei Hengersberg zu, bis ihn im Jahr 1344 der Tod mit seinem seligen Bruder Hermann im Himmel vereinigte. Seine Reliquien birgt die schöne Klosterkirche von Niederaltaich.

 

Der eben genannte selige Degenhard war der hochbegabte Sohn des Ritters Konrad von Pruck. Sein Sinnen und Trachten war jedoch keineswegs auf ritterliche Taten gerichtet, da ihn schon früh Ekel an dem Leben und Treiben der Welt erfasste, von der er sich alsbald durch Flucht in die Einsamkeit lossagte. Dort war er der gelehrige Schüler und unzertrennliche Gefährte des seligen Otto, so dass er mit ihm auch von Frauenau auf den Frauenberg übersiedelte. Nach dessen Tod stieg er zum Dreitannenriegel empor, wo er auf der Breitenau eine Kapelle zu Ehren des heiligen Bartholomäus und eine Hütte erbaute. Dort lebte er dreißig Jahre lang in strenger Buße und Übung aller Tugenden, weit bekannt durch seine Wundermacht und die Gabe der Weissagung. Im Jahr 1374 endlich durfte er seinem Meister, in dessen Fußstapfen er auf Erden so lange treulich wandelte, auch in den Himmel folgen. Seine sterblichen Überreste wurden in der von ihm erbauten Kapelle beigesetzt.

 

„Siehe, ich will sie an mich locken und in die Einsamkeit führen und zu ihrem Herzen sprechen.“ So verkündete Gott einst durch den Mund des Propheten Hosea (2,16). Darum haben auch die Heiligen die Einsamkeit so geliebt. Können wir, die wir unseren Posten im Weltgetriebe nicht verlassen können, auch dieses Segens der Einsamkeit teilhaft werden? Höre, was der Verfasser der „Nachfolge Christi“ dir rät: „Wenn du dich zurückziehst von überflüssigem Reden und müßigem Umhergehen und vom Anhören des neuesten Klatsches, dann wirst du genug passende Zeit finden um heilsamen Betrachtungen anzustellen . . . Im Stillschweigen und in der Zurückgezogenheit macht die Seele Fortschritte.“ (Nachfolge Christi, I, 3. 27.)