Der heilige Bernardin Realino, Priester aus der Gesellschaft Jesu, + 2.7.1616 – Fest: 2. Juli

 

Bernardin war zu Carpi im Herzogtum Ferrara geboren am 1. Dezember 1530. Unter der sorgsamen Leitung seiner frommen Mutter bewahrte er stets die Reinheit des Herzens. In seinen Studien widmete er sich zuerst mit großem Fleiß der Rechtswissenschaft und bestand zu Bologna sein Examen mit Auszeichnung. Mehrere Jahre bekleidete er das Amt eines Podestá (Bürgermeisters) in verschiedenen Gemeinden, später war er sogar Stellvertreter des königlichen Gesandten in Neapel. Doch Gott hatte ihn zu Höherem berufen. Eines Tages sah er zwei Novizen der Gesellschaft Jesu, deren bescheidenes Benehmen ihn sehr ergriff. Die Neugierde führte ihn zur Kirche des Ordens, wo gerade ein hervorragender Prediger das Wort Gottes verkündigte. Realino entschloss sich zu einer Lebensbeicht, die er dann nach acht Tagen geistlicher Übungen ablegte. Er konnte über seine Zukunft nicht ins Klare kommen. Da leuchtete eines Tages beim Beten des Rosenkranzes ein helles Licht vor ihm auf und in ihm erblickte er Maria mit ihrem lieben Kind, die ihm freundlich zulächelte und ihn zum Eintritt in die Gesellschaft Jesu ermutigte. Nun gab es kein Zaudern mehr. Freudig eilte der bereits vierunddreißigjährige Mann in das Noviziat der Jesuiten zu Neapel. Trotz seiner angesehenen Stellung in der Welt und seines zweifachen Doktortitels wollte Realino um jeden Preis Laienbruder werden. Nur der Gehorsam konnte ihn davon abbringen.

 

Wegen seiner hervorragenden Tugenden wurden dem Heiligen nach Erlangung der Priesterweihe im Orden bald wichtige Posten übertragen. Die ersten zehn Jahre seiner Tätigkeit gehörten Neapel an. Mit regem Eifer, dessen charakteristisches Merkmal stets eine gewinnende Leutseligkeit und Liebenswürdigkeit war, leitete er als geistlicher Vater die Seelen seiner Mitbrüder, förderte er die Frömmigkeit unter der Gymnasialjugend des Kollegs der Gesellschaft Jesu, pflegte er täglich zu predigen und zu katechisieren, übte er Hausseelsorge, ja nahm sich selbst der Türken auf den Schiffen an.

 

Die Hauptstätte seiner Tätigkeit sollte aber Lecce in Apulien sein. Dort rief er ein Kolleg der Gesellschaft Jesu zum Unterricht und zur Erziehung der Jugend ins Leben, dem er auch mehrere Male in der Eigenschaft eines Rektors segensreich vorstand. Neben diesem Amt und besonders wenn diese Bürde nicht auf seinen Schultern lastete, war er unermüdlich tätig in der Kirche des Kollegs als Beichtvater und Prediger, durcheilte er rastlos sein liebes Lecce, um Kranken und Sterbenden beizustehen. Ständig war er von Bittenden umringt, die in geistlichen und zeitlichen Dingen bei ihm Hilfe suchten. Und wie oft wirkte er Wunder, um Hilfe bringen zu können! In ganz außerordentlicher Weise pflegte nämlich Gott das kindliche Vertrauen dieses Mannes zu belohnen. Aus weiter Ferne eilten die Leute zu dem „Heiligen von Lecce“. Papst, Kaiser und andere Großen dieser Erde empfahlen sich seinem Gebet.

 

Öfters wollten die Obern das segensreiche Wirken Pater Bernardins auch anderen Städten zukommen lassen. Aber jedes Mal, wenn sich der Heilige zur Abreise anschickte, wurde er krank, so dass Lecce sein Kleinod behielt.

 

In der Weihnachtsnacht 1608 fand Pater Rektor den alten Pater Realino in der Kirche, zitternd vor Kälte. Er hieß ihn in sein Zimmer gehen. Der Heilige gehorchte. Auf die Knie geworfen, gedenkt er der bittersten Not seines Heilands im Stall. Armes, frierendes Kindlein! Ihm zuliebe hatte er sich ja von den Oberen die Gunst erbeten, Winter für Winter, nur dürftig gekleidet, frieren zu dürfen. Unerwartet stand ihm heute die Stunde himmlischer Belohnung bevor. Licht strahlte mit einem Mal im stillen Gemach. Dem Beter war, als höre er den nächtlichen Jubel der Weihnachtsengel! Wahrhaftig, sieh! Maria schwebt auf ihren Diener zu. Er schaut sie selbst, die Gebenedeite vor allen Frauen. Wie einst der greise Simeon empfängt er jetzt aus ihren Armen das Kindlein, das holdselige, das frierende Kind! „O meine Herrin, noch ein bisschen, noch ein bisschen!“ tönt es dem eintretenden Bruder gerade noch ans Ohr. – „Wer war bei Ihnen, Pater?“ – „O, wenn Sie wüssten! O Bruder, wenn Sie gesehen hätten, was ich schauen durfte!“ So verriet Realino in seraphischer Entzückung sich selber und musste dem Bruder anvertrauen, mit wem er so herzlich sich begegnet, wie sie aussah im azurblauen, sternfunkelnden Mantel und im Purpurgewand, und wie unaussprechlich schön ihr Auge war und auch, dass sie ihn zuletzt das göttliche Kind umarmen ließ. Dies alles musste er jetzt verraten.

 

Welch rührende Einfalt des achtzigjährigen Priesters! Das war der einst so gesuchte Advokat, der von so vielen geschätzte Verwaltungsbeamte, Statthalter und Richter lombardischer Fürsten! Das war der Mann, zu dem die ganze Stadt Lecce wie zu ihrem Vater aufblickte, und den die Bewohner noch zu seinen Lebzeiten zu ihrem besonderen Patron bei Gott erwählt hatten! Als er nämlich mit Bernardin zum Sterben kam, am Heimsuchungsfest der lieben Mutter Gottes, am 2. Juli 1616, da waren noch kurz zuvor der Bürgermeister und einige Stadtverordnete an seinem Sterbebett erschienen und hatten den heiligen Greis gebeten, im Himmel der Schutzpatron Lecces sein zu wollen. Realino musste seine Zustimmung geben. Er hat sein Wort treulich gehalten. Papst Leo XIII. sprach ihn 1896 selig und Papst Pius XII. am 22. Juni 1947 heilig.

 

Wem verdankt dieser Liebling Gottes und der Menschen sein heiliges Leben? In nicht geringem Maße seiner irdischen und seiner himmlischen Mutter. Die irdische Mutter legte durch ihre sorgsame und fromme Erziehung den Grund zu seiner späteren Heiligkeit. Die himmlische Mutter belohnte seine kindliche Liebe zu ihr damit, dass sie ihn während seines langen Lebens leitete, beschützte und mit außerordentlichen Gnaden überhäufte. Er selber aber hat das Wort des lieben Heilands begriffen: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen.“