Der heilige Anselm, Erzbischof, Kirchenlehrer von Canterbury, + 21.4.1109 - Fest: 21. April

       

Viele Kinder müssen tagtäglich längere Strecken mit der Bahn oder mit dem Bus in die Schule Fahren. Das ist in doppelter Hinsicht nicht gut. Erstens kostet es Geld und zweitens verlieren die jungen Leute dadurch Zeit und sind auch manchen Gefahren für Leib und Seele ausgesetzt.

 

Etwas Ähnliches und vielleicht noch Schlimmeres gab es bereits im Mittelalter. Da hat mancher Junge schon nach einigen Jahren Schule Schule sein lassen und ist in die Welt gezogen.

 

Ich reise übers grüne Land,

Der Winter ist vergangen.

Hab um den Hals ein gülden Band,

Daran die Laute hangen.

 

Fahrende Scholaren nannte man die Gesellen. Zu zweien oder dreien zogen sie durch Stadt und Dorf, sangen und spielten vor den Häusern und bettelten die Leute an. Jahraus und jahrein trieben sie es so, lernten nichts und verkamen und verdarben nicht selten auf der Landstraße in Not und Schande.

 

Auch der heilige Anselm gehörte in der Jugend dieser losen Gesellschaft an, und dass er nicht ebenso wie andere an Leib und Seele zugrunde ging, verdankt er wohl dem Segen seiner braven Mutter, dem sie ihm vom Sterbebett aus erteilte.

 

Ohne Zweifel stand über den jungen Jahren des großen Mannes ein Unstern. Die Mutter war eine fromme Frau, aber der Vater galt als Holdrio, als ein leichtsinniger Lebemann. Solange die Mutter lebte, war Anselm ein anständiger Junge, aber kaum hatte sie die Augen geschlossen, da trat der Sohn in die Fußstapfen des unguten Vaters, und nur zu bald trieb er es fast noch toller als dieser. Es kam zu Krach und Bruch, und Anselm verließ die Heimat an der Südseite der Alpen und schlug sich als fahrender Scholar durchs Leben.

 

Weh dem, der keine Heimat hat! Manches Leid hat in diesen Jahren den jungen Anselm getroffen, aber es war sein Glück, dass ihn das Andenken an die verstorbene Mutter aufrecht hielt und ihn davor bewahrte, ein schlechter Mensch zu werden. Eine gute Mutter ist für ihre Kinder in der Tat ein Segen noch übers Grab hinaus.

 

Eines Abends kehrte der fahrende Scholar in der Abtei Bec in der Normandie ein mit der Bitte, über Nacht bleiben zu dürfen. Natürlich wurde es ihm gestattet. Da stellte es sich heraus, dass der Prior des Klosters ein Landsmann war. Gern nahm Anselm daher die Einladung an, mehrere Tage zu verweilen, und aus den Tagen wurden Wochen und Monate und Jahre, und es zeigte sich, dass das wilde Ross, das Anselm hieß, in dem Prior einen Bändiger gefunden hatte.

 

Wieder saß Anselm auf der Schulbank und holte mit eisernem Fleiß die Versäumnisse nach. Dann wurde er Mönch, dann Prior, dann Abt und schließlich Erzbischof von Canterbury in England, hochberühmt durch seine gewissenhafte Treue in der Führung des verantwortungsvollen Amtes, hochberühmt auch durch seinen Mannesmut vor Königsthronen zur Wahrung kirchlicher Rechte und hochgerühmt endlich wegen seiner gelehrten Schriften, derentwegen ihn die Kirche später zum Kirchenlehrer erhob und durch die er, wie das Evangelium sagt, zum Salz der Erde und zum Licht der Welt wurde. Am Lebenslauf des heiligen Anselm erkennt man deutlich die Wahrheit des Sprichwortes: „Muttersegen gilt auf allen Wegen.“

 

Der heilige Anselm starb am 21. April 1109. 

 

Aus: „Tiere unterm Regenbogen“, von Aloysius Roche, Berlin 1954:

 

St. Anselm, der Barmherzige

 

Ein berühmtes Buch aus der englischen Geschichte sagt von diesem Heiligen, dass er besonders wegen seiner Barmherzigkeit geliebt wurde. Man werde wohl immer von ihm erzählen, dass er einst sogar einen kleinen, gejagten Hasen gerettet habe! Natürlich erzählt dieses Buch auch noch sehr viel anderes, was Anselm außerdem war und tat; aber es gibt ein Sprichwort, das sagt: ein Strohhalm zeigt die Richtung, in der die Strömung fließt. Und wirklich wissen wir, dass der Leitfaden zum Charakter eines Menschen nicht so sehr in seinen großen Taten gesucht werden muss, als vielmehr in seiner gewöhnlichen Alltagsart und in hundert kleinen Dingen.

 

Anselm bewies, dass er ein besonders gutes Herz hatte, wie er auch einen sehr guten Kopf besaß – wenn man beides von einem Menschen weiß, hat man schon etwas Positives!

 

Einer seiner Hauptgrundsätze war folgender: „Zucker hat noch keine gute Soße verdorben, aber Essig und Salz schon oft!“ Ein anderer: „Gott wird dem Barmherzigen wiederum Barmherzigkeit erzeigen und Mitleid dem, der selbst Mitleid hat.“

 

Er war ein Mensch, der an die Notwendigkeit der Freiheit glaubte, wie jeder weiß, der sein Leben kennt. Zurzeit, als er Erzbischof von Canterbury war, kämpfte er einen ausdauernden Kampf gegen die Bedrückung, die der König ausübte. Obwohl er vor über 800 Jahren lebte, hatte er manche ganz modernen Ansichten, zum Beispiel verwarf er aufs heftigste den Sklavenhandel. Diejenigen, denen diese Sklaverei um ihres eigenen Vorteils willen überaus praktisch und bequem vorkam, nahmen Anstoß an seiner Ansicht, er aber prangerte sie tüchtig an. Damals meinten wohl die meisten Leute, die Sklaverei habe, wenngleich sie an sich wohl ein Unglück sei, doch auch manche gute Seite – aber er fand es empörend, dass irgendeinem Menschen die Freiheit mit Gewalt genommen werden könnte, einfach auf Grund eines eingewurzelten Missbrauchs.

 

Er glaubte auch an die Notwendigkeit der Freiheit für die Jugend, besonders für die Studierenden. Zu seiner Zeit begann man erneut, die Gelehrsamkeit und Bildung sehr hoch zu schätzen, und man erwartete von denen, die sie zu ihrem Lebensberuf machten, dass sie sehr hart arbeiteten. Zu hart, meinte St. Anselm. Einem seiner Freunde, der selber Lehrer war, schrieb er öfters in dieser Art: „Nie wird dir ein Baum so recht kräftig wachsen, wenn du ihn einsperrst und dicht einschnürst. Die Zweige müssen ja Raum zur Ausdehnung haben und sich ausbreiten. Wie könnt ihr meinen, dass eure Schüler es zu etwas bringen sollen, wenn ihr sie mit allen möglichen Beschränkungen förmlich zurückbindet? ,Nur Arbeit und kein Spiel macht aus dem Jungen einen Dummkopf’ ist auch ein Sprichwort.“

 

Es bekümmerte ihn auch, wenn er ein Tier ohne Grund gefangen sah. Er wurde zornig, als er eines Tages einen Jungen fand, der einen Vogel als Spielzeug benutzte. Eine Schnur war an des Vogels Füßchen befestigt, als wäre er ein kleiner Papierdrache. Im Augenblick schnitt Anselm den Faden durch, „woraufhin“, erzählt der Mönch von Canterbury, der sein Leben beschrieben hat, „der Vogel flog, der Junge heulte, der Heilige lachte!“

 

Als er eines Tages zu seinem Landhaus ritt, lief ein gejagter Hase unter seinem Pferd her und hielt sich ganz schlau immer im gleichen Tempo, in der Hoffnung, so vor den Hunden geschützt zu sein. Und er irrte sich nicht; obwohl die Hunde einen Mordsspektakel machten, bellten und schnappten, riskierten sie doch nicht, den Pferdehufen zu nah’ zu kommen. Einige von Anselms wohlehrwürdigen Begleitern fanden die Sache recht komisch, aber er konnte keinen Scherz darin sehen, er hielt Qual und Tod für schwere Dinge, auch wenn es sich „nur“ um einen Hasen handelte. Und so wies er die Herren zurecht und erlaubte nicht, dass jemand das geängstigte Tier noch weiter hetzte, verbot auch den Hunden mit lauter Stimme, ihm etwas anzutun. Er ließ die Jäger zurück und lenkte sein Pferd sorgsam den Weg entlang, bis er dichtes Gebüsch erreichte. Dort hielt er an und ermunterte den Hasen, sich in Sicherheit zu bringen. Der ließ sich das nicht zweimal sagen und – mit einem großen Satz verschwand er in den Büschen.

 

Natürlich gab es Leute, die über so etwas ihre klugen Köpfe schüttelten. Aber kein Geringerer als der heilige Franz von Sales hat diese Haltung verteidigt. Er erlebte einmal, dass in einem Obstgarten ein Rehbock gejagt wurde, wo er sich zufällig aufhielt. Sein Biograph berichtet, dass er „ernstlich bat, man möchte doch diese Hatz aufgeben – genauso nachdrücklich, als hätte er für einen Verbrecher Fürbitte tun wollen“. Und als sich Menschen fanden, die ihm vorwarfen, er sei zu weich, ja sentimental, da erzählte der Heilige, wie dereinst Anselm das Leben des armen Hasen gerettet hatte.