Der heilige Franz von Borgia, Vizekönig, General SJ, + 1.10.1572 - Fest: 30. September

       

Äußerst ungnädig war die Gnädige Frau Herzogin Johanna von Gandia in Spanien, als sie eines Tages ihren achtjährigen Franz zum soundsovielten Mal dabei ertappte, wie er, anstatt zu reiten und zu fechten, um sich auf seine spätere hohe Stellung in der Welt vorzubereiten, wieder mit Heiligenbildchen spielte und ein Altärchen baute.

 

„Junge!“ herrschte die Mutter unbeherrscht den Verdutzten an, „nun lass doch einmal das fromme Getue! Raus mit dir! Aufs Pferd!“

 

Das waren unschöne Worte, die besser ungesprochen geblieben wären, denn das kindliche Spiel der Jungen mit Altärchen und das der Mädchen mit dem Nonnenschleier ist der anmutsvolle Widerschein einer edlen, heiligen Kinderseele, und die Eltern sollten sich über einen solchen Zeitvertreib der Kinder eher freuen als ärgern. Kinder, die das tun, sind bestimmt noch unverdorbene Kinder.

 

Die Herzogin von Gandia konnte übrigens mit ihrem Franz später zufrieden sein, denn aus dem Jungen wurde ein weltgewandter Höfling und ein hervorragender Staatsmann, der sich in den feinen Sitten, in allen ritterlichen Künsten und in den verwickeltsten Regierungsgeschäften mit jedem anderen messen konnte, und nachher wurde noch weit Größeres aus ihm, denn er wurde Priester, Ordensgeneral und ein Heiliger.

 

Mit achtzehn Jahren kam Franz Borgia nach Madrid an den Hof Kaiser Karls V., dessen Reichsgrenzen Europa und Amerika durchschnitten und den Atlantischen Ozean in sich einschlossen. Bald schon schenkte der mächtige Herrscher dem Junker von Gandia seine Zuneigung, und zwischen den beiden blühte eine edle Mannesfreundschaft auf. Borgias Heirat mit der schönen Eleonora de Castro, die dem Gatten im Lauf der Jahre acht Kinder schenkte, brachte das Glück des Edelmannes zum Überfließen, aber im Herzensgrund zutiefst weinte trotz allem die Sehnsucht nach Gott, und dann trat im Jahr 1539 jenes Ereignis ein, das dem Dreißigjährigen den letzten Schleier vor der Nichtigkeit aller weltlichen Ehre und irdischen Glückes hinwegriss und seinem Leben ein klares Ziel gab.

 

Zu Toledo in Spanien feierte Kaiser Karl V. in unerhörter Pracht ein Fest mit Musik und Spiel und Tanz, mit prächtigen Rittern in goldglänzenden Rüstungen und schönen Frauen in Samt und Seide und Edelsteinen, tagelang, und als das Fest den Höhepunkt erreichte, starb über Nacht nach kurzem hitzigem Fieber die junge strahlende Kaiserin, die tags zuvor noch getanzt, gescherzt und gelacht hatte, und da war mit einem Schlag das Fest vorüber.

 

Franz Borgia wurde ausersehen, die Leiche zur Königsgruft in Granada zu überführen, und als er dort, zwei Wochen später, vor der Beisetzung zur Beurkundung vorschriftsgemäß den Sarg noch einmal öffnen ließ, prallte er entsetzt zurück, und ein Grauen erfasste ihn vor der Verwesung, die ihm entgegenstarrte. War das der Rest von aller Erdenpracht? Dann waren Macht und Majestät nur elender Plunder, und alles irdische Glück war wie eine schillernde Seifenblase, die zerplatzt und verdunstet und keine Spur zurücklässt. Dann war alles Irdische nichtig und nur das Ewige wichtig, dann lag des Lebens letzter Sinn einzig darin, dass man die Seele für den Himmel rettete auf dem sichersten Weg, den es gab, rückhaltlos und rücksichtslos, zielstrebig, verbissen und zäh.

 

In jener Stunde erkannte Franz Borgia des Lebens letzte Weisheit, und als sieben Jahre später der Tod auch ihm die Gattin nahm, zog er aus seinem letzten Wissen um die Erdendinge die letzten Folgerungen, er verließ die Welt mit dem Scheinglück, und beim Eintritt in den Jesuitenorden stellte er sich den Obern für jedes beliebige Amt zur Verfügung, sei es Pförtner oder Koch oder was immer.

 

Das war gut gemeint und ehrlich gewollt, aber schwer getan, denn ein Mann, der lebenslang befehligt hat, kann sich erst in Jahren zum Diener aller machen. Wo indessen guter Wille herrscht, wie es bei Franz Borgia der Fall war, da gelingt mit Gottes Gnade das schwierige Werk der Selbstbezwingung, und so meisterlich hat der frühere Herzog von Gandia sich selbst bezwungen, dass er alles Ungestüm und alle Reizbarkeit und alle Herrschsucht ablegte und gegen Schluss des Lebens sanft- und demütig von Herzen wurde, ein Spiegel jeglicher Tugend und ein Vorbild für die Ordensbrüder, die ihn im Jahr 1565 als zweiten Nachfolger ihres Stifters Ignatius von Loyola zum Ordensgeneral wählten.

 

Mit Klugheit und Geschick und unleugbarem Erfolg hat der Heilige sieben Jahre lang bis an das Lebensende das hohe Amt geführt. In seiner letzten Krankheit wies er alle Besuche, auch den Besuch von Kardinälen, ab mit dem Bemerken, er habe es nur mehr mit dem Herrn über Leben und Tod zu tun. Seit der Leichenschau zu Granada hatte Franz Borgia zu tief in die letzten Abgründe des Lebens hineinblickt, als dass ihn irdische Ehre noch hätte blenden können. 

 

Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866:

 

Zu den Heiligen, die am meisten für die Verehrung Mariens geeifert haben, gehört gewiss auch der heilige Franziskus Borgias, Herzog von Candia, und nachmaliger General der Gesellschaft Jesu.

 

Zwar hatte er in der Welt stets ein frommes Leben geführt, aber Gott, der ihn zu einer größeren Heiligkeit berufen hatte, wollte ihn durch ein sonderbares Ereignis näher an sich ziehen. Als die Kaiserin Isabella, Gemahlin Karls V., zu Toledo in der Blüte ihres Lebens gestorben war, bekam unser Heiliger vom Kaiser den ehrenvollen Auftrag, die Leiche nach Granada, der gewöhnlichen Grabstätte der Könige von Spanien, zu übertragen. Bevor die Leiche dem Klerus in Granada überliefert werden konnte, musste der heilige Franziskus mit einem Eid bekräftigen, dass dies wahrhaft die Leiche der Kaiserin sei. Allein bei Eröffnung des Sarges fand man das Angesicht der Verblichenen so furchtbar entstellt, dass gar keine Spur ihrer früheren Züge mehr bemerkbar war. Beim Anblick dieser schauderhaften Masse von Fäulnis und Verwesung durchdrang ein Lichtstrahl der Gnade die Seele unseres Heiligen. Er erkannte in dieser Leiche das Bild aller irdischen Größe und Glückseligkeit. Und kaum war er in seine Wohnung zurückgekehrt, so warf er sich vor Gott nieder, brachte die ganze Nacht im Gebet, in Tränen und Seufzen zu, und legte folgendes Gelübde ab, das er beständig wiederholte und bekräftigte: Herr, ich schwöre dir, dass ich niemals mehr einem Geschöpf dienen will, das mir durch den Tod entrissen werden kann. Nach dem Tod seiner Gemahlin führte er diesen Entschluss getreulich aus, entsagte allen irdischen Ehren, Besitzungen und Hoffnungen, und trat in die Gesellschaft Jesu, um dort in aller Demut und Verborgenheit dem Herrn zu dienen.

 

In seinem ganzen Leben hatte der heilige Mann eine inbrünstige Liebe zur seligsten Jungfrau Maria. Er verrichtete täglich mehrere Andachtsübungen zu ihrer Ehre und besonders das Gebet des heiligen Rosenkranzes, wobei er ganz im Geist der Kirche über die Geheimnisse des Heils längere Betrachtungen anstellte. Und überhaupt so oft er über die Menschwerdung Jesu, über sein Leben oder über sein Leiden nachdachte, richtete er immer zugleich seine Augen auf Maria, die an allen diesen Geheimnissen so wesentlich Anteil nimmt. Bei der Betrachtung der Menschwerdung dachte er sich Jesus im jungfräulichen Schoß Mariens. Bei den Geheimnissen seiner Geburt und überhaupt seiner Kindheit stellte er sich den Erlöser auf den Armen seiner göttlichen Mutter vor. Bei seinem verborgenen Leben sah er Jesus seiner heiligen Mutter unterworfen. Beim Apostelamt Jesu erinnerte er sich, wie seine Mutter alle Worte und Lehren ihres Sohnes bereitwillig aufnahm und in ihrem Herzen bewahrte. Bei den Leiden Jesu sah er Maria in Liebe und Trauer dulden, durchbohrt von dem Schmerzensschwert, unter dem Kreuz stehen. Überall wünschte er in seinem Herzen jene Empfindungen zu erwecken, die Maria gehabt hatte. Und auf diese Weise hatte er bei allen seinen Betrachtungen über die Geheimnisse der Erlösung die Augen stets auf Maria gerichtet, die zu unserem Heil so liebevoll und heldenhaft mitgewirkt hat. Das grenzenlose Vertrauen, das er auf Jesus als unseren Erlöser und Vermittler setzte, gründete sich auch zum Teil auf Maria, die er als unsere Mittlerin bei Jesus ihrem Sohn ansah. Diese Andacht, dieses Vertrauen auf Maria suchte er in Schriften und Ermahnungen unter allen Menschen zu verbreiten. Und nicht bloß beim Volk arbeitete er zur Verherrlichung Mariens, auch in vornehmen Häusern wusste er diese Andacht einzuführen und durch selbe viele Seelen vor der Verführung zu bewahren, viele dem Laster zu entreißen, viele auf dem Weg der Vollkommenheit zu befördern. Überzeugt, dass man nie vergebens betet, wenn man sein Gebet durch Maria ihrem göttlichen Sohn darbringt, nahm er zu ihr in allen Verhältnissen seine Zuflucht, fand bei ihr stets Trost und Hilfe, und zwar oftmals auf die wundervollste Weise.

 

Er sagte oft, dass er die Gnade seiner Berufung zum klösterlichen Stand zum Teil der heiligen Jungfrau verdanke. Für eine so große Gunst bewahrte er sein ganzes Leben hindurch die lebendigste Dankbarkeit. Er war so sehr überzeugt, dass die Verehrung zu Maria ein unerlässliches Mittel sei, um zur Vollkommenheit im klösterlichen Leben zu gelangen, dass er mehrere Novizen in seine Gesellschaft aufzunehmen sich weigerte, die sich nicht besonders vorgenommen hatten, Maria zu verehren und die Folge rechtfertigte sein Verfahren nur zu sehr. Seinem Eifer für die Verherrlichung der heiligen Jungfrau und dem großen Vertrauen, das er auf ihre Fürbitte setzte, verdankt man die frommen Bruderschaften, die unter der christlichen Jugend so tröstliche Früchte hervorbringen.

 

Franz Borgias lebte als Ordensgeneral der Jesuiten und trotz seines Ansehens bei den Päpsten und seinem vielfachen Verkehr mit Königen und Fürsten in größter Abtötung, geduldig in seinen Leiden, zufrieden, wenn er missachtet, heiter, wenn er verfolgt wurde.

 

Unter frommen Gebeten für die Christenheit und die Gesellschaft Jesu starb Franz Borgias am 1. Oktober 1572 den Tod eines Heiligen, in einem Alter von nicht ganz einundsechzig Jahren.