Die heilige Gemma Galgani,stigmatisierte Jungfrau, + 11.4.1903 - Fest: 11. April

       

Gottes Wundertaten an uns Menschenkindern sind auch in der Gegenwart nicht erloschen, sein Arm nicht verkürzt. An der engelgleichen Unberührtheit und Kindlichkeit Gemma Galganis, die bereits zum Liebling aller Frommen geworden ist, erkennen wir mit Verwunderung, wie gut der Herr ist, wie uns eigentlich vom Himmel nichts trennt als der Schleier, der vor unseren Augen liegt, und die Sünde, die Herz und Auge blind macht. In Gemma ist wahrhaft ein Lamm ohne Makel über die Erde gewandert, das mit dem Gotteslamm im Himmel lebte und zugleich am Kreuz starb. Ihr Leben und Leiden steht lichtstrahlend und wahrheitsgetreu vor uns. Gott selbst hat in führender Güte dafür gesorgt, dass dieser Edelstein – das bedeutet der Name Gemma – in echter Goldfassung der staunenden Welt geboten werde. Gemmas Lebensbeschreiber ist ihr Seelenführer geworden, und diesen hat hinwiederum die Vorsehung selber auf nicht gewöhnliche Weise zu diesem Dienst berufen. Was er von der Blüte des mystischen Lebens dieser gottbegnadeten Jungfrau erzählt, das hat er selbst gesehen, erfahren und eingehendst geprüft. Und dieser Berufene, Passionist Pater Germano vom heiligen Stanislaus, war nicht nur ein gründlicher Kenner des geistlichen und mystischen Lebens und der ganzen Glaubenswissenschaft, er war auch in fast allen Zweigen menschlichen Wissens außerordentlich bewandert, unter anderem auch in Natur- und Heilkunde, also der zuverlässigste Zeuge. Wir dürfen und müssen darum auch dem Wunderbarsten, das er berichtet, Glauben schenken.

 

Der kleine Ort Camigliano in Toskana, Norditalien, hat dem Engel im Fleisch, Gemma Galgani, die Wiege geboten; der 12. März 1878 hat sie der Zeitlichkeit geschenkt. Lucca wurde bald ihre eigentliche Heimat. Die erste Gnadengabe für das Kind waren fromme, tiefgläubige Eltern. Voll inniger Liebe erteilte die heiligmäßige Mutter ihren Kindern selbst den Religionsunterricht. Wenn sie da oft ermüdete oder den Hausgeschäften sich zuwenden musste, dann schmiegte sich die kleine Gemma an ihr Kleid und bat inständig: „Mutter, erzähle mir doch noch etwas von Jesus.“ Aber ach! die Mutter starb bald. In dem Erziehungsinstitut der Schwestern von der heiligen Zita fiel Gemma durch ihre einzigartige Bescheidenheit und ihr hohes Verständnis für göttliche Dinge auf. Noch nicht zehn Jahre alt, bat sie so innig um die heilige Kommunion: „Gebt mir meinen Jesus! Ihr werdet sehen, ich werde brav sein. Gebt mir meinen Jesus; denn ich merke es, ich kann es sonst nicht mehr aushalten.“ Bald schon lernte sie die Betrachtung üben und von einer Lehrerin angeleitet, in das Geheimnis des Kreuzes einzudringen. Sie hatte lebhaftes Temperament, heißes Blut; aber vollständig wusste sie sich in ihre Gewalt zu bringen. Je mehr sie im geistlichen Leben voranschritt, desto deutlicher gab Jesus ihrer Seele seine Gegenwart zu erkennen. Sie empfing ihn bald täglich im Mahl der Liebe. „Er teilte mir so vieles mit und ließ mich oft die schönsten Tröstungen kosten“, gestand sie mit kindlicher Offenheit.

 

Über Gemma, die einmal versicherte, dass sie nach Mutters Tod kaum einen Tag verlebt habe, ohne etwas weniges für Jesus gelitten zu haben, brachen schwere Prüfungen herein. Gott wollte sie ganz für sich haben und schien sie von allem loslösen zu wollen, was ihr lieb und teuer war. Ihr liebster Bruder, den sie mütterlich pflegte, starb 1894. Gemma selbst fiel in eine schwere Krankheit. Der Vater, ein wohlhabender Apotheker, verlor beinahe sein ganzes Vermögen. Bald, 1897, raffte ihn selbst der Tod hinweg. Die armen Kinder gerieten in äußerste Not. Gemma verfiel abermals in eine, wie es schien, unheilbare Krankheit. Verkrümmungen des Rückgrates, Hirnhautentzündung, vollständiger Verlust des Gehörs, Gliederlähmung, ein Geschwür in der Lendengegend, das ist die Rückenmarkschwindsucht, stellten sich ein. Bei ihrer Armut fehlte nicht selten die einfachste Labung. In der schmerzvollsten Behandlung weigerte sich die züchtige Jungfrau, sich einschläfern zu lassen, indem sie lieber ihr Schamgefühl wahren, als ihre Qualen lindern lassen wollte. Die Ärzte erwarteten schon ihren Tod. Nun hatte sie von einer besuchenden Dame das Leben des ehrwürdigen Gabriel Possenti zum Lesen erhalten. Sofort fasste sie zu diesem lieben Seligen Vertrauen, das dieser mit seinem treuen Schutz belohnte. Als er ihr das erste Mal erschien, nannte er sie „seine Schwester“. Dem Geist nach sollte sie wirklich „Passionistin“, eine Leidende werden. Gabriel Possenti gehörte nämlich dem Passionistenorden an. Gemma begann eine Novene. Siehe, vor Mitternacht fühlte sie, wie sich eine Hand auf ihre Stirn legte; sie hörte eine Stimme, die neunmal hintereinander zu beten anhob: Vater unser ..., Gegrüßet ... und Ehre sei ... Der selige Gabriel war es. „Willst du gesund werden“, fragte er die Kranke. „Bete jeden Abend voll Vertrauen zum heiligsten Herzen Jesu. Bis ist Novene zu Ende ist, komme ich zu dir und wir beten gemeinsam zum heiligsten Herzen.“ So geschah es. Am Schluss der Novene empfing sie auf dem Krankenbett die heilige Kommunion. Glücklicher Augenblick mit Jesus! Auch er fragte sie: „Gemma, willst du gesund werden?“ Ganz ergriffen sprach sie nur im Herzen: „Wie du willst, mein Jesus!“ Und der gute Heiland gewährte die Gnade. Nach zwei Stunden stand sie gesund da.

 

Dieser ständige Verkehr mit dem Himmel ist eines der auszeichnenden Merkmale des ganz mystischen Lebens der Jungfrau von Lucca. Ihr einziges Streben, die einzige Leidenschaft ihres Herzens ging dahin, Jesus ähnlich zu werden. Und da nun einmal der Sohn Gottes sich der Welt in Schmerzensgestalt zeigte, so wollte auch sie nichts anderes wissen als Jesus, und diesen als Gekreuzigten. Eines Tages sprach der Herr zu seiner Dienerin: „Mut, Gemma, ich erwarte dich auf Kalvaria, jenem Berg, dem du zuschreitest.“ Am 8. Juni 1899, am Vorabend vor dem Herz-Jesu-Fest, wurde sie von einem so heftigen Schmerz über ihre Sünden ergriffen wie noch nie zuvor. Hierauf fühlte sie alle Kräfte ihrer Seele sich sammeln. Rasch folgte die Entrückung der Sinne. Das begnadete Kind sah die Mutter Gottes, zu ihrer Rechten den Schutzengel. Dieser befahl ihr, den Reueakt zu beten. „Tochter“, redete hierauf die himmlische Mutter sie an, „im Namen Jesu seien dir alle Sünden erlassen.“ Alsdann fügte sie bei: „Mein Sohn Jesus liebt dich sehr und will dir eine Gnade erweisen. Wirst du dich ihrer würdig bezeigen?“ Gemma wusste keine Antwort zu geben. Da sagte Maria weiter: „Ich werde dir Mutter sein; willst du dich als eine wahre Tochter erweisen?“ Sie öffnete ihren Mantel und bedeckte damit die Glückliche. In diesem Augenblick erschien Jesus. Alle seine Wunden waren geöffnet, doch floss kein Blut daraus hervor, sondern Feuerflammen erstrahlten. Einen einzigen Augenblick trafen jene Feuerflammen Gemmas Hände, ihre Füße und das Herz. Sie fühlte sich dem Tode nahe und wäre niedergesunken; aber Maria hielt sie noch immer mit ihrem Mantel bedeckt. Mehrere Stunden lang musste sie in dieser Stellung verharren. Dann küsste die himmlische Mutter sie auf die Stirn und alles verschwand. Als Gemma wieder zu sich kam, kniete sie auf dem Boden und empfand einen heftigen Schmerz an den Füßen, den Händen und am Herzen. Es floss Blut daraus. So durfte Gemma gleich dem heiligen Franz von Assisi, der heiligen Katharina von Siena und anderen Auserwählten die Wundmale des Herrn an ihrem Leib tragen. In ihrer kindlichen Einfalt glaubte sie, diese empfingen alle, die sich durch das Gelübde mit Christus verlobt hätten. Das Wunderbare ist, dass die Wundmale nicht etwa ständig blieben, sondern nur am Donnerstag und Freitag sich zeigten und dabei reichlich Blut ergossen. War die Ekstase am Freitag beendet, so hörte das Bluten auf, die verletzten Gewebe des Fleisches zogen sich zusammen, am Samstag oder spätestens Sonntag war keine Spur der Wunden mehr vorhanden.

 

Der Leidensdurst der wunderbaren Jungfrau war dadurch nicht gestillt. Sie wollte auch an den übrigen Schmerzen des leidenden Erlösers teilnehmen. An den vier Freitagen des März 1901 erlitt sie denn auch die Geißelung. Der Körper wies tiefe Wunden auf, das Fleisch war ganz zerfetzt. Hernach klebten die Unterkleider ganz in die trocknenden Wunden hinein. Ein anderes Mal nahm der leidende Heiland die Dornenkrone von seinem Haupt und drückte sie der kleinen Leidensbraut fest in die Schläfe. Gemmas Kopf erschien jeweils ganz mit Stichen durchbohrt, aus denen frisches Blut hervorquoll. Auch die Schulterwunde des Herrn, vom Druck des Kreuzes stammend, durfte Gemma tragen, eine bei anderen stigmatisierten Personen ganz seltene Erscheinung. Diese höchst merkwürdigen Vorgänge, die immer auch die ärgsten Schmerzen mit im Gefolge hatten, dauerten bis 1901. Da trug Gemmas Seelenführer ihr brieflich auf, den Heiland zu bitten, er möge sie von solch auffallenden Erscheinungen befreien. Es kam wirklich so. Die äußeren Erscheinungen an ihrem Leib unterblieben, das Schmerzgefühl aber blieb, ja nahm sogar noch zu.

 

Für Gemma war der Glaube nicht mehr Glaube, sondern offenbare Gewissheit. In seinen tiefsten Geheimnissen fand sie sich zurecht. Sie redete so zutraulich und unbefangen mit Gott, wie eben ein Kind mit seinem lieben Vater plaudert. Die sichtbare Gegenwart ihres Schutzengels schien ihr etwas ganz Natürliches. Sie gab ihm fortgesetzt wie einem Freund die mannigfaltigsten Aufträge an Bewohner des Himmels wie an die der Erde. Visionen, Erscheinungen, wie die der lieben Mutter Gottes, alle Arten von Ekstasen, die die Wissenschaft der Mystik kennt, waren der Jungfrau von Lucca nichts Ungewöhnliches.

 

Ihre Liebe zum höchsten Gut war außerordentlich, so dass ihr Leib glühend heiß wurde. „Pater“, sagte sie einmal, „mein Herz ist ein Schlachtopfer der Liebe, bald werde ich vor Liebe sterben. Diese Flammen verzehren das Herz und auch den Leib ... Wie kommt es nur, dass so viele in der Nähe von Jesus nicht zu Asche aufgehen?“ Das Herz bewegte sich in ganz ungewöhnlichen Zuckungen, die sich ihrer Umgebung deutlich fühlbar machten. Sie selbst blieb wie immer ruhig dabei. Einmal befragt, erwiderte sie in liebenswürdiger Kindeseinfalt: „Merken Sie es denn nicht? Jesus ist so groß, mein Herz aber so winzig klein. Jesus hat nicht Platz in einem so kleinen Herzchen. Da er aber doch sich darin aufhalten will, bringt er es in solche Bewegung. Dem ist nicht gut abzuhelfen. Wissen Sie, Pater, da muss schon Jesus selbst Abhilfe schaffen. Möge sich dieses Herz erweitern und Jesus es sich darin bequem machen.“ Und wirklich, das Herz erweiterte sich. Drei Rippen hoben sich in die Höhe und blieben längere Zeit stark gebogen, so dass die eigenartige Erscheinung bequem beobachtet werden konnte.

 

Und dieser liebeerfüllten „Gottesbraut“ verbarg sich doch bisweilen auch der Bräutigam. Das innere Martyrium der Verlassenheit kam über sie, eine der häufigen Prüfungen auf dem Weg der mystischen Vollkommenheit. Wie rührend sind da ihre Klagen. „Ich suche Jesus und finde ihn nicht. Er ist meiner müde geworden. Armer Jesus, ich habe es dir zu schlimm gemacht. Aber du lässt dich doch wieder finden, nicht wahr?“ Noch ärgere Peinen durfte ihr der böse Feind in verschiedensten Gestalten und Formen zufügen. Die Quälereien des unschuldigen Kindes arteten bisweilen in furchtbare körperliche Misshandlungen aus.

 

Das waren schon anmutigere Kämpfe, die sie mit Jesus oder Maria um die Bekehrung der Sünder führte! Wie stritt sie so lebhaft und eindringlich in Gebeten und Opfern! Anmutig erscheint dieses Kämpfen aber nur uns. Für Gemma konnte es bis zum Blutschweiß kommen. Da stieß einmal ein Verwandter Gemmas schreckliche Gotteslästerungen aus. Die zarte Jungfrau fing darüber an zu zittern und fiel wie tot zu Boden. Das pochende Herz vermochte die Wucht des Schmerzes über diese Beleidigung Gottes nicht mehr auszuhalten. Das Blut drängte durch die Adern bis unter die Haut und ließ es durch die Poren am ganzen Leib in Form reichlichen Schweißes hervortreten. Alle Kleider, sogar der Boden wurden davon befeuchtet. Ob diese Tatsache, die nicht vereinzelt blieb, nicht das erste nachweisbare Beispiel von Blutschweiß in der Geschichte ist seit dem Angstschweiß Christi am Ölberg? Für die Sünder einzutreten und zu leiden, war eine und das nicht die geringste Lebensaufgabe, zu der Gott seine treue Dienerin berufen, zu der er sie auch außerordentlicher Weise ausstattete, wie mit der Unterscheidung der Geister, mit Kenntnis verborgener oder zukünftiger Dinge. Sie durfte manchmal als Vermittlerin und Gesandtin Gottes wirken, auch hochgestellten Personen gegenüber.

 

Die auserwählte Dienerin Gottes sagte am vorletzten Tag ihres kurzen Lebens, am Karfreitag 1903, nachdem sie schon an Seele und Leib namenlos gelitten, zu ihrer Krankenpflegerin: „Verlassen Sie mich nicht, bis ich ans Kreuz geheftet bin. Ich muss mit Jesus gekreuzigt werden. Jesus hat mir gesagt, seine Kinder müssten am Kreuz sterben.“ Bald darauf geriet Gemma in tiefe Ekstase, breitete die Arme aus und verharrte von zehn bis halb drei Uhr in dieser Stellung. Nun war sie mit Jesus im Todeskampf. Eine Mischung von Schmerz und Liebe, von Trostlosigkeit und Friede erschien auf ihrem Antlitz. Die empfindlichste Pein des Heilandes am Kreuz war die Verlassenheit. Auch hierin wurde die Kreuzesbraut ihrem Jesus ähnlich. Er wollte dem Martyrium die Krone aufsetzen. All die Lichtstrahlen und Trostesquellen, die früher so erstaunlich sich über sie ergossen, waren nun versiegt. Kein Priester stand ihr am Karsamstag, den 11. April, in höchster Seelennot zur Seite. Erdrückt von der Wucht der Schmerzen, vom bösen Feind an Leib und Seele gequält, ohne Trost vom Himmel oder von der Erde, hauchte das schuldlose Geschöpf ihr letztes irdisches Wort: „Jetzt ist es wirklich wahr, dass ich nicht mehr kann. Jesus, dir empfehle ich diese meine arme Seele. Jesus!“ Vollbracht war das große Sühneleiden. Dafür hat sie ihre Kräfte erschöpft. Ihre eigne arme Seele wird den als gütigen Richter finden, dem sie im Leben und Tod so ähnlich geworden. Sieh, wie ein süßes Lächeln ihren Mund umspielt! Gemma neigt sanft das Haupt zur Seite und Schlummert unmerklich ohne jeden Todeskampf hinüber in den nahen ewigen Ostermorgen.

 

Wie mannigfach zeigt doch Gott sein Dasein und seine Größe in seiner schwachen Kreatur! Tut er es einmal in ganz auffallender Weise, so müssen wir dankbar und bewundernd seine Güte preisen, die sich würdigt, in unserer gleichgültigen und ungläubigen Zeit ein hochragendes Signal des Glaubens aufzustecken.

 

Gemma Galgani wurde 1933 selig- und durch Papst Pius XII. am 2. Mai 1940 heiliggesprochen. 

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Gemma, das Kommunionkind

 

Dem Italienischen nacherzählt von P. Leo in Mehrerau

 

Erschienen im „Leo“, dem Sonntagsblatt für das katholische Volk,

Nr. 10, 34. Jahrgang, Paderborn, den 5. März 1911

 

Am 12. März 1878 wurden die Eltern Heinrich Galgani und Aurelia Landi zu Camigliano bei Lucca durch die Geburt eines Kindes erfreut. Es war das erste Töchterchen, das Gott ihnen geschenkt hatte. Bei der heiligen Taufe am folgenden Tag erhielt es die Namen Gemma Maria Umberta Pia. Schon bald nach Gemmas Geburt zog die Familie Galgani in die Stadt Lucca (Toskana). Der Vater eröffnete dort eine Apotheke. Die Erziehung der Kinder fiel daher hauptsächlich der Mutter zu.

 

Sie war eine heiligmäßige Frau, sie empfing fast jeden Tag die heilige Kommunion, selbst wenn sie fieberkrank war, schleppte sie sich zur Kirche. Aus dem Gnadenquell der heiligen Eucharistie schöpfte sie die Kraft, ihre schweren Pflichten treu zu erfüllen. Unter ihren acht Kindern betrachtete sie Gemma als ganz besonderes Geschenk Gottes. In diesem Kind hatte die Gnade Gottes aber auch schon sehr früh zu wirken begonnen, die Mutter suchte daher die aufkeimenden Tugenden mit liebevollem Verständnis zu hegen und zu pflegen. Voll Wehmut sprach sie zu ihrer Tochter: „Ich bin krank und muss dich bald verlassen; höre und befolge darum die Lehren deiner Mutter.“ Alsdann erklärte sie Gemma die Wahrheiten unserer heiligen Religion, den Wert der unsterblichen Seele, die Hässlichkeit der Sünde, wies sie hin auf das Glück, ein Kind Gottes zu sein, und warnte sie vor den Eitelkeiten dieser Welt. Ein anderes Mal nahm sie ein Kruzifix und sprach zu Gemma: „Sieh`, dieser liebe Jesus ist für uns gestorben“, und erzählte ihr vieles vom Leben, Leiden und Sterben des göttlichen Heilandes, lehrte sie manches schöne Gebetlein und nahm sie auch mit in die Kirche. Gemma hatte Freude daran; musste ihre Mutter wegen der Hausgeschäfte dieses Beten und Erzählen unterbrechen, so hing sich Gemma an ihr Kleid und bettelte immer wieder: „Mama, erzähle mir noch etwas von Jesus!“

 

Je näher die fromme Mutter ihr Ende herankommen sieht, desto eifriger widmet sie sich der religiösen Erziehung ihrer Kinder. Als Gemma das siebte Lebensjahr erreicht hatte, war sie von der Mutter so gut vorbereitet, dass sie mit ihren drei älteren Brüdern jeden Samstag zur heiligen Beicht gehen konnte. Gewöhnlich führte die Mutter selbst ihre Kinder zur Kirche, sonst ließ sie sie hinbegleiten; die Vorbereitung überwachte sie aber stets persönlich. Es entging ihr dabei nicht, wie ernst und genau es Gemma bei der Gewissenserforschung nahm, wie aufrichtig sie ihre kleinen Fehler bereute; der Mutter standen oft die Tränen im Auge. – Eines Tages sagte sie zu Gemma: „Wenn ich dich dorthin führen könnte, wohin Jesus mich ruft, kämst du mit mir?“ „Wohin denn, Mama?“ „In den Himmel zu Jesus und den lieben Engeln.“ Bei diesen Worten erfüllte eine heilige Freude das Herz des Kindes und von jenem Augenblick an fasste es ein glühendes Verlangen nach dem Himmel, das nie mehr erlöschen sollte.

 

Als man die Kinder vom Krankenbett ihrer an Lungenschwindsucht leidenden Mutter fernhalten wollte, brach Gemma in bittere Tränen aus und klagte: „Wer wird mich jetzt, da ich nicht mehr zur Mama gehen darf, anspornen, zu beten und Jesus zu lieben?“ Sie hörte nicht auf zu bitten, bis die Ärzte das strenge Verbot für sie etwas linderten. Was tat nun das siebenjährige Töchterlein am Bett seiner kranken Mutter? Es sagt es uns selber: „Ich ging zu ihr, kniete nieder und dann beteten wir miteinander.“

 

Mit Aufwendung ihrer letzten Kräfte hatte die fromme Mutter ihr Kind noch auf die heilige Firmung vorbereitet. – Muss ich das Kind verlassen, so will ich es dem Heiligen Geist anvertrauen, er wird es in seinen Schutz nehmen. – Am 26. Mai 1885 wurde Gemma gefirmt.

 

Der Geist der Stärke war in das Herz des liebevollen Kindes herabgestiegen und hatte ihm die Kraft verliehen, die Trennung von der Mutter und deren bald hernach erfolgten Tod mit Ergebung in Gottes heiligen Willen hinzunehmen.

 

Nach dem Hinscheiden der Mutter vertraute der Vater Gemma dem Institut der ehrwürdigen Schwestern von der heiligen Zita zur Erziehung und Ausbildung an. Sie war sehr erfreut darüber und sagte später zu ihrem Seelenführer: „Ich fing an, bei den Klosterfrauen in die Schule zu gehen, und befand mich wie im Himmel.“ Gemma war dem Alter nach eine der Jüngsten in der Klasse, aber alle schauten mit solcher Ehrfurcht auf sie, dass sie als die erste unter ihnen galt.

 

Gemma stand nunmehr im neunten Lebensjahr. Schon längst erglühte ihr Herz von reinster Liebe zu Jesus und verlangte sehnlichst, im allerheiligsten Sakrament sich mit ihm zu vereinigen. Bereits ihre fromme Mutter hatte zu ihr von der Süßigkeit dieser Liebe gesprochen und sie gar oft zum Tabernakel geführt, von wo aus der göttliche Heiland die Strahlen seiner Liebe in die Seelen zu senken pflegt, besonders in die Seelen der unschuldigen Kleinen. Die segensreichen Wirkungen davon zeigten sich bald. Gemma kam es vor, sie halte es einfach nicht mehr aus und vermöge nicht länger zu warten. Mit Tränen in den Augen bat sie den Beichtvater, dann ihren eigenen Vater, die Lehrerin: „Gebt mir Jesus!“ Man machte Schwierigkeiten, wies auf ihr geringes Alter hin, dies um so mehr, als Gemma von so zarter Körpergestalt war, dass sie mit neun Jahren kaum einem Mädchen von sechs Jahren gleichsah. Allein sie setzte ihr Bitten und Drängen fort, brachte immer neue Beweggründe vor und rief aus: „Gebt mir Jesus! Ihr werdet sehen, wie brav ich dann bin; ich will keine Sünde mehr begehen, ich will nicht mehr sein, wie ich früher gewesen; gebt mir ihn; denn ich fühle es, ohne ihn halte ich es nicht mehr aus.“

 

Diesen so glühenden und innigen Bitten vermochte ihr Beichtvater, der jetzige Bischof von Arezzo (Toskana), Johann Volpi, nicht zu widerstehen. Er erklärte also dem Vater geradezu: „Wenn Sie nicht wollen, dass Gemma vor Sehnsucht stirbt, dann lassen Sie sie zur heiligen Kommunion gehen.“

 

Wie erfreut war Gemma im Herzen, als sie diese Erlaubnis erhielt! Sie nahm es mit der entfernteren Vorbereitung sehr ernst. Neuerdings trat sie vor ihren Vater hin und bat flehentlich, er möge sie doch bei den ehrwürdigen Schwestern von der heiligen Zita geistliche Übungen mitmachen lassen. Sie selber erzählt darüber: „An einem Abend wurde es mir endlich gestattet; am anderen Morgen ging ich ins Kloster und verblieb dort zehn Tage. Während dieser Zeit sah ich niemand aus meiner Familie. Gleichwohl ging es mir gut, ich meinte, ich wäre im Himmel. Sobald ich im Kloster war und dieses Glück zu genießen begann, eilte ich in das Kirchlein, dort dankte ich dem lieben Heiland und bat ihn recht inständig, er selber möge mir bei der Vorbereitung auf die heilige Kommunion behilflich sein. Da fühlte ich, wie in meinem Herzen ein großes Verlangen aufstieg, das ganze Leben und Leiden Jesu genau kennenzulernen.

 

Die verstorbene Mutter hatte Gemma schon manches vom göttlichen Heiland erzähl; wer aber mochte diesem Kind gesagt haben, dass sich das Geheimnis des Leidens Jesu so innig mit dem Geheimnis der Eucharistie verbinde? – Wer anders als jener Geist Gottes, der im Herzen dieses Kindes eine so innige Liebe zum allerheiligsten Sakrament des Altars eingepflanzt hatte.

 

Gemma selber versicherte weiter: „Ich eröffnete also dieses mein Verlangen meiner Lehrerin; diese erklärte mir nun jeden Tag einen Abschnitt aus dem Leben des göttlichen Heilandes. Eines Abends führte sie die Dornenkrönung, die Kreuzigung, überhaupt die ganze Leidensgeschichte des Herrn mir so lebendig vor Augen, dass ich vor Mitleid mit dem lieben Heiland fieberkrank wurde und den ganzen folgenden Tag das Bett hüten musste.

 

Die Lehrerin stellte nun ihre Schilderungen der Passion ein und ich hörte die Vorträge des Leiters der geistlichen Übungen. Jeden Tag sagte der Prediger: Wer sich von Christus nährt, wird leben. Diese Worte erfüllten mich mit großem Trost. Ich legte mir die Sache so zurecht: Wenn Jesus in mir ist, lebe nicht mehr ich in mir, sondern Jesus lebt in mir. Ich verging fast vor Sehnsucht, recht bald sagen zu können: Jesus lebt in mir. Dieser schöne Gedanke beschäftigte mich auch noch während der Nacht. Ich bereitete mich auf die Generalbeichte vor, die ich am Samstag vor dem Herz-Jesu-Sonntag, also am 16. Juni 1887, ablegte.“

 

Am gleichen Tag schrieb Gemma an ihren Vater das folgende Briefchen.

 

„Lieber Papa!

Wir stehen am Vorabend meiner ersten heiligen Kommunion, jenes Tages unendlicher Freude für mich. Ich schreibe diese Zeilen, weil ich Dich liebe; auch bitte ich Dich, Du wollest zum Heiland beten, dass er, wenn er das erste Mal zu mir kommt, mich vorbereitet finde zur Entgegennahme all jener Gnaden, die er mir zugedacht hat. Ich bitte Dich ferner um Verzeihung wegen meines Ungehorsams und wegen meiner sonstigen Fehler, wodurch ich Dir Verdruss gemacht habe. Vergib und vergiss doch heute Abend alles.

Ich bitte um Deinen Segen und verbleibe

Deine Dich liebende Tochter Gemma.“

 

Endlich brach der heißersehnte Tag (17. Juni 1887) an, der Morgen des Herz-Jesu-Sonntags war gekommen. Gemma schrieb diesbezüglich später an ihren Seelenführer, den Passionistenpater Germanus in Rom: „Schnell stand ich auf und eilte zu Jesus, um ihn erstmals zu empfangen. Jetzt war mein Sehnen gestillt. Ich begriff nun die Verheißungsworte Jesu: Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm. Was zwischen Jesus und mir in jenem Augenblick vor sich ging, vermag ich nicht auszudrücken. Jesus gab sich meiner Seele gar deutlich zu erkennen. In jenem Augenblick wurde mir klar, dass die Freuden des Himmels ganz anders sind als die der Erde. Ich fühlte mich von dem Verlangen ergriffen, diese Vereinigung mit meinem Gott dauernd zu gestalten. Ich fühle mich immer mehr von der Welt losgeschält und fasste Liebe zur Sammlung und Eingezogenheit.“

 

Das waren also die Eindrücke der Erstkommunion im Herzen Gemmas.

 

Bevor sie das Kloster verließ, schrieb sie folgende Vorsätze nieder:

1. Ich will jedes Mal so beichten und kommunizieren, als wenn es das letzte Mal wäre.

2. Ich will oft Jesus im Sakrament besuchen, besonders wenn ich betrübt bin.

3. Auf jedes Muttergottesfest will ich mich durch irgendeine Abtötung vorbereiten und jeden Abend die Himmelsmutter um ihren Segen bitten.

4. Ich will immer in der Gegenwart Gottes wandeln.

5. Sooft ich die Stunde schlagen höre, will ich dreimal beten: „Mein Jesus, Barmherzigkeit!2

 

Gemma wollte noch andere Vorsätze niederschreiben, wurde aber daran gehindert von der Schwester, die gerade dazukam und ihr erklärte, sie solle sich mit diesen fünf Vorsätzen begnügen. – Der entschiedene Wille und der noch immer wachsende Eifer Gemmas geben uns sichere Gewähr dafür, dass sie ihre Vorsätze auch ausführte. Die nötige Kraft dazu schöpfte sie aus der heiligen Kommunion selber, die sie von jetzt an, solange sie lebte und gesund war, mit Erlaubnis ihres Beichtvaters zuerst dreimal in der Woche, später täglich empfing.

 

Den Freudentag ihrer ersten heiligen Kommunion hat Gemma nie vergessen. Eine Lehrerin bezeugt von ihr ausdrücklich: „Das brave Kind erinnerte sich mit unaussprechlicher Freude an jenen schönen Tag. Selbst während der Erholungszeit kam es im Gespräch auf die reinen und süßen Tröstungen zurück, die es in jenem seligen Augenblick genossen hatte. Bei den geistlichen Übungen, die der Erstkommunion unserer Zöglinge stets vorangehen, erreichte Gemmas Freude den Höhepunkt; jedes Mal nahm sie daran teil, als wenn sie selber wieder zur ersten heiligen Kommunion gehen musste.“

 

Zwei Jahre vor ihrem Tod schrieb sie ihrem Seelenführer nach Rom: „Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, dass der Herz-Jesu-Sonntag auch der Tag meines Festes ist. Gestern verlebte ich einen Tag des Himmels, ich war immer bei Jesus, sprach nur von Jesus, war glücklich mit Jesus und weinte vor Jesus. Die innere Sammlung bewirkte, dass ich noch mehr als sonst mit meinem lieben Jesus vereinigt blieb . . . O ihr frostigen Gedanken an die Welt, entfernt euch von mir, ich will immer mit Jesus vereint sein, und zwar mit Jesus allein . . . Mein Jesus, erträgst du mich noch? Je mehr ich an meine Unwürdigkeit denke, desto verwirrter werde ich. Ich finde keine Ruhe, wenn ich nicht hineile zu deiner unendlichen Barmherzigkeit, mein liebevollster Jesus!

 

Gestern, am Fest des heiligsten Herzens Jesu, verkostete ich neuerdings die Wonne des schönen Tages meiner ersten heiligen Kommunion; gestern genoss ich wiederum Himmelsfreuden. Doch was will das heißen, sie nur für einen Tag zu genießen, da wir sie später auf immer verkosten werden. Der Tag meiner ersten heiligen Kommunion, ich darf es schon sagen, war der Tag, an dem mein Herz am meisten von der Liebe zu Jesus entzündet war. Wie glücklich war ich, als ich, Jesus im Herzen tragend, ausrufen konnte: „O mein Gott, dein Herz ist mein geworden, was dich selig macht, kann nun auch mich beseligen! Was fehlte mir damals zum wahren Glück? Nichts. Ich verglich dann die Freude des Herzens, die ich am Tag meiner ersten heiligen Kommunion verkostete, mit den Freuden, die mein Herz jetzt verspürt, und ich fand keinen Unterschied.

 

Aber nicht alle Tage geht es so. Ich verlebe Tage, wo ich mich meiner selbst schäme. Wie oft habe ich den trügerischen Hoffnungen der Welt mich hingegeben! Aber Jesus möge schnellen Prozess machen, er nehme mein Herz für sich in Besitz, wenn er nicht will, dass ich durch meine Sünden bald wieder zurückkehre, es ihm zu entwinden. O mein Gott, ich möchte aus allen meinen schlimmen Neigungen ein Büschelchen machen, und es dir darreichen, auf dass du durch das Feuer deiner Liebe sie verbrennst und vernichtest. Wenn ich aber, o mein Gott, noch nicht dazu fähig bin, so erachte ich es doch als meine Aufgabe, allen meinen Leidenschaften den Krieg zu erklären. Ich verspreche dir, mich nicht deinem heiligen Tisch zu nähern, wenn ich nicht vorher den Sieg über mich selbst davongetragen habe!“

 

Der göttliche Heiland nahm seine demütige und treue Braut in die Schule der Leiden, damit sie ihm stets ähnlicher würde. Gemma ertrug alles aus Liebe zu ihrem Jesus und zur Sühne für die armen Sünder.

 

Die letzte heilige Kommunion empfing sie am Gründonnerstag 1903, zwei Tage vor ihrem Tod. Ein Augenzeuge berichtet darüber: „Sie erschien wie eine Heilige, im Bett aufsitzend, hatte sie die Hände gefaltet, den Blick gesenkt, das Antlitz erstrahlte, und trotz der Heftigkeit des sie verzehrenden Übels, umspielte ein Lächeln ihre Lippen.“

 

Am Karsamstag (11. April 1903), mittags um ein Uhr schlug für Gemma die Stunde der Erlösung. Im Übermaß des Schmerzes seufzte sie: „Jetzt ist es wirklich wahr, dass ich es nicht mehr auszuhalten vermag. Jesus, dir empfehle ich diese meine arme Seele. Jesus . . .“

 

Das waren die letzten Worte unseres Kommunionkindes:

 

Gemma Galgani